Box die Integration, vergiss den "Hintergrund"

11. November 2010 19:43

Ein Zwischenruf aus dem Migrationsvordergrund eines Amateursportvereins in Reaktion auf Thomas Schmidingers Kritik am Intellektuellen-Aufruf "Schluss mit der Integrationsdebatte" im gestrigen "Standard"

Als Mitglied eines Wiener Kultur- und Sportvereines, Untergruppe Boxen, möchte ich, anstatt Debatten zu prolongieren, über meine praktischen Erfahrungen und Erlebnisse berichten, in einer Gruppe der einzige "ohne Migrationshintergrund" zu sein, von meiner kärntnerischen Abstammung einmal abgesehen.

"Migrationshintergrund" , was ist das überhaupt? Etwas Unberührbares? Ein Fetzen Stoff, der uns bei der Geburt ans Kleid genäht wurde? Werden wir dadurch (in) der Öffentlichkeit gekennzeichnet wie Parzival und andere Narren durch ihr Kostüm? Wird damit die eigene Verletzlichkeit sichtbar gemacht wie bei Siegfried, dem ansonsten Unbesiegbaren? Oder ist es eine Tapete, die man ständig mit sich herumträgt, in die man sich einwickeln kann wie amerikanische Patrioten in die amerikanische Flagge? Oder in die man vielmehr bei Bedarf aus politischem Kalkül eingewickelt werden kann, ohne sich jemals wieder selbsttätig daraus befreien zu können?

Wem nützt die Verwendung des Begriffs"Migrationshintergrund" ? Warum wird er auch noch bei jenen erwähnt, die bereits in zweiter und dritter Generation hier leben? Wie viele migrationsfreie Vorfahrengenerationen muss man aufweisen können, um seinen eigenen Migrationshintergrund löschen zu dürfen, um sich als "Österreicher ohne Migrationshintergrund" bezeichnen zu dürfen" ? Ist der Migrationshintergrund eine tragbare Blue Box, auf die von jedem jegliche, auch noch so perverse, Fantasie projiziert werden kann und wohl auch soll, vor allem von denen, die keinerlei Befugnis und Berechtigung dafür aufweisen, weder fachlich noch moralisch? Von mangelnder Fantasie, Kreativität, Bildung, Empathie ... fangen wir an dieser Stelle gar nicht erst zu reden an.

Ich selbst lerne seit drei Jahren Kroatisch, um mich in meiner zweiten Heimat mit den Nachbarn verständigen zu können, und ich bin stolz über jeden Fortschritt und freue mich über jede gelungene Kommunikation.

Im Boxclub, in den wenigen Wartepausen, in der Garderobe, unter der Dusche, versuche ich mein Kroatisch anzuwenden, ich rede Kroatisch mit einem Serben, der Serbe sagt "Hrvat" (Kroate) zu mir, ich sage "Srb" (Serbe) zu ihm, er sagt, er sei gar kein Serbe, er wohnt seit seiner Kindheit in Österreich, ich sage, ich bin kein Kroate ... egal, dann sind wir halt beide Jugo oder Ex-Jugo ... Dann lachen wir und boxen die balkanesische Versöhnung. Unter der Dusche singen wir gemeinsam Peter Alexanders Lied "Frühling" , eine Cover-Version des Songs "Feelings" (Morris Albert / Loulou Gasté), ich improvisiere daraufhin die Jugo- oder Ex-Jugo-Version "Proljece" und dann krümmen wir uns vor Lachen.

"Migrationshintergrund" hihi ... Unser Trainer ist Balkanese (ich weiß gar nicht woher, ist ja egal), der Ko-Trainer hat afrikanischen Migrationshintergrund, unter den Kollegen sind Albaner, Serben, Türken, Tschetschenen, Piefke und was weiß ich noch ...

