Aus dem Büro des Wohnbaustadtrats

Über Systemfehler und andere Geschichten

10. November 2010, 18:19
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    foto: wolfgang hafer

    Die fast originalgetreu erhaltene Wohnung von Hugo Meisl wollte Stadtrat Michael Ludwig vor kurzem noch räumen lassen.

Warum die Wohnung des Wunderteam-Trainers Hugo Meisl doch ein Museum werden könnte

Dass politische Entscheidungsfindungsprozesse in der Stadt Wien, Abteilung Wohnen, zuweilen grotesk anmuten können, davon kann auch Hugo Meisl eine Geschichte erzählen. Oder besser gesagt, die Nachfahren des 1937 verstorbenen Trainers des österreichischen Wunderteams. Die Mannschaft galt Anfang der 1930er-Jahre unter Meisls Ägide als beste Fußballmannschaft der Welt.

Die Enkel von Meisl, Wolfgang und Andreas Hafer, hatten die Idee entwickelt, in der Vier-Zimmer-Wohnung im Karl-Marx-Hof, die Meisl einst mit seiner Frau und seinen drei Kindern bewohnt hat, ein Museum einzurichten. Die rund 100 Quadratmeter große Wohnung ist nach dem Auszug Meisls 1934 bis heute nahezu im Originalzustand verblieben.

Seine heute 90-jährige Tochter Martha Meisl hatte bis September 2009 hier gewohnt, ehe sie aus gesundheitlichen Gründen in ein Pflegeheim ziehen musste. "Das elfteilige Ensemble von Art-déco-Möbeln aus den 1920er-Jahren ist genauso erhalten wie ein Pokal, der in den Wirren des österreichischen Bürgerkriegs im Februar 1934 angeschossen wurde", erzählt Meisls Enkel Wolfgang Hafer.

Der historischen Bedeutung der Wohnung im roten Pracht-Gemeindebau war man sich bei Wiener Wohnen, die die Wohnung im April 2010 rückerstattet bekam, nicht bewusst. Am 29. September 2010 erhielt Wolfgang Hafer ernüchternde Informationen aus dem Büro von Stadtrat Michael Ludwig. "Von Seiten des Ressorts für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung der Stadt Wien gab und gibt es keine konkreten Planungen die ehemalige Wohnung von Hugo Meisl im Karl-Marx-Hof in ein Museum umzuwandeln." Die E-Mail liegt dem Standard vor.

Selbst Fischer setzt sich ein

"Dabei haben sich der Österreichische Fußballbund und Bundespräsident Heinz Fischer schon vor einem Jahr mit Briefen an Vizebürgermeister Ludwig für die Erhaltung der Wohnung als Museum eingesetzt", sagt Hafer. Man werde prüfen, lautete damals die Antwort aus dem Büro Ludwig.

In der E-Mail vom 29. September an Hafer wird präzisiert: "Aus der Geschichte des Wiener Gemeindebaus ist diese Wohnungen (sic!) nicht primär interessant." Genau einen Monat später spitzt sich die Situation zu. Diesmal kommt die E-Mail von der Sachwalterin von Hafners Tante Martha Meisl. "Wiener Wohnen hat nunmehr die Räumung der Wohnung und deren Übergabe urgiert. Ich habe daher die Wohnung bis spätestens 12. November zu räumen und dem Verein Wiener Wohnen zu übergeben", schreibt die Sachwalterin.

Über die bevorstehende Räumung berichtete vor vier Tagen erstmals der Kurier. Als aber der Standard im Büro von Wohnbaustadtrat Ludwig um eine Stellungnahme bittet, fällt die Antwort überraschend aus. "Es gibt keinen Räumungsbeschluss", heißt es. "Wir haben das Wien Museum beauftragt, eine Einschätzung abzugeben, ob eine museale Gedenkwohnung umsetzbar ist. Bis das geklärt ist, bleiben die Möbel, wo sie sind. Das kann noch Monate dauern."

Wie ungeschickt und widersprüchlich die Informationspolitik des Wohnbaustadtrat-Büros ausfällt, bezeugt wiederum ein Blick auf die Mail vom 29. September. "Es wird darauf hingewiesen, dass die Möbel bald aus der Wohnung zu entfernen sind, damit diese instand gesetzt werden kann." Keine Rede also von einer "Prüfung", sondern von einer bevorstehenden Räumung. Wie sich die Diskrepanz zwischen dem aktuellen Stand der Dinge und dem E-Mail erklären lässt? "Möglicherweise ein Systemfehler", heißt es aus dem Büro Ludwig.

Der Standard jedenfalls durfte Meisls Enkel Wolfgang Hafer von der Absage des Räumungstermins berichten, wieder wird die Umsetzung einer Gedenkwohnung im Karl-Marx-Hof überprüft. Von der Stadt Wien wurde Hafer diesbezüglich noch nicht kontaktiert. (David Krutzler, DER STANDARD-Printausgabe, 11.11.2010)

Kommentar posten
19 Postings
Mario Rutar
00
23.11.2010, 11:31

Alleine schon die oben abgebildete, wundervoll bestückte Bibliothek würde ich sofort ungeschaut übernehmen - inklusive Ausräumen und Transportkosten. Es wäre ein regelrechtes Gewaltverbrechen, die ganzen Bücher verkommen zu lassen - oder (es gibt solche Kulturbolschewiken!!!) diese gar zum Altpapier zu geben...

