Haube auf!

11. November 2010, 17:06
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Gerry Friedle, bekannt als DJ Ötzi und König der Skihütten, wechselt mit "Du und ich" von der Komaparty ins nachdenkliche Fach

Christian Schachinger sprach mit Friedle über Esoterik und Zynismus.

Standard: Sie haben im Guten wie im Schlechten die Musiklandschaft nachhaltig verändert. Mit DJ Ötzi kam eine neue alpenländische Kunstform. Wie kam es zu dieser Verschränkung aus Hitparaden-Oldies, Techno und Skihüttenzauber?

Gerry Friedle: Ich wäre auch lieber Rockmusiker geworden. Ich habe aber den Strahl ergriffen, der sich mir als erster geboten hat, um in die Musikbranche hineinzukommen. Der "Anton aus Tirol" war der Ausgangspunkt. Ich stehe dazu.

Standard: Ich nehme an, Sie haben in Ihrer Jugend nicht freiwillig volkstümliche Musik, sondern lieber Pop und Rock gehört.

Friedle: Sicher. Jahre vor meiner Karriere habe ich in einer Karaoke-Bar "Me and Bobby McGee" von Janis Joplin gesungen. Und die Leute im Lokal haben damit ihre Freude gehabt. Mir hat es die Ganslhaut aufgezogen. Tausend Ameisen sind auf mir herumgeklettert. Dann habe ich versucht, diese Musik so für mich zu adaptieren, dass ich damit ein Star werde. Ich habe Plattenfirmen angeschrieben, meine Musik wollte aber niemand haben. Dann hatte ich eine Band, die mich aber hinausgeschmissen hat, weil ich keine Texte lernte. So ging ich den Weg über das DJ-Dasein. Jeden Tag, acht, neun Jahre lang, habe ich täglich in Lokalen aufgelegt. Ein Knochenjob. Den "Anton aus Tirol" habe ich dann als Hit gar nicht gesehen. Drei Monate habe ich das Angebot ignoriert, habe aber dann im Studio mein Bestes gegeben.

Standard: Über das DJ-Dasein schärft sich aber schon ein Bewusstsein für Hits: Was geht? Geht dieses Lied auf die Zwölf oder nur auf die Zehn? Ihre frühen Songs sind nicht gerade für subtile Zwischentöne bekannt.

Friedle: Logisch. Ich habe damals vor zehn Jahren auch nicht gewusst, dass ich mich als Mensch weiterentwickeln werde und muss. Weil ja auch tragische Sachen in meinem späteren Leben passiert sind. Ich musste beginnen, mich selbst zu reflektieren, weil ich sonst nicht überlebt hätte. Ich stehe total zu dem Nonsens, den ich gemacht habe. Sonst würde ich mich selbst vergraulen. Heute muss ich, obwohl vielleicht die ganze Bude bei meinen Auftritten wackelt, ein Anker für meine Leute und meine Familie sein. Diese Weiterentwicklung vom "Anton" zum Lied "Ein Stern" sollte man mir zugestehen.

Standard: Wenn Sie heute Skifahren gehen, gibt es da ein gewisses Bedauern Ihrerseits, dass man nicht mehr in Ruhe die Berge genießen kann, weil aus jeder Hütte und Schneebar der Alpentechno herauspumpert? Sie tragen doch für diese Entwicklung entscheidende Mitverantwortung.

Friedle: Wenn ich aus meiner Haustür trete, stehe ich auf meiner Bühne. Ich war dieses Jahr nicht am Oktoberfest, aber: Wenn ich dort hingehe und zwei Millionen Menschen meine Lieder singen, was würden Sie denken?

Standard: Ich würde mich freuen, wenn ich auf die Bank gehe und meine Kontoauszüge lese.