"Migrationshintergrund ..." Was? Wozu? Wieder die Frage, "Wem ist damit geholfen, wer profitiert, wessen Aktien steigen" ? Die Frage "Wem wird dadurch Schaden zugefügt?" geht dabei unter. Würden wir die Wände im Boxclub mit all den Migrationshintergründen austapezieren, käme ein bunter Fleckerlteppich und somit die Welt raus, wie sie ist. Das wäre schön. Wer hat damit Probleme und vor allem warum?

Mir fällt hier ein junges Talent im Bereich Klangkunst ein "The Artist formerly known as HC" , den ich gerne einladen würde, mit uns gemeinsam unter der Dusche "Frühling" zu singen und sich gemeinsam halbtot zu lachen über all den unnötigen Blödsinn, der hier verzapft wird. Stattdessen spielt dieser selbsternannte Klangkünstler der aufmerksamen Öffentlichkeit todernst, ohne sich jemals der Komik seiner Medienperformance bewusst zu werden, angeblich manipulierte ORF-Bänder vor, die klingen wie die verworfenen ersten Entwürfe zu Stockhausens "Gesang der Jünglinge im Feuerofen" "overdubbed" mit Walgesängen.

Lieber H.-C. und Konsorten, kommt zu uns in den Boxclub, boxen wir die Versöhnung, singen wir gemeinsam Peter Alexander, bezeichnen wir uns gegenseitig als Jugo, Schwabo, Piefke und vergessen wir den bierernsten Nicht-Migrations-Vordergrund, vor dem erst so was wie der vielzitierte Hintergrund entstehen kann.

Würde in der Politik, am Stammtisch und auch sonst wo die Unaufmerksamkeit und das Unvermögen bei gleichzeitig aggressivem Verhalten ebenso unmittelbar und unmissverständlich beantwortet werden wie im Boxsport ... Na servas Kaiser!

"Immer locker bleiben" , in den Hüften und vor allem in den Regionen darüber, die ursprünglich für das Mit-Empfinden (Herz) und das Mit-Denken (Hirn) konfiguriert wurden. - Ich freue mich jeden Montag und Donnerstag auf das Boxtraining: "Feelings, Frühling, Proljece ..." (Klaus Karlbauer/DER STANDARD, Printausgabe, 12. November 2010)

 

Zur Person

Klaus Karlbauer ist Komponist, Multimediakünstler, Pamphletist und Lehrbeauftragter für Medientheater am TFM (Institut für Theater, Film- und Medienwissenschaft) an der Universität Wien.

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    1 2
    Hans Müller1
     
    12.11.2010 18:52
    Dem Kommentar ist positiv anzumerken dass sich der Autor

    zumindest im täglichen Leben mit Österreichern mit Migrationshintergrund (sry) abgibt und nicht aus dem Elfenbeinturm schreibt wie die anderen Experten hier

    Nikolaus Glattauer
    12.11.2010 17:54
    Großartig!

    einer der besten Kommentare, die ich zu diesem Thema je gelesen haben. vielleicht sogar der beste, und da sind meine eigenen miteingeschlossen :-)

    KlausKarlbauer
    14.11.2010 09:00
    Hvala lijepa

    :-)

    Marcus Maccabaeus
    12.11.2010 17:28
    Thema verfehlt, nicht genügend setzen!

    Bei der Migrtationsdebatte gehts nicht um Kroaten, Slowenen, Slowaken, Tschechen, Ungarn oder z.B. Polen, die sich bisher immer innerhalb weniger Jahre bei uns integriert haben, sondern vorallem um die Türken, die sich nach drei Generationen noch immer nicht integriert haben!

    kandesbunzler
    12.11.2010 14:37
    integration 2010

    Integration im boxclub funktioniert sicher besser, als auf dem politischen Parkett. Wie auch, wenn sogar die grüne Elite ihre Kinder in ausländerfreie Privatschulen steckt?

    N. N.
    12.11.2010 14:17
    Nett geschrieben,

    aber null Argument. Leider symptomatisch für diese ganze Debatte.

