Der Fall Oberhauser und das Elend der Meinungsmache

10. November 2010, 21:19
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Über die jüngsten Auswüchse des gefährlichen Wechselspiels zwischen Parteipolitik und Boulevardjournalismus am Beispiel des medialen Umgangs mit dem Noch-Direktor der ORF-Information - Von Gerhard Zeillinger

Es gibt bessere Fotos von Elmar Oberhauser. Diese sind eindeutig die schlechtesten, sie werden nicht unbeabsichtigt seit Wochen in jenen Blättern veröffentlicht, die als mediale Erfüllungsgehilfen einer Partei bekannt sind. Diese Partei ist wiederum dafür bekannt, dass sie ihre Parteipolitik im ORF so ungeniert öffentlich betreibt wie vielleicht noch nie eine Partei zuvor. Noch nie zuvor konnte sie auch auf derart massive Schützenhilfe durch den Boulevard zählen, noch nie auch hat eine Partei so massiv den Boulevard beherrscht. Oder umgekehrt der Boulevard die Partei?

Ist auch gleichgültig, wenn es um politische Inhalte ohnehin nicht mehr geht, genauso wenig wie um journalistische. Beide, die SPÖ und die von ihr durch Inserate finanzierten Blätter, haben sich der Kernangelegenheit ihres eigentlichen Geschäftes bereits entledigt. Man hat dadurch zwar enormen Einfluss in einem Land, dessen mediale Öffentlichkeit so "gestrickt" ist, dass man auf diese Weise eben schnell Einfluss gewinnen kann - aber was hat man sonst? Ich weiß nicht, ob beide wissen, wie beschämend wenig das ist, was da sonst noch auf der Haben-Seite steht ...

Dabei ist die mediale Hetze gegen Elmar Oberhauser, den ein seriöses Nachrichtenmagazin als "besten Mann" im ORF bezeichnet, nur eines von vielen, vielen Beispielen. Dieses aber weist schon bestürzende Affinitäten zu Methoden auf, die wir aus totalitären Verhältnissen kennen. Anders gesagt: Wie Österreich und Heute seit drei Wochen gegen einen ORF-Direktor vom Leder ziehen, das grenzt schon an Stürmer-Praktiken - obwohl man, ja, ich weiß, mit solchen Vergleichen immer vorsichtig sein soll. Aber schon die äußere Aufmachung folgt einzig dem Prinzip der Diffamierung: Man setzt gezielt Fotos ins Blatt, am besten gleich auf die Titelseite, auf denen einer möglichst unvorteilhaft, unsympathisch, selbstherrlich aussieht, man knallt eine Überschrift hin, die ihn erst recht zur "Fratze" macht, und im Blattinneren streut man dann zum Beispiel in anschaulichen "Info-Blasen" ("Cash" , "Pension" , "Abfertigung" ), wie viel er verdient resp. "abkassiert" . Wenn in Österreich einer vergleichsweise viel verdient, dann ist er sowieso unten durch - und schon haben Österreich und Heute ihre Aufgabe erfüllt, die Parteizentrale dankt es mit neuen Inseraten, neuem Geld.

Worum es in der Sache eigentlich geht, wird nicht berichtet. Darüber nämlich, wie massiv eine Partei Einfluss auf die Personalpolitik eines öffentlich-rechtlichen Senders nimmt. Offenbar interessiert mehr, wie viele Dienstautos einer, der dieser Partei unliebsam geworden ist, zur Verfügung hat. Als ob andere, der Partei liebsame ORF-Granden am Hungertuch nagen und "Privilegien" nur vom Hörensagen kennen würden. Verdient nicht Herr Wrabetz viel mehr als Herr Oberhauser? Und wie ist das mit "Privilegien" , die anderswo als "wohlerworbene Rechte" gehandelt und verteidigt werden?

Solange man natürlich auf Leser setzen kann, die fest entschlossen sind, zu glauben, was sie lesen, und offenbar weder fähig noch willens sind, weiterzufragen oder gar zu hinterfragen, funktioniert die Sache. Das Schlimme daran: So funktioniert in Österreich nicht nur die Meinungsmache - zu dem Schluss muss man einfach kommen, wenn man allein Auflagenhöhe und Verbreitungsgrad solcher Blätter ins Kalkül zieht, - nein, in diesem Land, wo angeblich 70 Prozent der Meinung sind, dass man zuallererst bei der Kultur sparen sollte, funktioniert so auch "Politik" . Oder besser: So wird sie gemacht.

