Asche in der Marketing-Urne

12. November 2010, 15:02
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Die als Superstar gehandelte Lady Gaga gastierte in der Wiener Stadthalle

Beim Download in die Wirklichkeit erwies sich die New Yorkerin als konventionelle Animateurin im Fachbereich der Triebsteuerung.

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Wien - Die Grenze zwischen Schein und Sein ist im Pop wie in der Politik fließend. Da wie dort ist man gewillt, an das Gute zu glauben, da wie dort kostet der Reality-Check meist nur Geld, während der Schein sich verflüchtigt.

Immerhin - für Lady Gaga, die am Donnerstag in der Wiener Stadthalle vor 12.000 Getreuen zwischen sechs und betagt-erziehungsberechtigt auftrat, zahlt man nur einmal. Doch ihr Auftritt führte schnell und schrill vor Augen, dass all die poptheoretischen Projektionen, für die die 24-jährige US-Amerikanerin herhalten muss, das Papier nicht wert sind, auf das sie gekrakelt werden.

Wenn sie auf die Bühne muss, bedient sie sich derselben Mittel, die man seit Michael Jackson, Madonna und ihren Töchtern Kylie, Britney und all den supersexy Tanzmäusen mit Bombenkondition seit 25 Jahren kennt.

Im ewig gleichen Provokationsfundus aus Sex und Religion, dem geilen Gehopse und angesichts der Fleischbeschau zerbröselte die Diplomarbeit über postfeministische Inszenierung unter Berücksichtigung des Youtube-Youporn-Facebook-Twitter-gefällt-mir-Overkills zu Asche in der Marketing-Urne.

Letztlich geht es nur um Money Honey. Dafür gaukelt Lady Gaga ihrem Publikum Kommunikation auf Augenhöhe vor. Auch sie sei auf der High School gehänselt worden, sie verstehe das Leid der Freaks, mit denen sie sich bereitwillig verbrüderte: "Jesus loves everbody!" Egal ob schwul oder hetero.

Das macht Hoffnung im Jugendzimmer. Niemand ist perfekt, alle sind okay. Jubel. Gekreisch. Und Gagas fast nackter Hintern, der diesen Applaus empfängt, wackelt zum Garderobenwechsel. Noch weniger Tuch geht immer.

Angebot und Nachfrage

Aufgetaucht ist die als Stefani Joanne Angelina Germanotta in die New Yorker Upperclass geborene Musikerin 2008 mit dem Album The Fame. Damit sättigte sie das Verlangen nach einem neuen Superstar. Schließlich sind alle anderen entweder verbraucht, Omas - oder mausetot. Mit krassen Outfits, die Einfärbige mit dem Begriff Paradiesvogel umschreiben, sah man in ihr einen neuen David Bowie, eine neue Madonna sowieso.

Gaga, die fröhlich Ungenierte, nahm für ihr Image von beiden. Die Musik spielt da nur noch eine Nebenrolle, fungiert bloß als Soundtrack für die Sehnsucht Verführbarer mit einer Schwäche für simple Reize. Auch hier: Pop und Politik in enger Umarmung. Dafür braucht es kein besonderes Talent, sondern Geld und Marketing. In der kurzen Gaga-Karriere funktionierte das bisher bestens.

Der Mythos ist geschaffen und kann sich nur noch selbst zerstören. Ein Lady-Gaga-Konzert ist dabei hilfreich. Nicht wenige junge Fans rangen im Mittelteil der Show mit dem Schlaf, während die Lady mit dottergelber Frisur blutverschmiert auf dem Boden lag, sich an einem Tänzer zu schaffen machte oder am Piano tranige Balladen wie Speechless sang - wovon der in Flammen gesetzte Flügel nicht ablenken konnte. Dazwischen folgten Aufforderungen, die im Englischunterricht noch nicht durchgenommen worden sind: "Get your dicks out, you motherfuckers!"

Zwecks Unterstreichung von derlei Wünschen wummerte aufwändig inszenierte Disco-Mucke der Marke "Boney M. 2.0", das Stück Alejandro stimulierte wiederum La Isla Bonita-Erinnerungen auf der Müllhalde des Gedächtnisses. Ein Miet-Tarzan malträtierte ausdrucksstark die Gitarre, Gaga gab den Kumpel, die Schlampe, das Christkind, das im seltsamen "Osterraich" Geld verzockt und sich besoffen hat. Die Tanzmaus als Edelpunk - auch nicht neu. 

Der Schlusssprint mit Pokerface und Bad Romance muss, gemessen am Publikumszuspruch, dennoch als gelungen eingestuft werden. Wer für einen popeligen Sitzplatz 109 Euro bezahlt, erliegt dann doch lieber dem Schein als dem Sein. (Karl Fluch, DER STANDARD - Printausgabe, 13./14. November 2010)

  • Vorder- und Rückansicht zählen bei Lady Gaga gleich viel. Der 
US-amerikanische Popstar gab in der Stadthalle anschaulichen 
Aufklärungsunterricht mit Musik: "Ihr seid alle okay!"
    foto: standard/christian fischer

    Vorder- und Rückansicht zählen bei Lady Gaga gleich viel. Der US-amerikanische Popstar gab in der Stadthalle anschaulichen Aufklärungsunterricht mit Musik: "Ihr seid alle okay!"

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