"Viren reisen interkontinental und ohne Visa"

9. November 2010, 18:03
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Der britische Virologe George Poste ist sich sicher: Die nächste Pandemie kommt bestimmt

Mit ihm sprach Robert Czepel über Biowaffen, Genpatente und die Kosten pharmazeutischer Forschung.

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STANDARD: Sie haben am Montag einen Vortrag über "Genomik, Demografie, Epidemien, Ökonomie und Ethik als Faktoren therapeutischer Innovationen" gehalten. Viele Themen für einen Vortrag.

Poste: All diese Fächer hängen zusammen, etwa über das Gesundheitswesen und die Alterung der Gesellschaft: Typen wie ich mit grauen Haaren werden in Zukunft immer mehr werden, die Kosten für die Behandlung chronischer Krankheiten, Alzheimer usw., werden steigen. Wenn wir Krebs früher erkennen als heute, werden auch die Kosten sinken. Im Übrigen haben wir zurzeit kein Gesundheits-, sondern ein Krankheitssystem. Im Deutschen heißt es ja auch: "Krankenkasse" . Der Trend der Zukunft ist daher: nicht nach Symptomen zu behandeln, sondern Krankheiten vorherzusagen und zu vermeiden.

STANDARD: Und der Konnex zu Epidemien?

Poste: Nehmen wir etwa die Influenza. In den Jahren 1957 und 1968 ereigneten sich Ausbrüche pandemischen Ausmaßes. Wenn man sich die Sterbedaten für die Grippewelle 2009 in den USA ansieht, zeigt sich: Die Zahl der verlorenen Lebensjahre war 2009 größer als bei den früheren Pandemien. Der Grund dafür ist, dass jüngere Menschen von der Krankheit betroffen waren und die Menschen nun im Schnitt deutlich älter werden. Ein wichtiger Faktor ist auch die rasche Verbreitung durch den Interkontinentalverkehr. Viren brauchen eben keine Visa.

STANDARD: Wann kommt die nächste Pandemie?

Poste: Das weiß niemand.

STANDARD: Zumindest könnte man vorhersagen, von welchem Organismus das Virus kommt. Zum Beispiel Vögel?

Poste: Bei der Vogelgrippe war das zumindest so. H5N1 zirkuliert ja immer noch und tauscht Gene mit anderen Viren aus. Das Schweinegrippe-Virus H1N1 hatte beispielsweise eine hohe Ansteckungsrate, aber eine relativ geringe Virulenz - also die Fähigkeit, eine Krankheit auszulösen. Wenn sich nun die Ansteckungsgene des Schweinegrippe-Virus mit den Virulenzgenen von H5N1, das 60 Prozent aller Infizierten getötet hat, kombinieren, dann wird es gefährlich. Es wird passieren, aber wann, ist völlig offen.

STANDARD: Wäre es möglich, solche Genkombinationen auch künstlich herzustellen? Etwa zu terroristischen Zwecken?

Poste: Ja, man benötigt dafür aber sehr raffinierte chemische Methoden. Das kann man nicht in einer Garage machen. Aus meiner Sicht stellt sich die Sache so dar: Bioterrorismus hat ein hohes Risiko - aber zurzeit eine geringe Wahrscheinlichkeit. Natürliche Krankheiten hingegen haben eine hohe Wahrscheinlichkeit und ein hohes Risiko.

STANDARD: Sollten Studien veröffentlicht werden, die potenziell gefährliche Methoden beinhalten?

Poste: Jede Information kann sowohl zum Guten als auch zum Schlechten verwendet werden. Die Geschichte zeigt uns: Wissen kann nicht zurückgehalten werden, irgendwie findet die Information ihren Weg nach draußen. Denken Sie etwa an die Kernphysik, sie hat uns Nuklearwaffen gebracht, aber auch wertvolle medizinische Untersuchungsmethoden. Und das Know-how zu chemischen Waffen im Ersten Weltkrieg hat die Entwicklung von Medikamenten vorangetrieben.

STANDARD: Sie haben jahrelang für einen der größten Pharmakonzerne der Welt gearbeitet. Wie unterscheiden sich akademische und industrielle Forschung?

Poste: Bei Letzterer braucht man Produkte, die Gewinn abwerfen. Die Entwicklung eines neuen Medikaments ist allerdings nicht billig. Es kostet mindestens eine Milliarde Dollar, um es zur Marktreife zu bringen. Aber die pharmazeutische Industrie reinvestiert 15 Prozent der Einnahmen in neue Forschung.

STANDARD: Sollte man spezielle DNA-Sequenzen patentieren dürfen?

Poste: Alle denkbar möglichen Anwendungen einer DNA-Sequenz sollten nicht in Patente aufgenommen werden. Aber wenn man eine spezielle Anwendung findet, zum Beispiel eine Lösung für das Problem multiresistenter Bakterien, sollte man das sehr wohl patentieren dürfen. Es gibt keine simple Antwort auf diese komplexe Frage.

STANDARD: Sie beraten auch hochrangige Politiker. Hier müssen Sie vereinfachen und sagen: Ja, das sollte man tun - oder eben nicht.

Poste: Dann sage ich: Mister President, Herr Premierminister, es ist notwendig, dass Genfunktionen patentiert werden dürfen, sofern es zu ihrer Entdeckung substanzieller Investments und innovativer Ideen bedarf. Auf der anderen Seite gibt es exzessive Forderungen, die man verhindern muss. Niemand darf ein Blankopatent für Anwendungen erhalten, die er oder sie nicht einmal vorhersehen konnte. (Robert Czepel/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2010)

 


George Poste hat in den 1990er-Jahren in der pharmazeutischen Forschung gearbeitet und ist nun für Health Technology Networks tätig - eine Firma, die genomische Daten für das Gesundheitswesen aufbereitet. Er berät unter anderem die US-Regierung zum Thema Bioterrorismus. Am Montag hielt er die Constantin Spiegelfeld Lecture am CeMM-Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

  • Hat keine simple Antwort auf komplexe Fragen wie jene, ob man Gene patentieren darf: George Poste. Er ist sich jedoch sicher, dass Wissen nicht zurückgehalten werden könne.
    foto: standard/heribert corn

    Hat keine simple Antwort auf komplexe Fragen wie jene, ob man Gene patentieren darf: George Poste. Er ist sich jedoch sicher, dass Wissen nicht zurückgehalten werden könne.

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