Ein Saustall für die Dramaturgie: das Wald4tler Hoftheater

11. November 2010, 17:20
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Vor 25 Jahren hat Harald Gugenberger einen Bauernhof im nördlichen Waldviertel in ein Theater umgebaut

In einhundert Eigenproduktionen hat es seinen Standort am Feldrand behaupten können. Ein Besuch von Margarete Affenzeller.

Pürbach/Schrems - Der Wirt im Ort schaut sich sämtliche Stücke des Wald4tler Hoftheaters an. Das macht er nicht nur freiwillig; seine Gäste erwarten von ihm, dass er mitreden kann, wenn am Stammtisch über Theater diskutiert wird. So läuft das in Pürbach. Der kleine Ort im nördlichen Waldviertel liegt nur 14 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Hier ist sonst nicht viel los. Die Trassen der Bundesstraßen werden vor allem fürs schnelle Durchfahren begradigt.

Warum gibt es hier ein Theater? Das ist die falsche Frage. Warum gab es hier bis vor 25 Jahren kein Theater? Im Zollgrenzbezirk leben schließlich 150.000 Menschen ("Steuerzahler", wie Harald Gugenberger betont), auf drei Gemeinden verteilt. 7000 von ihnen stehen heute auf der Mailadressenliste des Wald4tler Hoftheaters, einem ehemaligen und über die Jahre sorgfältig umgebauten Bauernhof, der von April bis Dezember abends mit seinen Glühbirnenketten das Ortsende von Pürbach erleuchtet. Gleich daneben beginnt das Kukuruzfeld und die weite Finsternis.

Harald Gugenberger, ein Klosterschüler aus Bad Goisern, später Musikstudent mit Faible für Straßenmusik in südlichen Ländern ("Da hab ich fünf-, sechstausend Schilling pro Abend verdient!") hat den verlassenen Hof vor 25 Jahren zum Zweck des privaten Rückzugs gekauft. Das Gegenteil ist eingetreten: Ein Theaterhaus mit 15 Mitarbeitern und 176 Sitzplätzen, in dem Gugenberger mit seiner 2005 verstorbenen Frau Stella Hierländer mehr als einhundert Eigenproduktionen gestemmt hat. Das sind im Durchschnitt vier neue Stücke pro Jahr, ohne Gastspielproduktionen, versteht sich. Auch Wiederaufnahmen gibt es nicht, "das ist fad".

Im Winter 1985/86 hat Gugenberger das Bauernhaus übernommen: "Ich bin heraufgefahren, und da lag im Hof unterm Schnee noch eine halbe Sau, gefroren." Die Vorbesitzer hatten allzu spontan das Weite gesucht. Der ehemalige Saustall ist heute Sitz der Dramaturgie bzw. was Gugenberger gewohnheitsmäßig so nennt: das Theatercafé - ein bis zum Giebel freigelegter Gebälkraum, in dem vor und nach den Aufführungen noch ein wenig gechillt wird. Sämtliche Sessel hier stammen aus der sponsorfreudigen Nachbarschaft und sehen entsprechend zusammengewürfelt aus. Die Heizkörper dampfen, und wenn's nicht gleich losgehen würde und der Chef mit seinem Gongschlögel nicht durch die Gänge ziehen würde, könnte man im gemäßigten Getümmel des eintrudelnden Publikums auch gemütlich einschlafen.

Schräg gegenüber im Innenhof liegt der Eingang zum Theaterfoyer, in dem sich eine weitere Bar befindet, sehr gemütlich mit Clubsessel und fotografischem Schmökermaterial an den hohen Wänden. Durch ein gläsernes Tor kann man noch einen letzten Blick auf das Kukuruzfeld werfen, bevor an diesem Abend im Theatersaal ein Thriller nach Alfred Hitchcocks / Patrick Barlows Die 39 Stufen startet. Claus Tröger hat ihn trickreich als Roadmovie durch das schottische Hochmoor inszeniert. Ein profunder Spaß mit Hang zur Farce, deren handwerkliche Qualität überzeugt: Für Suspense und Irrwitz sorgen unter anderem eine penible Innen-/Außenraum-Geräuschgebung, eine ins Deutsche adaptierte dialektale Sprachfärbung (schottischer Akzent), Pantomime und originelle Objekttheaterkunst.