Gefährlicher Verfallsprozess

Und wenn sich das einmal eingespielt hat, dann kann man es auch ganz ungeniert und unverblümt machen: Eine Partei will einen ORF-Direktor los werden, und sofort startet eine mediale Hetze in jenen Blättern, die ihr Bestehen, dieser Partei verdanken - wie Übelmeinende behaupten. Wer am 4. November die Ausgabe von Österreich (siehe Faksimile) in der Hand gehabt hat, wird diese These allerdings unschwer nachvollziehen können.

Aber es geht bei dieser Art von "Journalismus" nicht nur um solche politischen Fälle. Auch der Stil des an sich harmlosen Chronikteils entlarvt die Intentionen dieser Schreibe. In derselben Ausgabe, ein paar Seiten weiter, wird etwa vom Prozessauftakt gegen jenen Autolenker berichtet, der im Mai ein Schulkind auf einem Zebrastreifen totgefahren hat. Aber geht es wirklich darum?

Der Angeklagte, so beginnt nämlich der betreffende Artikel, betritt den Gerichtssaal, dort sitzt die "schönste" Richterin Österreichs - aber, in diesem Augenblick hat der Angeklagte keine Augen für sie, denn: er ist ein "gebrochener Mann" , unfähig also, die erotischen Signale der Richterin zu empfangen. Was das mit dem Prozess, dem Tod des Kindes zu tun hat, weiß offenbar nur der Artikelschreiber von Österreich.

Haben wir uns nicht längst daran gewöhnt, dass Journalismus in diesem Land - synchron zu unserem Bildungssystem - immer mehr verkommt? Man kann die Beispiele für verhunztes Deutsch täglich sammeln: stilistische Schlampereien, schiefe Bilder, Fallfehler en masse. Dabei gibt es Fachhochschulen für Journalismus - aber was lernt man dort wirklich? Offenbar nicht einmal, dass man einst in diesem Land, ist jetzt schon an die dreißig Jahre her, sehr stolz auf "Enthüllungsjournalismus" war. Jetzt haben einige Blätter schon Schwierigkeiten mit der bloßen Information.

Zweifellos, Information ist eine gefährliche Sache: eine Tochter der Zeit, der Redaktionspolitik, der Parteizentralen ... Sind wir wirklich schon so weit?

Beiderseitige Selbstaufgabe

Und: Muss man nicht langsam Angst um die Demokratie in diesem Land haben, wenn Meinung so unverschämt offen "gemacht" wird wie im Fall Oberhauser? Gefällt das der Parteizentrale? Ist das im Sinne der SPÖ-Stiftungsräte und auch derer, die da - Grün inklusive - am 11. November brav mitstimmen werden?

Und haben die "Jungen" wie etwa Laura Rudas oder Nick Pelinka noch andere Ziele im Leben als diese Art von "Parteiarbeit" ?

Wie viel Selbstaufgabe gehört eigentlich dazu, wenn sich die Politik so bereitwillig dem Boulevard unterordnet - und vice versa?

Ergebnis dieses Wechselspiels: Die Politik verzichtet darauf, Politik zu gestalten, und die Medien, unabhängigen Journalismus zu machen. Beide sind eigentlich Verlierer: Faymann und die Krone, die SPÖ und Österreich, Häupl und Heute. Sie wissen es nur nicht. Oder wenn doch: Wen kümmert's? (Gerhard Zeillinger, DER STANDARD; Printausgabe, 11.11.2010)

GERHARD ZEILLINGER, Jg. 1964, Germanist und Historiker, lebt als freier Publizist in Amstetten.

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  • Gerhard Zeillinger: hetzen und hetzen lassen.
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    Gerhard Zeillinger: hetzen und hetzen lassen.

  • Zur Ästhetik des "Erfüllungsgehilfen-Journalismus": aus dem reichhaltigen Schlagzeilen- und Meuchel-Foto-Fundus einer heimischen Tageszeitung im Vorfeld der Stiftungsratssitzung des ORF.
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