Friedle: Nicht nur auf der Bank! Alter, du hast etwas gemacht, mit deiner Energie, mit deinem Bewusstsein, aufgrund deiner Entscheidungen, was den Leuten Freude bereitet. Das ist eine zentrale Geschichte bei DJ Ötzi. Wenn die Menschen auf meine Konzerte gehen, konzentrieren sie sich auf den Punkt, der dort vorne auf der Bühne steht. Sie haben dann keine Schulden, sie haben keine Krankheiten, sie haben rein gar nichts. Sie können für kurze Zeit abschalten. Das ist banal, es tut ihnen aber gut.

Standard: Abschalten hat bei Ihrer Musik immer auch mit Ansaufen zu tun.

Friedle: Auch, aber die Kinder im Publikum saufen sich mit Sicherheit nicht an. Die Kinder freuen sich über die Comicfigur da oben auf der Bühne. Ich selbst trinke seit 20 Jahren keinen Alkohol und habe zu dem Thema wahrscheinlich völlig andere Ansichten als Teile meines Publikums, die dann eventuell einmal ein wenig zu viel erwischen.

Standard: Sie tragen ja auch nicht allein Schuld an diesem Bierzelt oder dieser Skihütte außer Rand und Band. Allerdings kamen in Ihrem Gefolge zahllose Ballermann-, Titten-, Sex- und Hüttenzauber-Songs, die alles plattgemacht haben.

Friedle: Das hat nichts mit mir zu tun!

Standard: Sie wurden jahrelang sehr wohl daran festgemacht, weil Sie diese Welle losgetreten haben. Andere haben nur die Dosis erhöht. Es gilt aber das Verursacherprinzip.

Friedle: Zuerst ist da keine Straße, sondern nur ein Feldweg. Dann gibt es eine Straße. Dann bauen sie eine Schnellstraße. Dann kommt die Autobahn - und dann passiert eben auch einmal ein Unfall. Früher schaute man in den Quellekatalog, dann kam der Beate-Uhse-Katalog und schließlich Youporn. Dass im Leben immer alles größer und schneller wird, ist Tatsache. Der Wert verändert sich. Der Quellekatalog arbeitete verdeckt, auf Youporn sehe ich alles, was ich sehen will. Das ist krank. Ich hatte früher einen anderen Zugang zu den Frauen als die Kids heute mit dem Internet.

Standard: Es gibt nichts Traurigeres als alte Rockstars, die die Kinder davor warnen, Drogen zu nehmen.

Friedle: Das ist natürlich Bullshit. Aber das mache ich ja eh nicht. Ich stehe zu meiner Vergangenheit. Ich erzähle von mir und meinem Leben.

Standard: Nach Ihrem berüchtigten, von allen deutschsprachigen Radiosendern boykottierten Hit "Burger Dance" von 2003, der einen in jeder Hinsicht musikalischen Endpunkt markierte, haben Sie anschließend auf der Autobahn bei Vollgas die Handbremse gezogen.

Friedle: "Ein Stern der deinen Namen trägt", so ein Lied können Sie nicht schreiben. So etwas Einfaches, so etwas Wertvolles ...

Standard: In Ihrer Rolle als Chef des Genres DJ Ötzi kam da 2007 eine neue Qualität ins Spiel, mit der Sie kommerziell hätten untergehen können. Der Bruch zwischen besinnungslosem Böllern und besinnlicher Schlagermusik ist hart.

Friedle: Wie grandios ist es, aus so einem Tief wie dem "Burger Dance" wieder herauszufinden! Ich hatte ein 1,5-Millionen-Euro-Minus bei der Plattenfirma. Sie sagten, das Lied machst du jetzt, wir brauchen Umsatz! Nach Riesenhits wie "Anton", "Hey Baby" und einem Firmenwechsel sah ich nur rote Zahlen. Deshalb akzeptierte ich diese Entscheidung, obwohl ich sagte: Das geht nicht, ich kann das nicht! War es richtig oder falsch? Ich würde es heute nicht mehr tun.

