Polizei stürmt Protestcamp: Mindestens acht Tote

10. November 2010, 22:05

Das Zeltlager in Laayoune wurde gestürmt, während Regierung und Polisario-Rebellen in New York verhandeln

Rabat - Nach den zweitägigen Unruhen in der Westsahara ist am Mittwoch nach Beobachterangaben wieder Ruhe in der Region eingekehrt. In der Hauptstadt des von Marokko seit 31 Jahren besetzten Gebietes, Laayoune, patrouillierten zwar Soldaten und Polizei auf den Straßen, in einigen Bezirken kehre aber wieder Normalität ein, berichtete der Menschenrechtsaktivist Brahim Elansari. "Die Geschäfte sind geöffnet und Leute laufen durch die Straßen."

Widersprüchliche Angaben

Die Unruhen waren am Montag ausgebrochen, nachdem marokkanische Sicherheitskräfte ein Zeltlager von Demonstranten gestürmt hatten, die gegen die schlechten Lebensbedingungen der Sahrauis protestieren wollten. Anschließend machten beide Seiten unterschiedliche Angaben über die Zahl der Toten. So seien am Dienstag noch acht weitere Leichen entdeckt worden, berichtete der Madrider Delegierte der Befreiungsbewegung Polisario, Bucharaya Beyun. Demnach habe es aufseiten der Sahrauis bisher 19 Tote und mehr als 700 Verletzte gegeben. Die marokkanische Nachrichtenagentur MAP berichtete unterdessen, dass acht Sicherheitskräfte getötet worden seien. Unbeteiligte Zivilisten sind nach marokkanischen Angaben nicht ums Leben gekommen.

Die Westsahara wurde nach dem Abzug der spanischen Kolonialmacht 1975 zwischen Marokko und Mauretanien aufgeteilt. Marokko besetzte aber das gesamte Territorium, nachdem sich Mauretanien 1979 zurückgezogen hatte. Die Befreiungsbewegung Polisario nahm daraufhin den bewaffneten Kampf auf, der 1991 mit einem von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand endete. Die Polisario tritt für die Unabhängigkeit der an Rohstoffen reichen Region ein.

1975 aufgeteilt, 1979 besetzt

Die Westsahara wurde nach dem Abzug der spanischen Kolonialmacht 1975 zwischen Marokko und Mauretanien aufgeteilt. Marokko besetzte aber das gesamte Territorium, nachdem sich Mauretanien 1979 zurückgezogen hatte. Die Befreiungsbewegung Polisario nahm daraufhin den bewaffneten Kampf auf, der 1991 mit einem von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand endete.

Die Polisario tritt für die Unabhängigkeit der an Rohstoffen reichen Region ein. Die Exilregierung der von Polisario ausgerufenen Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS) hat ihren Sitz in der algerischen Wüste bei Tindouf, wo zehntausende Menschen in Flüchtlingslagern leben. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen begann in der Nähe von New York am Montag ein zweitägiges informelles Treffen zwischen der marrokanischen Besatzungsmacht und der Befreiungsbewegung Polisario.

In Wien forderte die Nationalratsabgeordnete Petra Bayr (SPÖ) als Mitglied des parlamentarischen Menschenrechtsausschusses eine Westsahara-Initiative Österreichs im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Nach den jüngsten Vorkommnissen in dem von Marokko besetzten Gebiet rief die Politikerin am Dienstag laut Parteipressedienst Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) auf, den Sicherheitsrat zu aktivieren. "Österreich ist bis Ende des Jahres Mitglied des UN-Sicherheitsrats und hat hier besondere Verantwortung zu tragen", hob Bayr hervor.

"Das massiv gewaltsame Vorgehen Marokkos ist ein beispielloser Affront, dem täglich Menschen zum Opfer fallen, und muss endlich gestoppt werden", erklärte die Abgeordnete. "Weder sind Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, wie sie in der Westsahara seit Jahrzehnten andauern, zu dulden, noch darf die UNO zulassen, dass ihre fortdauernden Vermittlungsbemühungen derart konterkariert werden."

Die Zerstörung einer Zeltstadt durch marokkanische Sicherheitskräfte habe etwa 20.000 Menschen getroffen, die offenbar unter Wasserwerfern und Tränengas von Hubschraubern aus gejagt worden seien.

