Brösel in der Hochburg der Krapfen

11. November 2010, 16:49
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Österreichs Händler holen sich Krapfen vermehrt aus Deutschland. Ströck baut um elf Millionen Euro aus und steigt mit Rewe groß in das Geschäft ein

Peter Györgyfalvay ist mit Krapfen groß geworden. Im Vorjahr hat der Eigentümer von Kuchen Peter gut 37 Millionen Stück an Supermärkte ausgeliefert. Mit seinem Familienbetrieb in Hagenbrunn hart am Stadtrand von Wien deckt er damit mehr als ein Drittel des österreichischen Bedarfs, in einem Geschäft, das sich längst übers ganze Jahr zieht, von ein paar mageren Sommermonaten abgesehen.

Seit zwei Generationen hält Kuchen Peter schon die Hoheit über die süße Branche, auch aufgrund der großen Kunden Rewe und Hofer. Pünktlich zu Faschingsbeginn mit elften November probt jetzt jedoch, wie der Standard erfuhr, ein gewichtiger Rivale die Übernahme des umsatzreichen Marktes.

Der Wiener Bäcker Ströck steigt auf Ermunterung der Rewe mit ihren Vertriebsschienen Billa, Merkur und Penny im großen Stil ins Geschäft ein. Gerhard Ströck und seine Familie bauen die Produktion für ihre Backwaren um insgesamt elf Millionen Euro aus. Er erweitere seine Flächen um gut 5000 Quadratmeter, bestätigt er, und er habe sich unter anderem eine große neue Krapfenfrittieranlage gekauft. Er beliefere Rewe ab sofort auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin. Die Wahl auf seinen Betrieb soll im Frühjahr bei einer anonymen Verkostung gefallen sein, bei denen Konkurrenten von Ankerbrot über Haubenberger bis zu Fischer den Kürzeren zogen.

Über die bisherigen Marktführer im österreichischen Krapfenbusiness will sich Ströck nicht äußern. Nur so viel: "Das Ringelspiel dreht sich immer schneller, und die Langsamen fallen raus." Hart werde es vor allem dann, wenn es einer bisher verabsäumt habe, eigene starke Marken aufzubauen.

Kampf um Großkunden

Kuchen Peter bleibe mit seinen Krapfen bei Billa weiterhin gelistet, sagt Györgyfalvay, nur freilich nicht mehr exklusiv. Er gebe keineswegs alle Umsätze ab. Aber der Markt werde noch enger, und der Verdrängungskampf härter.

Ströck setzt mit 1280 Mitarbeitern nach eigener Angabe 90 Millionen Euro um. Großes Standbein neben Lieferungen an Handelsketten sind die eigenen Wiener Filialen. 69 zählt er deren mittlerweile, und weitere acht sind in Bau.

Kuchen Peter erzielt mit seinen 310 Leuten einen stabilen Umsatz von 33 Millionen Euro. Die Bilanz für 2009/10 wies einen Jahresverlust von knapp 2,7 Millionen Euro aus. Von dem bisher schwierigsten Geschäftsjahr ist die Rede, der Turnaround sei für 2011 geplant. Der Großbäcker engagiert sich neben Krapfen stark bei Biogebäck, unter anderem für die Hofer-Marke "Zurück zum Ursprung".

Er werde seinen Umsatz künftig stärker streuen, sagt Györgyfalvay, und mehr ins Ausland liefern, noch betrage sein Exportanteil ja nur drei Prozent. Osteuropa sei für die Krapfen wegen der niedrigen Preise zwar kein einfacher Markt, zumal dort auch die Tradition dafür fehle, doch es könne gelingen.

Was Österreichs Krapfenbäcker belastet, sind die stetig wachsenden Importe. Rund hundert Millionen Stück werden hierzulande im Jahr verdrückt, bereits mehr als jeder zehnte Krapfen kommt aus Deutschland, schätzt Ströck. Die Italiener lieferten ebenso herein, ergänzt Györgyfalvay, bis auch die Fabriken aus dem Osten aufspringen, sei es nur eine Frage der Zeit.

Die deutsche Wolf Butterback-Gruppe unter dem Dach von Oetker versorgt Österreichs Gastronomie und Handel großangelegt mit Krapfen. Die Klemme Frozen Bakery beliefert von fünf deutschen Werken aus fast ganz Europa mit Krapfen, Croissants und Plunder. Auch Hiestand mischt mit.

Viele steigen mit Tiefstpreisen in Österreich ein, auch um schmale 16 Cent soll das Stück für den Handel mitunter schon zu haben gewesen sein. Vieles kommt aus Produktionsüberschüssen, die international billig abgestoßen werden. Der Handel und kleine regionale Bäcker beißen davon nur zu gern ab. Offen in den Regalen angeboten, fallen Herkunftsbezeichnungen unter den Tisch.

Welle an Insolvenzen

Massiven Druck gibt es freilich nicht nur auf dem Krapfenmarkt. Österreichs Bäcker erlebten heuer eine beispiellose Welle an Insolvenzen, die auch traditionsreiche und als solide bekannte Betriebe erfasste. Anfang Oktober erwischte es in Linz Goldmann mit 18 Filialen und 90 Mitarbeitern. Ein Sanierungskonzept soll das 60 Jahre alte Unternehmen retten. In Salzburg musste Hochleitner, bekannt für Kamelmilchschokolade, eben erst für seinen Backbetrieb Insolvenz anmelden. In Graz ging nach 100 Jahren Bäcker Kotzbeck pleite. Als Grund nannte er ein ruinöses Preisdiktat der Handelsketten, steigende Lohnkosten und überalterte Maschinen. Kurz davor gab Eberle auf. Alles in allem erlitten seit 2008 allein in der Steiermark neun Betriebe mit insgesamt 250 Mitarbeitern Schiffbruch.

"Die Erlöse werden täglich kleiner, die Kosten steigen, und viele Kleine investierten zu spät in die Technik", sagt Ströck. Gebäck gibt es heute an jeder Ecke, ergänzt ein Kollege, kleine Bäcker brauche es dafür längst nicht mehr. (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.11.2010)

  • Österreichs Krapfenmarkt bringt gut hundert Millionen Stück auf die Waage, deutsche Konzerne beißen große Stücke davon ab.
    foto: standard/urban

    Österreichs Krapfenmarkt bringt gut hundert Millionen Stück auf die Waage, deutsche Konzerne beißen große Stücke davon ab.

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