Dichter im Sprachgarten

9. November 2010, 19:02
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Als Teil seines Gartens gerierte sich der Dichter sehr präzis und als großartiger Wortklauber

Bevor am Montagabend die brave Familienfeier des österreichischen Theaterbetriebs zum Anlass der Nestroy-Verleihung mit witzlosem Struwelpeter und lächerlichem Abba-Wortgesang losging, wurde noch ein kleines Sprachtheater geboten. Peter Handke gab ein Interview.

Auf die in übertriebenen, geradezu existenziellem Ernst vorgetragenen Fragen von Katja Gasser nach der Motivation seines Schreibens fällt dem Hackler im Betrieb des Denkens, man muss ihm dankbar sein, zuerst "Geld und Frauen" ein, um sich dann doch zu freuen, eine "Bestimmung" zu haben. Demut? Klingt nach Religion, und Schreiben sei ohnehin Größenwahn. "Das muss man halt wissen." Die meisten schreiben nach Rezepten, richtiges Schreiben bedeute aber eine "Ein-Mann-Expedition in unbekanntes Gebiet". Eine wichtige Mission, denn "Literatur schafft Gerechtigkeit. Geschichte ist parteiisch."

Als Teil seines Gartens, in dem er interviewt wurde, gerierte sich der Dichter zwar zaudernd wie Alexander Van der Bellen, dafür aber sehr präzis und als großartiger Wortklauber, dem auch die Wortwahl der Interviewfragen nicht wurscht ist: Nein, "bewundert" will er nicht werden, das kommt vielleicht bei den Salzburger Festspielen vor, er wolle "begeistern". Ein unauffälliger, großer Unterschied. Ob er glücklich sei? "Glück interessiert mich nicht." Es kommt zufällig zustande und hat nur eine Silbe. "Mit Glück wird man dumm." Er will "Freude". Zwei Silben. "Freude ist Pflicht." Außer "wenn man im KZ ist. Oder stirbt. Oder Schmerzen hat." Darauf kann Katja Gasser nur mehr mit einem todernsten "Danke schön" antworten. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 10.11.2010)

  • Peter Handke.
    foto: screenshot

    Peter Handke.

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