"Das dies unmittelbar vor den neuen Gesprächen (in den USA) unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen geschehen ist, macht diesen an sich schon empörenden Gewaltakt zu einer Gefährdung der Glaubwürdigkeit der UNO, wenn hier nicht sofort und scharf reagiert wird - diese Situation ist nicht nur für die seit Jahrzehnten drangsalierten und unterdrückten Saharaui unerträglich, sondern auch für die Internationale Staatengemeinschaft nicht duldbar", betonte Petra Bayr. (APA/dapd)

Kommentar posten
22 Postings
Fabio La Recca
00
4.12.2010, 17:31
@ Frau Ruth-Schlabberitzka-Pangl

Ich lebe seit 1999 in El-Aiun ... Sie und Ihre Mitstreiter provozieren hier die Eskalation in diesem Lande. Die Menschen sind Befürworter Marokkos... klipp und klar Marokko. Es ibt immer eine Minderheit die was anderes wollen. Marokko investiert richtig Geld hinein,so wie die Westdeutschen die neuen Bundesländer aufgebaut haben. Hier herrscht eine Redefreiheit. Versammlungsrecht besteht auch , aber es ist doch wohl in jedem Land so das Chaoten und Randalierer nun mal härter bestraftt werden müssen und sowas habe ich durch die POLISARIO unterstützten Mopp erlebt, ja ich habe dieses hier erlebt. Jeder hier ist für die Bestrafung der Randalierer und deren Anstifter woher auch immer sie kommen. In jedem Land werden Randalierer hart rangenommen.

Nicolas Castillo
00
11.11.2010, 12:51
ich gehe davon aus ...

das Marokko zu unseren Freunden gehört, oder?

Demosthenes
00
10.11.2010, 13:15
ach,

würde sich herr spindelegger doch mit der selben vehemenz, mit der er sich über den rülpser eines türkischen schmalspurdiplomaten aufregt, für die wirklichen probleme im un-sicherheitsrat aufregen.

Ruth Schlabbeeritzka-Pangl
41
10.11.2010, 12:47
Protest

Alljene, die sich bei den deutschen Anti-Atom-Demos der letzten Tage "nicht ordnungsgemäss weggetragen" fühlten, sind hiermit herzlich zu einer Demo-Reise nach Marokko eingeladen! ;)

Nicolas Castillo
00
11.11.2010, 12:52
Verzeihen Sie vielmals ...

dass wir uns in Deutschland getrauen zu demonstrieren. Ist übrigens unser verfassungsmäßiges Recht.

In ihrer Welt möchte ich nicht leben.

Horst Holzinger
00
11.11.2010, 04:31
Leute wie Sie,

wollen ein Regime wie in Marokko in Österreich errichten.

Fabio La Recca
00
4.12.2010, 17:19
@ Horst Holzinger

Sehr geehrter Herr Holzinger!
Waren Sie schonmal in Marokko ?
Waren Sie schonmal in dieser wunderschönen Reion Sahara?Sind Sie sich sicher das Marokko undemokratisch ist?Kritisieren Sie gerne etwas was Sie nicht kennen?Haben Sie sich mit den Menschen hier unterhalten?Glauben Sie wirklich das die Polisario eine bessere alternative zu Marokko ist die hier Demokratie und Frieden schaffen soll?Dann setzen Sie sich mal in den Flieger und werden feststellen das die Leute sich alles Wünschen nur keine kommunistisch angehauchte Al-Kaida unterwanderte POLISARIO die hier ein zweites Afghanistan bzw. Somalia herbeischaffen wird, und das wenie Kilometer von den Kanarischen Inseln ....

Horst Holzinger
00
4.12.2010, 18:04
Ein König ist undemokratisch.

Es gibt keine demokratischen Könige.
Dort wo es Demokratien und Könige gibt sind letztere allensfalls Grussonkel und -tanten, die nichts zu sagen haben.

Das kann man nicht über Marokko sagen.
Marokko ist eine Diktatur, dessen Diktator sich König nennt und die Diktatur weitervererbt.

Ich halte es mit Saint Just in der Verhandlung gegen den französischen König : "Nicht Ludwig der XVI! Ludwig der Letzte!"

Fabio La Recca
00
6.12.2010, 19:21
Am Thema vorbei Herr Holzinger

Sorry Ihre einsilbige Meinung zu Königreichen kann ich ganz und gar nicht teilen ... das worauf ich angesprochen habe sind Sie überhaupt nicht eingegangen. Ich weiss das Marokko nicht so verkappt undemokratisch ist wie manch neue osteuropäische EU-Mitgliedsstaaten. Ferner haben SIE meine Fragen nicht beantwortet! Ist es in Ihrer NATUR so etwas unsachliches zu kritisieren was Sie nicht kennen? Die Menschen lieben hier ihren König. Er hat schon einiges gegenüber seiner Vorfahren geleistet. Der KÖNIG von MAROKKO hat seine politische Ausbildung in den 90er Jahren unter anderem bei der EU in Brüssel geleistet. Und kein arabischer Staatschef hat so viele Reformen ins Land durchgesetzt wie König Mohamed VI. ... wenn man keine Ahnung hat , dann ...

