"Ich soll mich erschießen, oder was?"

10. November 2010, 17:51
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Ex-Wissenschaftsminister Erhard Busek über "Ritsche-ratsche"-Politik, die drohende "Zäsur" in der Forschungspolitik durch seine Nachfolgerin Beatrix Karl und viel Geld, "das auch futsch ist"

Standard: Was sagen Sie zu den Plänen Ihrer aktuellen Nachfolgerin im Wissenschaftsministerium, Beatrix Karl, einer Parteikollegin zudem, die die Basisfinanzierung für außeruniversitäre Forschungsinstitute 2011 halbieren und dann ganz streichen will?

Busek: Das ist für die Existenz eines Forschungsinstituts natürlich entsetzlich. Logisch wäre es, eine Evaluierung der Institute durchzuführen. Es ist ja durchaus möglich, dass es Institute gibt, die vielleicht von der Zeit überholt sind, oder wo man etwas sparsamer machen kann. Es gibt unabhängige Einrichtungen, die sollen das machen. Das darf für eine Wissenschaftsministerin ja nicht neu sein, zu evaluieren. Aber ritsche-ratsche ist keine Evaluierung und keine Politik. Es wurden bisher ja nicht einmal Gespräche geführt.

Standard: Was würde die Streichung der Basisfinanzierung für Ihr Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) bedeuten?

Busek: Schließung und Kündigung von 13 Mitarbeitern.

Standard: Wäre nicht der einzige Schließkandidat. Was hieße die Totalstreichung insgesamt für den Forschungsstandort Österreich?

Busek: Ich kann das nur für mein Institut sagen. Für die Donauregionalinitiative hat das IDM in der Zukunft eine entscheidende Bedeutung. Wir haben eine mehr als sechzigjährige Tradition und in den letzten Jahren eine gewisse Rolle in Richtung Mittel- und Südosteuropa gespielt, indem wir quasi österreichisches Marketing für Bildung und die ganze Region gemacht haben, aber auch ein Marketing in Österreich für diese Region. Der Budgetstopp bedeutet den völligen Entfall.

Standard: Ministerin Karl sagt, es sei nicht nur eine Sparaktion, sondern "auch eine Strukturbereinigung", wenn sie das Geld streicht.

Busek: Ich würde sagen, wir nehmen ihr Institut, an dem sie in Graz gearbeitet hat, streichen es - und sagen, das ist eine Strukturbereinigung. Punkt. Zuerst muss man überprüfen, ob etwas notwendig ist und dann kann ich Maßnahmen verlangen.

Standard: Sind wirklich alle betroffenen außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf der Liste notwendig - oder gibt es vielleicht doch Bereinigungsbedarf?

Busek: Das kann ich nicht beurteilen, aber das hätte man individuell durchgehen müssen. Dafür hat das Ministerium seit Jahren Zeit.

Standard: Ist der Forschungsbereich in Österreich vielleicht doch auch zu zersplittert organisiert?

Busek: Einen Teil dieser Einrichtungen kenne ich, weil ich sie zum Teil auch gegründet habe, wie das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften oder das Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Das entsprach jeweils irgendwelchen Notwendigkeiten. Die kann man natürlich überprüfen. Was ich aber fürchte, ist etwas anderes: Bei meinem Institut geht es um 180.000 Euro Basisförderung, wir haben aber 800.000 Euro Budget. Das heißt, den Rest werbe ich aus der Wirtschaft ein. Nur, das Geld ist auch futsch für die Forschung. Wenn ich nicht die Voraussetzung der Basisfinanzierung habe, kann ich kaum jemandem sagen, gib mir noch Geld für das und das Projekt.

Standard: Hat eine Wissenschaftsministerin, die so eine Aktion plant, ihren Job verfehlt?

Busek: Da mache ich eine persönliche Bemerkung: Ich fühle mich hier persönlich sehr betroffen.

Standard: Als ehemaliger Wissenschaftsminister.

Busek: Ja, ich habe auf dem Gebiet wirklich jahrzehntelang etwas geleistet. Wir haben hier auch einen gewissen Stellenwert und der wird von einem Tag auf den anderen ersatzlos liquidiert.

Standard: Ist das eine Zäsur in der österreichischen Forschungspolitik der letzten Jahrzehnte?

Busek: Ganz sicher. Es ist eine Zäsur, vor allem ist es keine Kontinuität. Man kann alles verändern. Nichts ist für ewig niedergeschrieben. Aber ich habe einen Brief gekriegt, in dem steht, es gibt kein Geld, aber sei lieb und komm am 17. November ins Ministerium.

Standard: Das klingt so, als ob Sie sich von dieser Vorgehensweise ein bisschen gefrotzelt fühlen?

Busek: Wie soll ich sagen: Was soll ich denn am 17. November am Minoritenplatz? Ich soll den Revolver nehmen, der dort auf dem Tisch liegt und mich erschießen, oder was? (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2010)

ERHARD BUSEK (69) war von 1991 bis 1994 Minister für Wissenschaft und Forschung. Er ist Vorstand des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa, Präsident des Forums Alpbach und Rektor der Fachhochschule Salzburg.

  • Ex-Wissenschaftsminister Erhard Busek (ÖVP) ist empört über die 
Sparpläne seiner Nachfolgerin Beatrix Karl. Damit würde jahrzehntelange 
Aufbauarbeit im Forschungsbereich "ersatzlos liquidiert".
    foto: der standard/corn

    Ex-Wissenschaftsminister Erhard Busek (ÖVP) ist empört über die Sparpläne seiner Nachfolgerin Beatrix Karl. Damit würde jahrzehntelange Aufbauarbeit im Forschungsbereich "ersatzlos liquidiert".

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