Menschen mit Fazialisparese haben eine Gesichtslähmung, die aus dem Nichts entsteht - Die Ursache ist in den meisten Fällen unbekannt
Der Mundwinkel hängt leicht nach unten, die Stirn lässt sich nicht runzeln. Augenlid und Mund lassen sich nur mehr unvollständig schließen. Geräusche wirken plötzlich übermäßig laut, gewohntes Essen schmeckt anders. Menschen mit Fazialisparese leiden an einer Gesichtslähmung, die die mimische Gesichtsmuskulatur betrifft. Die Lähmung entsteht überwiegend ohne Vorwarnung, die Ursachen sind großteils unbekannt.
Bei Fazialisparese findet eine Funktionsstörung des siebten Hirnnerven, des Nervus facialis, statt, der für die Motorik der mimischen Muskulatur zuständig ist. Zudem steuert er die Sekretion von Tränenflüssigkeit und beeinflusst das Geschmacksempfinden. Je nachdem ob eine unmittelbare Nervenschädigung vorliegt oder aber die Schädigung innerhalb des Gehirns besteht, wird zwischen pheripherer und zentraler Fazialisparese unterschieden.
Schlaganfälle, Tumore, Entzündungen
Während die Ursachen für den zentralen Typ großteils bekannt sind - etwa Schlaganfälle, Hirntumore oder entzündliche Erkrankungen des Gehirns - lässt sich bei der peripheren Lähmung nur rund ein Viertel mit einer definierten Erkrankung in Zusammenhang bringen. Als häufige bekannte Ursachen gelten die Borreliose oder der Zoster oticus, eine Sonderform der Erkrankung mit Herpes Zoster Viren. Diese entzündlichen Prozesse lassen den Nerv anschwellen, wodurch er in seiner Funktion gestört ist. Ebenso können auch Schädelverletzungen, Tumore oder Autoimmunerkrankungen der Grund dafür sein. In drei Viertel der Fälle ist die plötzliche Lähmung idiophathischer Natur, das heißt, die Ursache dafür ist unbekannt.
Grundsätzlich besteht die Fazialisparese halbseitig. "Sind beide Gesichtshälften zugleich betroffen, ist häufig eine Borreliose oder eine seltenere Erkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom oder das Miller-Fisher-Syndrom im Spiel, erklärt Wolfgang Löscher, Leiter der neuromuskulären Ambulanz an der Medizinischen Universität Innsbruck.
Häufigste Hirnnervenläsion
Ganz so selten wie oft vermutet ist die Fazialisparese nicht. Sie ist die mit Abstand häufigste Hirnnervenläsion und betrifft Männer und Frauen zu gleichen Teilen, wobei während der Schwangerschaft ein erhöhtes Erkrankungsrisiko besteht. Alleine an der idiopathischen Form erkranken laut Löscher jährlich ungefähr 20 bis 30 Personen pro 100.000 Einwohner. Die Prävalenz nach einer Borreliose liege bei ungefähr 5 Personen, bei Herpes Zoster bei rund 10 Personen pro 100.000 Einwohner. Dazu kommen noch unzählige Erkrankungsfälle, die durch Schlaganfälle ausgelöst werden - die dritthäufigste Todesursache in Österreich.
Gute Heilungschancen
"Bei der peripheren Fazialisparese hat man sehr gute Prognosen auf eine Heilung. In den ersten neun Monaten verschwinden ungefähr 80 bis 95 Prozent der Lähmungen. Durch eine Behandlung steigt die Heilungsquote um rund zehn Prozent", erklärt der Neurologe. Der Großteil der Lähmungen bildet sich in den ersten Wochen vollständig zurück. Geschieht eine Rückbildung der Parese aber nicht nach spätestens einem Jahr, persistiert sie bei den meisten Patienten. Fazialisparesen, die durch Borrelien verursacht werden, haben nahezu immer eine gute Prognose während solche nach Zosterinfektion häufiger unvollständig heilen.
Bei einer bleibenden Lähmung besteht die Möglichkeit operativer Korrekturoperationen oder Nerventransplantationen - diese würden aber oft nur mäßige Erfolge bringen, betont Löscher.
Ausschluss-Diagnose
Der Weg zur Diagnose geschieht mittels Ausschluss-Prinzip. Die Anamnese gibt erste Hinweise auf die eine mögliche Ursache der Fazialisparese. Wichtige klinische Merkmale sind der Lidschluss, die Tränensekretion sowie der Geschmack. "In den ersten zwei bis drei Tagen der Lähmung kann mittels kanalikulärer Magnetstimulation gut zwischen einer idiopathischen Fazialisparese und einer mit Ursache unterschieden werden. Wird keine Magnetstimulation durchgeführt, muss lumbal punktiert werden, um durch die Liquoruntersuchung detailierte Informationen zu erlangen, erklärt Löscher die zwei Möglichkeiten bakterielle und virale Erkrankungen auszuschließen.
Die Behandlung orientiert sich am Schweregrad, den einzelnen Symptomen und an der Ursache, falls gegeben. "Ist die Ursache eine Entzündung mit Bakterien wie Borrelien, wird antibiotisch behandelt. Bei Entzündungen durch Viren, etwa beim Zoster oticus, werden Virustatika verabreicht, die die Vermehrung der Viren hemmen. Bei der idiopathischen Form kann Kortison geben werden, um eine Entzündungshemmung zu bewirken", erklärt Löscher. Die therapeutischen Maßnahmen zielen vor allem darauf ab, Komplikationen zu verhindern. Zusätzlich können krankengymnastische Übungen der Regeneration der Gesichtsmuskulatur helfen. (Ursula Schersch, derStandard.at, 17.11.2010)