Beliar
01
11.11.2010, 12:27

hm,.. die polisario wird von algerien und südafrika unterstützt, (wiki) und wenn sie sich über ein regime im maghreb aufregen versuchen sies vielleicht mal mit algerien

mistvieh666
 
54
9.11.2010, 23:37

"Das massiv gewaltsame Vorgehen Marokkos ist ein beispielloser Affront..."
nach dem bericht sind 5 marokkanische sicherheitskraefte ums leben gekommen, nicht die armen, unterdrueckten, guten widerstandskrieger.
und seit 31 jahren ... irgendwann ist es an der zeit aufzugeben.

nur so nebenbei: meine urgrosseltern sind von mussolini aus triest ein bisschen vertrieben worden. wir reden alle so ein bisschen italienisch, verbringen unsere urlaube dort, leiden mit der italienischen fussballnationalmannschaft mit.
und vor allem: wir haben kein verstaendnis fuer die leute die 100 jahre nichts anderes tun als auf irgendein recht zu bestehen, das sie dann erst nicht kriegen.

Herr und Frau Österreicher
 
10
10.11.2010, 11:16

Italien und Österreich sind heute in der EU, beide sind (noch) so etwas ähnliches wie Rechtsstaaten.
Auf Marroko trifft das nicht zu!

Beliar
01
10.11.2010, 12:29
aha also unrechtsstaaten?

verwechseln sie da nicht ein bisschen was in der geographie?

Guigui
11
10.11.2010, 01:32
"Nach dem Bericht"

Besagter Bericht beruft sich auf marokkanische Regierungsquellen. Also jene Vorzeigedemokratie, die Menschenrechte bekanntermaßen großschreibt.

the academic cyber sense
01
10.11.2010, 00:54

deine tolle theorie gilt natürlich für alle mit gewalt besetzten regionen und völker dieser erde, gell? tibet, kashmir, ureinwohner diverser länder,...

Beliar
00
10.11.2010, 08:09
na gut, kann das eigentlich nicht so recht beurteilen

hab nur gehört, dass die polisario auch zu ihren eigenen leuten gar nicht so nett sein soll, mit mauretanien gibts eigentlich keine probleme aber mit algerien, das die polisario unterstützt.

mistvieh666
 
41
10.11.2010, 07:29

nicht fuer alle.
aber fuer tibet, kashmir (und die palaestinenser) auf jeden fall.
der wechsel des haupt-loesungsparadigmas von gewalt und verhandlungen zu irgendwelchen rechtlichen anspruechen zieht konflikte nur unendlich in die laenge und hilft eigentlich niemanden.

zu westsahara: da gibts jetzt seit 31 jahren ueber 1 million fluechtlinge, fuer die sich in wirklichkeit kein mensch interessiert. und auch wenn sie ihren wuestenstreifen in 20 jahren wieder zurueckbekommen - wars das wert?
man muss auch verlieren koennen.
nicht die siege haben europa und die zivilisierte welt zu dem gemacht was es ist, sondern das verlieren koennen.

Guigui
00
10.11.2010, 09:28
Falsch

Erst das Siegen können hat Europa zu dem gemacht, was es ist. Man vergleiche die Nachkriegszeit nach dem 1. und dem 2. Weltkrieg, insbesondere wie Frankreich mit seinem Sieg über Deutschland umgegangen ist.

Beliar
00
10.11.2010, 10:05

Ghandi hat "verloren", zumindest im ww2 haben die deutschen verloren, was wäre wenn sie gesiegt hätten?

Ramba-zamba
03
9.11.2010, 22:00

ein wort.. kolonialmacht spanien.. mein rechtsverständins sagt mir, dass spanien seine schuld noch nicht beglichen hat;)

Austro-Spanier0
00
10.11.2010, 17:07
Völlig richtig und obendrein

glänzt die spanische Diplomatie wieder einmal durch ihre Abwesenheit, aber andererseits was kann man sich schon von der Truppe um Rodríguez Zapatero erwarten?

Christph Danmo
01
14.11.2010, 12:28
Hätten die Marokkaner

und Mauretanier damals die Spanier nicht aus diesem Land vertrieben, würden die Spanier nun das Land ausbeuten und die Sahrauis unterdrücken.
Meiner Meinung nach, sollten diese sich geehrt fühlen zu Marokko zu gehören.

P.S. Spanien und auch kein anderes Land dieser Welt kann dort einmarschieren, da dieses Land von Marokko annektiert ist und die Mehrheit der dort lebenden Menschen sind Befürworter Marokkos.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.