Standard: Sie gelten als einer der erfolgreichsten österreichischen Popmusiker aller Zeiten, werden allerdings einmal historisch gesehen kaum wahrgenommen werden. Niemand nimmt Sie musikalisch wirklich ernst. Wie gehen Sie mit Ihrer Rolle um?

Friedle: Auch Falco hatte seine Höhen und Tiefen. "Auf der Flucht" von ihm haben die Journalisten hinuntergeschrieben, Ende nie. Habe ich Recht? Hören Sie sich jetzt diese Nummer an: Wahnsinn. Damals haben die negativen Kritiken Falcos Seelenleben zerbrochen. Ich persönlich bin nicht auf der Flucht. Ich nehme keine Drogen, trinke keinen Alkohol. Ich bekomme also die Watschen genauso mit wie den Erfolg, habe also wahrscheinlich eine andere Wahrnehmung wie Falco. Ich muss zu meinem Weg, zu meiner Aufgabe stehen. Ich will meine Macht nicht als Macht gegenüber den Massen ausspielen, sondern als Kraft. Das Plus zählt, nicht das Minus.

Standard: Ist es ein gottgegebenes Talent, die Massen begeistern zu können - oder ist das harte Arbeit?

Friedle: Ich bin nur der Filter. Ich bin mit nichts zu vergleichen, weil auch ich dem DJ Ötzi diene. Ein großer Salzburger Unternehmer sagt gern, er arbeitet nicht für sich, er dient der Dose. Das inspiriert mich, wenn einer so erfolgreich und gleichzeitig demütig vor dem eigenen Erfolg ist.

Standard: Die Figur ist also wichtiger als die Person dahinter? Die Maskenrocker Kiss kann es auch dann noch geben, wenn die Originalmusiker gar nicht mehr leben.

Friedle: Das ist doch genial. Ich bin nur der Vermittler. Es gibt bessere, schönere, dünnere. Ich erfülle nur meine Aufgabe.

Standard: Die Frage drängt sich auf: Lesen Sie eigentlich gelegentlich esoterische Literatur?

Friedle: Ja. Bioenergetik. Qigong. Die Weisen und Suchenden in der Weltgeschichte. Ich weiß so viel, und ich weiß nichts. Als Jugendlicher war ich faul und nahm das alles nicht wahr. Aber ich will lernen. Mich interessiert diese mögliche "andere" Welt.

Standard: Sie nehmen also Zeitströme und filtern Sie und teilen diese Erkenntnisse ihrer Hörerschaft mit?

Friedle: Bitte nicht schreiben: Ich bin das Volk! Ich gehe jeden Mittwoch mit meinen Freunden Fußball spielen und kriege mit, was sie beschäftigt, was sie freut. Die Flüchtlingsproblematik, die Abschiebung von Kindern, das ist krank und verwerflich! Wenn ich in der Musik dann meine Gedanken auf solche Themen draufsetze und das mit leichten, umarmenden Melodien verbinde, komme ich meinem Ziel näher. Was auch immer das genau ist. Ich kann ja auch morgen die Stiege runterfallen und tot sein. Man darf nur nie mehr sein wollen, als man ist.

Standard: Man muss sein Publikum zufriedenstellen.

Friedle: Ich bin Dienstleister. Wenn ich kein Dienstleister mehr bin, habe ich keine Demut mehr in mir.

Standard: Wo sehen Sie sich angesichts Ihres neuen Albums "Du und ich" in zehn Jahren? Die CD präsentiert einen nachdenklicheren und stilleren DJ Ötzi.

Friedle: Ihr Zeitungsleute stellt alle die gleichen Fragen, das ist interessant.

Standard: Vielleicht arbeiten wir ja auch als Filter. Karl Valentin hat einmal gemeint: Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von allen.

