"Das Kopftuch ist wie ein Piercing"

11. November 2010, 17:02
723 Postings

Unterdrückt, ungebildet, unterwürfig: So stellt man sich eine Frau mit Kopftuch vor. Die Realität sieht anders aus

Wien - Montag, 18 Uhr, vor der Haupt-Uni. Eine Gruppe Studenten unterhält sich angeregt. Durch ihr energisches, selbstbewusstes Auftreten fällt eine von ihnen besonders auf: Asma Aiad, 22-jährige Politikwissenschaftsstudentin. Sie trägt weiße Sneakers, Jeans, eine beige Tunika, eine extravagante Brille - und ein pinkes Kopftuch. Dem Klischee eines unterdrückten "Kopftuchmädchens" entspricht sie ganz und gar nicht. "Als muslimische Frau mit dunkler Hautfarbe musste ich mich doppelt und dreifach behaupten", erzählt Aiad. Das habe ihr Selbstvertrauen gestärkt.

Ähnlich geht es der 23-jährigen Germanistikstudentin Gülsüm Namaldi. "Was soll an mir - einer berufstätigen Mutter und politisch aktiven Studentin - unterdrückt sein?", fragt sich die SPÖ-Politikerin. Bei den Wiener Gemeinderatswahlen hat Namaldi einen erfolgreichen Vorzugsstimmenwahlkampf geführt. Ihre Religion sei Teil ihrer Persönlichkeit, erklärt sie. Der Koran schreibe das Tragen eines Kopftuchs vor. Es müsse aber jeder Mensch selbst entscheiden, wie weit er seine Religion praktizieren wolle. "Ich persönlich habe mich bewusst dazu entschlossen, ein Kopftuch zu tragen", sagt sie. Die Kopfbedeckung sei kein Instrument der Unterdrückung. Vielmehr würden alle Frauen, muslimische wie nichtmuslimische, im Alltag unter Benachteiligungen leiden, beispielsweise unter geringeren Löhnen.

Dudu Kücükgöl sieht das ähnlich. Sie hat Wirtschaftspädagogik studiert und arbeitet als Projektmanagerin in einem internationalen Konzern. "Ich bin Feministin", sagt sie, "und ich bemühe mich, den Islam zu leben. Man kann ja religiös und progressiv zugleich sein." Bei der islamischen Bekleidung gehe es "darum, dass der Körper Privatsache ist" - und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Kücükgöls Alltag unterscheidet sich kaum von dem anderer berufstätiger Frauen, erzählt sie - "außer vielleicht beim Essen und Trinken": Sie gehe arbeiten, treffe sich mit Freunden und Familie, gehe ins Kino, mache Sport und engagiere sich ehrenamtlich.

Mit Kopftuch auf die Party

Auch Partys sind für kopftuchtragende Frauen kein Tabu. "Es hängt von der Art der Party ab", sagt Filiz Türkmen. Spaß zu haben und gläubig zu sein ist für sie kein Widerspruch - genauso wenig wie Glaube und Bildung. Der Koran schreibe Weiterbildung sogar vor, erklärt Türkmen. Auch deswegen habe ihr Vater sie immer gefördert: "Mit 15 wollte ich die Schule schmeißen, aber mein Vater hat mich angespornt." Heute ist Türkmen 23 und studiert Publizistik.

Mit Lehrenden und Studienkollegen komme sie gut aus. "Manche Leute gehen im ersten Moment davon aus, dass du keine Ahnung hast, dass du kein Deutsch sprichst", erzählt sie. Erfahrungsgemäß ließen sich diese Vorurteile aber schnell abbauen. Das bestätigt auch Kücükgöl: "Das Kopftuch ist zwar auf den ersten Blick sichtbar, tritt aber in den Hintergrund, sobald die Zusammenarbeit beginnt." Von ihrem Arbeitsumfeld diskriminiert fühlt sich keine der Frauen.

"Das Kopftuch ist wie ein Piercing", sagt Kücükgöl: Es falle sofort auf, weil es von der Norm abweiche. Über die Persönlichkeit eines Menschen sage es jedoch nichts aus, auch nicht über sein Selbstbewusstsein. Aiad: "Die selbstbewusste muslimische Frau ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel." (Nermin Ismail/Ruth Eisenreich/DER STANDARD, Printausgabe, 12. November 2010)

Die Autorinnen sind Mitarbeiterinnen des UniStandard. Nermin Ismail trägt aus religiöser Überzeugung selbst ein Kopftuch.

  • Akademische Bildung ist ihnen wichtig: Asma Aiad, Gülsüm Namaldi und Filiz Türkmen (v. li.).
    foto: der standard/heribert corn

    Akademische Bildung ist ihnen wichtig: Asma Aiad, Gülsüm Namaldi und Filiz Türkmen (v. li.).

Share if you care.