Emil Sacklinger
 
00
22.11.2010, 08:45
zahlreichen posting nach zu schließen,

sind hugo meisl und seine bedeutung weitgehend unbekannt.

Wurzelloser Kosmopolit
00
12.11.2010, 20:34

Wow, ich wusste gar nicht, dass der Sperrmüll in dem ich lebe Art Deco ist...

Schreck
04
12.11.2010, 13:33

Ich sehe es weniger als Fußballmuseum, sondern als originalgetreute Erhaltung einer Wohnung des Karl-Marx-Hofes aus den 30ern!
Das ist doch wunderbar und (stadthistorisch) großartig.

Poldi Fesch
20
14.11.2010, 12:25
nur dasz ich

so meine Zweifel hab, dasz diese Meublage representativ ist

Briefmarkenkleber
23
12.11.2010, 13:57

Sowas gehört in ein Museum. Wohnungen sind zum Wohnen da!

baumfreund2
00
24.11.2010, 17:52
das wien museum baut jetzt aus,

vielleicht wäre dort eine möglichkeit??

Briefmarkenkleber
30
11.11.2010, 23:58
Da möchte sich wer bedanken.

Klar, dass sich die anderen Mieter freue, wenn die Gesamtbetriebskosten auf einen Haushalt weniger verteilt werden - oder zahlt der ÖFB mit?

Die Führungen macht dann der Hausmeister in seiner Freizeit, oder wir setzen eine Billeteurin vor die Tür?

Die alte Kampusch-Wohnung am Rennbahnweg eignet sich auch: Erstens fällt "nur" eine Plattenbauwohnung weg, zweitens würden Schaulustige aus aller Welt WIRKLICH Eintritt bezahlen.

Da fallen mir dann noch 100 berühmte Pilcher ein - Hurra, das Stadtbuget ist gerettet. Die auf der Warteliste von Wiener Wohnen stehenden LEute können wir um das Geld dafür in einem Hotel einquartieren.

Hannes Serafin
00
11.11.2010, 22:12
wen wundert's?

hmm... in der angelegenheit passiert nun mal genau das, was in jeder behördlichen angelegenheit in wien passiert.

1. die zuständigen haben keine ahnung von der materie, die sie bearbeiten.
2. do kennt ja jeder kumma.
3. die beamten schicken ohne prüfung irgendwelche bescheide aus.
4. des homma immer scho so gmocht.
5. der betroffene bürger protestiert.
6. der zuständige vorgesetzte wiegelt ab.
7. wo kumma denn do hin?
8. die medien erfahren von den verfahrensfehlern.
9. mir kennan nix dafia.
10. der zuständige vorgesetzte beschuldigt seine beamten.
11. kummans in vier monaten wieda.
12. gehe zu 1.

E Pie
 
00
11.11.2010, 15:51
eine entscheidung fällen im pragmatisierten

kaiserreich kann denn kopf kosten, also aussitzen das ganze...

Da hilft nur Lagavulin!
45
11.11.2010, 11:57
spinnen die jetzt schon alle - wohnraum für ein fussballmuseum!?!?!?!?

Der Schurke mit der Gurke
24
11.11.2010, 12:03

Jede Wohnung muss nach Ableben der Bewohner ein Museum werden. Vererben wird abgeschafft. Das kurbelt die Bauwirtschaft an.

Bertl frau
02
11.11.2010, 08:24
Gut lancierter artikel mitten in den personalverhandlungen

Über ein problem aus dem letzten sommer.

Möbel u pokal raus (wen interessiert wie hugo meisel gewohnt hat, ( ODER DER ÖFB KANN JA DIE WOHNUNG MIETEN) und rein in ein bezirksmuseum!

Atlas Shrugged
 
12
10.11.2010, 21:28

Wahnsinn - wenn wir sonst keine Sorgen haben

The American
12
11.11.2010, 03:41

Dass man versucht mit solchen Gschichtln zu erzählen wie entsetzlich die Wiener SPÖ ist zeigt IMHO dass man an dieser nicht viel kritisieren kann...

darkblue2
04
10.11.2010, 20:25
jedem österreicher sein museum!!!

es wird ja wohl in einem der unzähligen museen die es in wien gibt doch irgendwo ein plätzchen für diese möbel und das andenken an hugo meisl geben; das deshalb gleich die ganze wohnung in ein museum verwandelt werden muss, versteh ich wirklich nicht!! museen gibt es speziell in wien ohnehin so schon genug; ein weiters braucht es wirklich nicht!!

kiwi99
03
11.11.2010, 11:13

Österreicher, die gut Fußball spielen können, haben sich ein Museum verdient!

/. nerd
 
00
10.11.2010, 19:55
Jaja, Wien als Freiluftmuseum mit vielen Parkplätzen und Autobahnen

Wohnen tun die Leute eh im Speckgürtel, wie es sich gehört.

valtheWU
01
10.11.2010, 18:27
Großartige Voraussetzungen für Ludwig:

jetzt ist klar:

er kann politisch praktisch alles erreichen!

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