Liebesbriefe vom 19. Jahrhundert bis zur sexuellen Revolution

10. November 2010, 18:18
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Paarkorrespondenzen aus dem Zeitraum von 1870 bis 1970 untersucht

Wien - Feldpostbriefe zwischen Soldaten und ihren Ehefrauen, Brautbriefe an die Verlobte oder die schriftlichen Zeugnisse einer heimlichen Affäre: Ein Forschungsteam um Christa Hämmerle, Professorin am Institut für Geschichte der Universität Wien, und Ingrid Bauer, Professorin am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg, analysiert in einem bis 2012 anberaumten FWF-Projekt Paarkorrespondenzen aus der Zeit zwischen 1870 und 1970. 

Enormer gesellschaftlicher Wandel

Die ältesten im Projekt untersuchten Briefe fallen in die erste Zeit der bürgerlichen Frauenbewegung. Die jüngsten Korrespondenzen entstanden im Kontext der "sexuellen Revolution" - eine Zeitspanne von rund 100 Jahren. "Briefe sind nicht einfach authentische, unmittelbar geschriebene Texte", erklärt Hämmerle die Herausforderungen der Projektarbeit. "Es gab im 19. wie im 20. Jahrhundert eine Menge von Vorgaben, die das Briefeschreiben normierten - sogar das von Liebesbriefen." Der romantische - und in vielen Fällen auch reglementierte - Liebesbrief ist dabei eine Variante des Briefwechsels; Fürsorge und Freundschaft finden aber ebenso Platz.

Mittels qualitativer Inhaltsanalyse und diskursanalytischer Ansätze werden Beziehungen zwischen Frau und Mann durch das Medium Brief beleuchtet. In den Korrespondenzen ausgedrückte Liebeskonzepte und Machtverhältnisse werden ebenso untersucht wie die Spielräume der VerfasserInnen im Spannungsfeld von Liebesdiskursen, gesellschaftlichen Vorgaben und eigenen Erfahrungen.

Let's talk about sex

Schon bei der Bearbeitung der ersten, teilweise sehr umfassenden "Lieblingsbestände" stießen die Wissenschafterinnen auf Unerwartetes: "Wir sind überrascht darüber, wie offen Sexualität thematisiert wird. Sexuelle Fantasien und Erinnerungen an sexuelle Erlebnisse werden mitunter ausführlich beschrieben", so Hämmerle. Darüber hinaus kommt in vielen Korrespondenzen der - im weiteren Sinne verstandenen - Körperlichkeit eine große Bedeutung zu: Frauen berichten über ihre Menstruation, und auch Krankheiten werden detailliert geschildert.

Den Grundstock des Analysematerials lieferte die an der Forschungsplattform "Neuverortung der Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen Kontext" der Universität Wien beheimatete Sammlung von Paarkorrespondenzen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, ergänzt wurde sie durch Bestände aus anderen österreichischen Archiven. (red)

  • Isabella Schlinger: The colour is the message - Liebesbrief auf rosa Briefpapier zu Beginn des 20. Jahrhunderts
    foto: li gehalter

    Isabella Schlinger: The colour is the message - Liebesbrief auf rosa Briefpapier zu Beginn des 20. Jahrhunderts

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