Friedle: Das ist richtig. Zuerst ignorieren dich die Leute, dann belächeln sie dich. Dann bekämpfen sie dich. Und dann gewinnst du. Das ist von Mahatma Gandhi. Das trifft genau auf mich zu. Ich werde meinen Weg gehen und ein ganz Großer werden. Drei Tore muss ich noch öffnen, dann werde ich ganz ich selbst werden.

Standard: Möglicherweise ist die Marke DJ Ötzi so schnell groß geworden, dass man sich gar nicht mehr mit den Inhalten auseinandersetzt, die sie vertritt.

Friedle: Das ist mein Handicap. Deshalb werde ich mich jetzt auch als Figur etwas zurücknehmen.

Standard: Die allgemeine Ansicht lautet: Bei McDonald's verkaufen sie nur Fastfood. McDonald's sagt, stimmt nicht, wir haben auch Salat im Angebot.

Friedle: Ich bin die singende "Bild"-Zeitung. Jeder kauft sie und holt sich heraus, was er haben will. Aber keiner befasst sich wirklich mit dem Journalisten, der die Artikel geschrieben hat. Ich lebe nur das, was ich erfahre. Und ich habe das Gefühl, dass ich noch gar nichts weiß.

Standard: Wenn man sich Ihr neues Album "Du und ich" anhört, auf dem so ruhige und nachdenkliche Lieder wie "Tauch auf" zu hören sind, auf denen Sie ja sogar singen, bekommt man fast den Eindruck, der DJ Ötzi wäre jetzt unter die Singer/Songwriter gegangen. Können sie mit dem Begriff Schlager etwas anfangen?

Friedle: Meine Musik hat doch nichts mit Schlager zu tun! Ich bin mein eigenes Segment! Auf meinem Spielfeld weiß ich, wie offensiv oder defensiv ich agieren muss, was man im Mittelfeld tun muss.

Standard: Schlager ist kein negativer Begriff. Eingängige Melodien, leicht verständliche Inhalte. Wenn zehn Millionen Menschen Musik von DJ Ötzi kaufen, hören und singen, wird sie allgemein gehört. Das ist Schlagermusik.

Friedle: Ich nehme das ganz anders wahr. Ich sehe die Schlagerbranche, ich spüre die Volksmusik. Das ist alles berechtigt, weil viele Leute sie hören wollen. Nichts Negatives darüber, aber mir geht es inhaltlich um wesentlichere Dinge. Das Schlagerfach ist problematisch.

Standard: Sprechen Sie den Zynismus in diesen Genres an? Im Gegensatz zu vielen Vertretern aus dem "Schlagerkarussell" oder dem "Musikantenstadl" wirken Sie auf der Bühne ja authentisch und mit sich selbst im Reinen in ihrer Rolle als DJ Ötzi.

Friedle: Ich kann gar nicht zynisch sein, weil ich Angst habe, diese Haltung sofort vom Publikum zurückzubekommen. Ich stecke den Kopf aus der Erde. Zack, schon ist der Kopf weg. Ich kann nicht mit Kalkül erfolgreich sein. Langfristig zerreibt einen das. Das macht einen krank, wenn man sich verstellt. Man wird mich auch nie in der Zeitung sehen, wie ich einer armen alten Oma im Altersheim Blumen bringe oder wie ich bei den "Dancing Stars" im Fernsehen mitmache. Sicher nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.11.2010)

DJ Ötzi - "Du und ich" (Universal)

  • Gerry Friedle (39): "Ich muss zu meinem Weg, zu meiner Aufgabe stehen. Ich will meine Macht nicht als Macht gegenüber den Massen ausspielen, sondern als Kraft. Das Plus zählt, nicht das Minus."
    foto: standard / andy urban

    Gerry Friedle (39): "Ich muss zu meinem Weg, zu meiner Aufgabe stehen. Ich will meine Macht nicht als Macht gegenüber den Massen ausspielen, sondern als Kraft. Das Plus zählt, nicht das Minus."

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