Der Spielplan ist subtil, jedenfalls subtiler, als man es einem Theater in dieser Einschicht zutrauen möchte. Harald Gugenberger interessiert sich nicht für den schnellen Erfolg, dafür ist er vielleicht zu weise und sein Theater schon zu gefestigt. Dazu beige- tragen haben Stücke wie F. K. Waechters Nach Aschenfeld oder Nigel Williams' Klassenfeind oder Eve Enslers Vagina Monologe. Holzers Peepshow, eine Bergtourismusfarce von Markus Köbeli, hat einst sogar das Theater in der Josefstadt für seine Dependance im Rabenhof gekauft.

Endstation Nebelstein

Gugenberger sucht weiter nach gegenwartsbezogenen Inhalten, die den Diskurs im Wirtshaus nicht abflauen lassen. Sein neues Vorhaben, das er in der kommenden Spielzeit vorstellen wird, ist ein Recherche-Projekt, bei dem drei Ehepaare eine Woche lang den Thaya-Wanderweg entlanggehen und dabei die Unterschiedlichkeit der Religionen diskutieren ("Wir haben hier eine starke türkische Community"). Das daraus entstehende Material wird in ein Stück einfließen, Endstation Nebelstein.

Ein Vorteil des Wald4tler Hoftheaters ist: Gugenberger kennt viele Menschen aus dem Publikum namentlich. "Herr Huber, Frau Nagler, Herr Binder - die begrüße ich persönlich. Ich lebe hier und will genau wissen, wie den Leuten das Theater gefällt. Ich will ehrliche Rückmeldungen. Natürlich hab ich auch Brez'n gehabt, da gehen die Menschen hinaus, und du siehst es in ihren Gesichtern - ,a schöner Schas'. Da hofft man als Intendant jedes Mal, dass es schnell vorbeigeht".

Keine Politikerreden

Das Land Niederösterreich ist daran interessiert, das Pürbacher Hoftheater zu subventionieren, und tut dies auch, Politikerreden gibt es dennoch keine. Gugenberger war von Beginn an die Eigenständigkeit wichtiger; mit privaten Krediten und der Hilfe von Freunden hat er das Theater aufgebaut. Zum Kreis der Sommertheaterintendanten hielt er stets Abstand: "Das war marketingstrategisch sicher schlecht. Aber ich habe in meinem Leben auch noch keinen einzigen Bus organisiert", so Gugenberger. Die Leute kommen trotzdem, bis hinunter nach Zell am See.

Von der Mühsal der Anreise braucht man dem Chef nichts zu erzählen: "Beim Auffafoan schloft an jeden des G'sicht ein. Ab Groß Siegharts sitzen nur mehr fünf Leute im Wagon, inklusive Schaffner." Von dort geht es dann per pedes weiter zum Hof. Da gibt es kein Pardon. Am besten, man nimmt das Auto; Parkplatz: Kukuruzrain. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.11.2010)

 

Spielsaison bis 4. 12.

 

  • Umgeben von Kukuruzfeldern und 150.000 Menschen: das 1985/86 gegründete Wald4tler Hoftheater in Pürbach nahe Schrems - mit seinen guten, die Kommunikation fördernden Stuben.
 
    foto: affenzeller


    Umgeben von Kukuruzfeldern und 150.000 Menschen: das 1985/86 gegründete Wald4tler Hoftheater in Pürbach nahe Schrems - mit seinen guten, die Kommunikation fördernden Stuben.

     

  • Harald Gugenberger, Gründer des Wald4tler Hoftheaters.
    foto: hartl

    Harald Gugenberger, Gründer des Wald4tler Hoftheaters.

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