    Ronnie Herbolzheimer
    12.11.2010 13:04

    Sehr kluger Kommentar, auch einfach aufgrund dessen, daß hier jemand mit den Leuten und nicht über die Leute redet. Dieses Unwort vom "Migrationshintergrund", irgendwelchen Halbakademiker-Klausuren entsprungen und von keinem der Betroffenen je angewendet, hat so etwas herrenmenschliches - wir wissen die korrekte Bezeichnung für euch, auch wenn Ihr selber sie gar nicht kennt.

    x aeins
    12.11.2010 13:45

    bissl naiv - denn wenn du mit jemanden reden,zusammenarbeiten,sporteln...kannst, dann ist die "Integration" ja schon gelungen und der "Migrationshintergrund" verblasst
    diese Begriffe bilden ja die Diskussionsgrundlage, um über Leute zu reden oder Lösungen zu finden, mit denen du das (noch) NICHT kannst, und die Lösungen entstehen nicht dadurch, dass du die Begriffe nicht (mehr) verwendest

    Ronnie Herbolzheimer
    12.11.2010 15:35

    Wer ist da wohl naiv? Ich arbeite ständig mit Zuwanderern (der Begriff ist exaktso genau wie "Migrant", klingt aber leider nicht so schön nach 6 Semestern Sozialpädagogik), rede allerdings mit denen und nicht über sie und brauche auch nicht vorher eine gänzlich andere Begriffswelt für die Diskussionsgrundlage, vor allem keine Begriffswelt, die für die Betroffenen unnötige Schwellen erzeugt. Wie will irgendwer Lösungen finden, wenn er nur "über Leute" redet - das klingt wie wenn sich Zoodirektoren über die Käfiginsassen unterhalten.

    x aeins
    12.11.2010 20:20

    also nur keine Theorie mit Begriffen, die Praxis genügt?
    Wenn die Praxis aber Probleme macht, ist es vielleicht sinnvoll sich um eine Theorie, basierend auf klaren Begriffen, zu bemühen
    oder?
    sonst schaffen wir vielleicht auch die Berufsschulen ab, wer braucht schon Papier, wenn der Schraubenschlüssel passt?

    Ronnie Herbolzheimer
    12.11.2010 21:00

    Mit Verlaub - das ist unsinnig. Wieso soll "Migrationshintergrund" ein klarerer Begriff sein als "Zuwanderung"? Und was hat das ganze mit "Theorie" zu tun? Wir züchten bei uns seit Jahrzehnten eine Kaste mittelgut bezahlter Leute, die in irgendwelchen Apparaten um sich selber kreisen, vor ihrem eigenen Fachchinesisch niederknien, während die eigentlichen Probleme an ihrem lauwarmen Elfenbeinturmdasein vorüberziehen. Theorie ist etwas anderes.

    x aeins
    12.11.2010 23:05

    also Migrationshintergrund kann heißen, ich hab ein anderes Verständnis von Frauenrechten, glaub an Primat der Religion, hab größere Sprachprobleme, denk patriarchalisch
    und Zuwanderung heißt nur, dass ich vorher nicht da war
    soviel zur Bedeutung der Begriffe

    pingadelic
    12.11.2010 14:13
    oje, leider selber naiv

    achso, reden und sporteln und die Integration ist schon gelungen? Tschuldige, aber das ist naiv...

    x aeins
    12.11.2010 14:29

    ja was willst denn noch? soll er seine ganzen Lebensgewohnheiten mit den deinen abgleichen?
    wenn du mit ihm arbeiten und reden kannst, kannst ihm ja deine ganzen übrigen Werte mitteilen, und vielleicht nimmt er sie an - oder du seine,wenn sie Sinn machen?

    sekir 09
    12.11.2010 11:24

    sehr gut. locker bleiben

    telecaster1
    12.11.2010 10:49
    Vor 40 Jahren

    hat man entdeckt , dass Gastarbeiter billig und willig sind und hat sie gut und gerne ins Land geholt - Wirtschaftswachstum - ÖVP jubelt.
    Die Familien der Gastarbeiter kamen nach und auch das fand man gut , weil sich die Arbeitsmoral weiter verbesserte. Solange die Wirtschaft blühte, fanden die Politiker keinerlei Mängel an dieser Entwicklung, bis es der Bärentaler gezielt als Gefahr thematisierte.
    Miganten haben einen großen Anteil am Wohlstand in Österreich. Was wohl die Natives über die zahlreichen Migranten in den USA denken ?

