"Die Angstmacher fressen die Seelen"

10. November 2010, 17:35
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Der Rechtsruck in der Gesellschaft sei besorgniserregend, Integrationsunwillen die Antwort auf die Ignoranz der Gesellschaft - Die deutsche Schauspielerin Asli Bayram im Gespräch

Standard: Sie sehen sich selbst als Grenzgängerin, selbst Ihre Biografie trägt diesen Titel. Warum?

Asli Bayram: Ich setze mir selbst keine Grenzen und steh mir selbst nicht im Weg. Grenzenlos sein - vor allem was Liebe und Toleranz betrifft. Auch bezüglich meiner Herkunft gibt es für mich keine Grenzen: Ich fühle mich als Deutsche mit türkischen Wurzeln in zwei Welten zu Hause.

Standard: Die Realität sieht aber anders aus. In den Köpfen vieler Menschen gibt es doch genau diese Grenzen, oder?

Bayram: Leider ja. Vor allem finde ich es schade, dass Politik eher trennt und nicht verbindet. Politik sollte doch dafür sorgen, dass es der Gesellschaft gutgeht. Ja, es gibt Probleme. Ja, es gibt Rassismus. Aber wir dürfen diese Tatsachen nicht einfach so hinnehmen. #

Was heißt es, wenn die deutsche Bundeskanzlerin Merkel sagt, dass Multikulti "gescheitert" ist? Den Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufzugeben? Wenn ja, dann ist das brandgefährlich. Dieser Rechtsruck in der Gesellschaft ist besorgniserregend. Die Angst frisst die Seele. Oder besser: Die Angstmacher fressen die Seelen. Diese rechten Populisten mit Gel im Haar und Designerschal sind das wahre Übel unserer Zeit.

Standard: Aber wo liegen konkret die Integrationsprobleme?

Bayram: Die Sprache ist der Schlüssel zu einer gut funktionierenden Integration. Und da braucht es vielleicht noch mehr Bereitschaft vonseiten der Zuwanderer. Aber eigentlich bin ich es leid, ständig zu hören, was Zuwanderer tun müssen, damit Integration funktioniert.

Die Frage ist: Was kann die Politik tun, was kann die Gesellschaft per se leisten? Und ein gebildeter Mensch sollte sich selbst ein Bild über das sogenannte Fremde machen, das es eigentlich gar nicht gibt. Nur zur Erinnerung: Nicht jeder Moslem ist ein Terrorist.

Standard: Faktum ist aber auch, dass bei manchen Zuwanderern der Integrationswille enden wollend ist.

Bayram: Man muss versuchen, diese Menschen qualitätsvoll zu erreichen. Aber eben nicht durch Hetze. Viele haben sich auch abgeschottet, weil bis vor ein paar Jahren einfach kein Interesse an ihnen da war. Ich habe es während meiner Schulzeit am eigenen Leib erfahren: Obwohl ich in Deutschland geboren bin, war ich immer fremd.

Eben weil man mich so gesehen hat. Und was die vielzitierte Bringschuld dieser Menschen betrifft: Allein dass sie ihr Herkunftsland meist für immer verlassen, zeugt von einem großen Willen, sich zu integrieren. Diese Menschen müssen verstärkt ihre Stimmen erheben und darauf hinweisen, dass sie ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind - mit gleichen Rechten und Pflichten.

Standard: Als ehemalige Miss Deutschland und Schauspielerin tun Sie sich damit aber deutlich leichter als die türkische Familie, die in einer Dreizimmerwohnung in Berlin-Kreuzberg sitzt.

Bayram: Natürlich. Aber ich sehe es daher als meine Aufgabe, auch Stimme gerade für diese Menschen zu sein.

Standard: Haben Sie eigentlich jemals Kopftuch getragen?

Bayram: Nein. Für mich persönlich passt das nicht. Aber ich habe Bekannte und Freundinnen, die das tun. Ganz freiwillig und ohne Zwang. Deshalb bin ich auch gegen ein Kopftuchverbot. Aber natürlich ist es schlimm, wenn jemand dazu gezwungen wird. Es darf kein Zeichen der Unterdrückung sein. Aber ich kenne eben Frauen, die das freiwillig tragen. Da könnte man auch den Nonnen ihre Tracht verbieten.

Standard: Sie haben hautnah miterlebt, wohin blinder Ausländerhass führen kann. Als Sie zwölf Jahre alt waren, wurde ihr Vater von einem Neonazi erschossen, Sie selbst wurden schwer verletzt. Verliert man nicht jegliche Zuversicht?

Bayram: Ohne meine Familie wäre es wohl so gewesen. Wir haben uns aber gegenseitig gestützt und uns durch diese schwere Zeit getragen. Rückblickend kann ich nur sagen: Meine Familie hat nichts falsch gemacht. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD-Printausgabe, 11.11.2010)

Asli Bayram (29) ist deutsche Schauspielerin türkischer Herkunft und lebt in Wien, London und Los Angeles. Bekannt wurde die ehemalige Miss Deutschland 2005 vor allem durch ihre Solorolle in dem Theaterstück "Anne Frank: Das Tagebuch". Bayram steht demnächst für den Film "Body Complete", der ethnische "Säuberungen" im Jugoslawienkrieg thematisiert, vor der Kamera.

  • Von einem generellen Kopftuchverbot hält Schauspielerin Asli Bayram nichts - auch wenn sie selbst keines tragen würde.
    foto: hermann wakolbinger

    Von einem generellen Kopftuchverbot hält Schauspielerin Asli Bayram nichts - auch wenn sie selbst keines tragen würde.

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