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Teenie-Stars des frühen Kinos: Die jugendlichen Schwestern Lillian (re.) und Dorothy Gish im Suspense-Thriller "An Unseen Enemy" von 1912.
Wien - Die Filmschaffenden der ersten Kinojahre waren Amateure, Autodidakten, Selfmademen - und etliche Selfmadewomen. Sie arbeiteten ins Offene, Unbekannte. Mit der jungen Technologie erschlossen sie Neuland, auf der Basis ihrer Praxis als Schauspieler, Schausteller, Autoren, Künstler. Relativ zügig entwickelten sie andere Formen des visuellen Erzählens, als man sie etwa vom Theater kannte. Nicht nur Raum, Zeit und Perspektive waren im Film flexibler handhabbar. Ein einzelnes Gesicht oder ein Detail, hervorgehoben in einer Großaufnahme, im Wechsel mit weiter gefassten Ansichten einer Szene, das konnte das Publikum noch einmal ganz anders fesseln als die bewegten Tableaus der ersten Jahre.
Das Österreichische Filmmuseum erinnert derzeit an einen dieser Filmpioniere, dessen Namen die Chronisten des Kinos schon früh verzeichneten und der bis heute einen fixen Platz in den Filmgeschichtsbüchern hat: David Wark Griffith, Jahrgang 1875, Sohn eines konföderierten Offiziers aus Kentucky, schlug sich als Schauspieler durch. Seinen Versuchen, als Bühnenautor Fuß zu fassen, war eher wenig Erfolg beschieden. Als Autor wurde er zuerst auch bei Filmfirmen vorstellig. Bei Biograph - einem der US-Marktführer jener Zeit - übertrug man ihm stattdessen die Aufgabe, jene rund 15-minütigen Spielfilme zu inszenieren, die damals Standard waren.
Hunderte Miniaturen
Damit begann 1908 die erste Schaffensphase des US-Regisseurs: Bis 1914 drehte er 465 solcher Miniaturen. Allein diese Menge an Filmen macht nachvollziehbar, dass Griffith neben dem Erwerb der nötigen Routine auch Spielraum für Experimente und Neuerungen hatte. Inhaltlich baute der Charles-Dickens-Fan häufig auf Stoffe aus dem viktorianischen Melodramenrepertoire. Er begann, dieses Material neu zu organisieren, operierte zum Beispiel bald souverän mit der Parallelführung von Erzählsträngen zwecks Spannungssteigerung ("The Lonely Villa", 1909, u. a. ).
Die Biograph-Filme boten ihm die Möglichkeit, ein Team zu formieren: Einen entscheidenden Mitstreiter fand Griffith beispielsweise im Kameramann Billy Bitzer. Vor der Kamera setzte er unbekannte Talente ein und band sie längerfristig an seine Projekte. Mit Mary Pickford drehte er an die hundert Filme. Pickford wiederum machte ihn angeblich mit zwei jungen Kolleginnen bekannt, Schwestern mit Namen Lillian und Dorothy Gish, die als Theaterkinder aufgewachsen waren und nun ebenfalls zum Ensemble um Griffith stießen.
Vor allem Lillian (1893-1993) entwickelte sich zum Star. Ihr feingliedriges Spiel, das gegenüber dem Ausdruck klassischer Diven verhalten und zart wirkte, steigerte gleichwohl die Intensität der kurzen Melodramen - ob als unschuldig verliebte und dann bitter betrogene, um den Verstand gebrachte "Painted Lady" (1912) oder in höchster Panik vor einem bewaffneten Eindringling im frühen Thriller "An Unseen Enemy" (1912). Lillian gehörte noch zum Griffith-Team, nachdem dieser sich den längeren Filmformaten zugewandt hatte, und ihr Spiel erwies sich darin als genauso tragfähig: Wie sie sich etwa in "Broken Blossoms" (1919) als geschundene, misshandelte Kreatur auf Geheiß ihres prügelnden Vaters buchstäblich ein Lächeln aufsetzt, das wirkt noch heute herzzerreißend.
Die im Filmmuseum laufende Schau hat der Early-Cinema-Spezialist Paolo Cherchi Usai zusammengestellt. Zahlreiche Regiearbeiten von Griffith sind zu sehen: darunter Raritäten wie "True Heart Susie" (1919) ebenso wie das notorische Nationsgründungsepos "Birth of A Nation" (1915), aber auch Werke von Zeitgenossen wie George Loane Tuckers "Traffic in Souls" (1913), um den Mythos vom großen Erfindersolisten zu korrigieren. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.11.2010)
Bis 28. November
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