    Marcus Maccabaeus
    12.11.2010 17:30

    Wieso sinken die Realgehälter mit der Anzahl der Einwanderer?

    pingadelic
    12.11.2010 10:27
    gratulation!

    super, Klausi - einen besseren Kommentar zu dem Thema hab ich noch nicht gelesen.
    Gehört eigentlich an die Parlamentstür angeschlagen!

    FlauschBär
     
    12.11.2010 10:09
    Nation

    Ein Problem ist, dass der Nationalismus des späten 19./ bzw.des 20 Jh. noch immer unser Denken beeinflusst. Es gibt in jedem Land gewisse Archetypen und je weiter man von diesem "Ideal" abweicht um so weniger "gehört man dazu".Sei es wegen des Namens, wegen des Aussehns, wegen des Akzents oder der Religion. In umso mehr Punkten man von diesem fiktiven Archtype-Österreicher abweicht umso weniger sehen Mitmenschen einen selbst als Österreicher und desto weniger kann man sich selbst damit identifizieren. Es wäre vielleicht gut die "Österreichische Nation" so zu definieren dass Sie der Gegenwart entspricht und nicht der 1. Republik. Weniger "Blut und Erde", mehr"persönliche Freiheit und Menschenrechte".Das schließt Muslime ein u. Islamisten aus

    Marcus Maccabaeus
    12.11.2010 17:31

    Ich würde vorschlagen diese Definition gefälligst den Österreichern selbst zu überlassen!

    TomSim67
    14.11.2010 11:18

    Warum hat eigentlich ein Makkabäer eine römischen Namen?

    David Stroganoff
    12.11.2010 20:07

    Meinte natürlich die Aussagen von "Flauschbär"!

    David Stroganoff
    12.11.2010 20:06

    Vielleicht ist "pingadelic" Österreicher und definiert Ö für sich so, stimme Ihm da völlig zu.
    Und jetzt wirds erst spannend, wenn Sie mir(uns) gerne Ihre Definition nennen. Damit wäre der Diskussion sicher mehr geholfen, als Alles was Sie nicht hören wollen, als nicht österreichisch zu definieren.
    Wie kommen Sie eigentlich dazu für Alle Österreicher zu sprechen und das noch mit unverschämtem Worten wie "gefälligst".
    Schaun´s gefälligst, dass weiterkommen!

    her mit den Strichen!
    12.11.2010 13:24
    Sehr clever formuliert "Das schließt Muslime ein u. Islamisten aus"

    Auf die Definition der österr. Kultur geschweige denn "Nation" werden wir lange warten. Und wenn diese doch käme, dann sehr unterschiedlich, je nachdem ob aus Wien, Kärnten oder Vorarlber, von Historikern oder Soziologen, Unter- oder Oberschichtler, Linker oder Rechter, usw usf.

    An anderer Stelle las ich "die Juden waren in Österreich sehr gut integriert ... bis sie vernichtet wurden"

    x aeins
    12.11.2010 09:54

    beweist doch, dass eine sinnvolle Definition für "Integration" möglich ist und dass man darüber sehr wohl diskutieren soll
    brauch ich nur kopieren:
    >Integration heißt nicht dass alle so werden wie der Oberdepp vom Nachbarhaus, sondern dass alle soweit kommen dass sie gemeinsam an einem sinnvollen Projekt zu arbeiten imstand sind egal woher jeder kommt - das versteht auch mein Hausmeister<

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