Erstmals wurde eine Aktion zur Registrierung als Mitglieder und als Wahlberechtigte unter den österreichischen Muslimen gestartet
Die "Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich" ist seit etlichen Jahren der offizielle Ansprechpartner für die Regierung und andere Institutionen. Es gab immer Kritik auch anderer muslimischer Repräsentanten, die Glaubensgemeinschaft sei nicht repräsentativ für die rund 500.000 Muslime in Österreich und habe in Wirklichkeit nur wenige tausend Mitglieder. Nun, da Wahlen für die Organe der Gemeinschaft anlaufen, hat man erstmals eine Aktion zur Registrierung als Mitglieder und als Wahlberechtigte unter den österreichischen Muslimen gestartet.
Kürzlich gab Präsident Anas Schakfeh die ersten Ergebnisse bekannt: Insgesamt haben sich etwa 45.800 Personen registrieren lassen, 15.800 davon sind wahlberechtigt. In Wien beginnt die Registrierung erst, man erwartet dadurch ein Verdopplung auf etwa 90- bis 100.000. Das wäre trotzdem keine besonders beeindruckende Zahl. Schakfeh erklärt das mit den Kosten für die Registrierung und der Tatsache, dass die diversen Verbände deshalb nur genau so viele Leute registriert hätten, wie es notwendig ist, um entsprechend viele Repräsentanten im Schura-Rat (dem "Parlament") zu erhalten.
Daraus lässt sich zunächst ablesen, dass die Glaubensgemeinschaft stark von organisierten Verbänden beeinflusst wird. Die Spontanität der "einfachen Muslime" war also nicht sehr stark. Tatsächlich sagt auch Schakfeh, dass erst zum Schluss der Registrierungsfrist ganze Kartons mit ausgefüllten Registrierungsformularen eingetroffen seien. Dieser späte Enthusiasmus dürfte sehr stark dadurch ausgelöst worden sein, dass diverse türkische Verbände erstmals beschlossen haben, sich massiv zu beteiligen. Vor allem die (vom türkischen Staat beeinflusste) Atib (Türkischer Kulturverein in Österreich), aber auch die "Islamische Föderation", die der , gelinde gesagt, konservativen Milli Görüs (Nationale Sicht) nahesteht.
Bisher waren die türkischen Vereinigungen gegenüber der Islamischen Glaubensgemeinschaft eher zurückhaltend, vielleicht, weil ihnen die Führungsspitze arabisch dominiert schien. Nun haben sie offenbar beschlossen, die Glaubensgemeinschaft zu "übernehmen". Der nächste Präsident wird daher vermutlich der türkisch-kurdisch-stämmige Religionspädagoge Fuat Sanaç sein. Er wurde von der "Islamischen Föderation" unterstützt, genießt offenbar aber auch das Vertrauen von Atib. Angesprochen auf Milli Görüs, verweist er darauf, dass das Verfahren gegen die Vereinigung in Deutschland wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung fallengelassen wurde (siehe derStandard.at/Rau-TV).
Auffällig ist die große Diskrepanz zwischen Registrierten und Wahlberechtigten (zwei Drittel/ein Drittel). Schakfeh erklärt das mit dem Kinderreichtum der Muslime (Wahlberechtigung ab 14). Andere Insider erklären das damit, dass viele Männer in der Familie sagen: "Es genügt, wenn ich wählen gehe".
Immerhin erhält die offizielle Vertretung der Muslime in Österreich durch Registrierung und Wahlen eine erhöhte Legitimation. Die Sache mit den Vätern, die quasi für die ganze Familie wählen gehen, zeigt aber, was noch zu leisten ist. (Hans Rauscher/DER STANDARD - Printausgabe, 10.11.2010)