Die Tricks der Medien-Guerilla

9. November 2010, 17:45
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SMS, Twitter und Culture-Jamming: Die Medien-Aktivisten organisieren sich heute im Web und durch gezielte Manipulationen

Innsbrucker Forscher erkunden die kreativen Formen und Möglichkeiten von Medienaneignung.

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Mit den Antiregierungsprotesten vor zehn Jahren ging auch die Österreich-Premiere einer neuen Form von Medienaktivismus über die Bühne. Damals wurde von der Internet-Plattform "Public Netbase" erstmals ein eigener SMS-Server eingerichtet, um die Demonstranten mit (logistischen) Informationen zu versorgen.

Diese selbstbestimmte Nutzung eines neuen Mediums für gesellschaftspolitische Anliegen ist beispielhaft für ein seit den 1990er- Jahren weltweit verstärkt zu beobachtendes Phänomen: eine höchst innovative und kreative Mediennutzung durch kritische junge Menschen, die sich den machthabenden Instanzen zumindest kurzfristig entzieht. Eine bereits vertraute Spielart von Medienaktivismus sind die spektakulären Greenpeace-Aktionen, mit denen als vernachlässigt betrachtete Themen mittels exakt geplanter Bilder in die Mainstreammedien hineinkatapultiert werden.

"Um die Öffentlichkeit zu erreichen, werden von den Medienaktivisten einerseits bestehende Medien gezielt manipuliert bzw. auf eine ungewöhnliche Art benutzt" , erklärt der Philosoph und Medienwissenschafter Wolfgang Sützl. "Andererseits können sie aber auch selbst Medien für einen aktivistischen Einsatz entwickeln." Gemeinsam mit dem Erziehungswissenschafter Theo Hug befasst sich Sützl in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt, das auch Teil des interdisziplinären Forums "Innsbruck Media Studies" ist, mit den unterschiedlichen "Formen der populären Medienaneignung" im Medienaktivismus.

Bezeichnend für diesen sei es, so Sützl, mediale Kontrollsysteme vorübergehend aus den Angeln zu heben. Eine dafür eingesetzte Strategie sei beispielsweise das "Culture-Jamming" , bei dem Symbole der kommerziellen Alltagskultur durch semiotische Interventionen infrage gestellt werden. So konstruieren Medienaktivisten mit den klassischen Versatzstücken etwa einer Marlboro- oder Benetton-Werbung auf den ersten Blick ähnliche Bilder, die durch veränderte Elemente die ursprüngliche Aussage jedoch untergraben.

"Medienaktivisten gehen davon aus, dass die wichtigen gesellschaftlichen Diskurse immer mit Symbolen operieren und dass die Deutung dieser Symbole die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft reflektiert" , so Wolfgang Sützl. "Greift man diese Deutungshoheit an, kritisiert man also auch die bestehenden Verhältnisse." In einer Medienaktion von Public Netbase wurde aus Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raums der Wiener Karlsplatz an den Sportbekleidungshersteller Nike "verkauft" und ein entsprechendes "Denkmal" aufgestellt.

Spiegeln und maskieren

Generell spielen Maskierung und Spiegelung im modernen Medienaktivismus eine zentrale Rolle. Bereits legendär sind die "Yes Men" mit ihren gefälschten Websites, die zwar dem Original oberflächlich sehr ähnlich sind, jedoch extrem kritische Inhalte transportieren. So haben sie etwa eine Website gestaltet, die jener der World Trade Organization ähnelt und dort einen Sklaverei-Markt in Afrika angekündigt. In Wahrheit handelt es sich dabei also um eine "überaffirmierende Kritik an der WTO-Politik in Afrika" , sagt Wolfgang Sützl.

In einer gefälschten Ausgabe der New York Times haben die zwei jungen Amerikaner das Ende des Irakkrieges angekündigt, und als falsche Vertreter von Konzernen oder internationalen Organisationen legen sie den von ihnen kritisierten Einrichtungen enthüllende Äußerungen in den Mund, welche die "Originale" niemals öffentlich machen würden.

Während bei den aktuellen Formen des Medienaktivismus die Suche nach medialen Freiräumen das zentrale Thema ist, stand in den 1990er-Jahren noch der Zugang zu Inhalten im Vordergrund. Hacking war die subversive Technik dieser Jahre, die etwa im politischen Kampf der Zapatisten in Mexiko massiv zum Einsatz kam.

"Dieser ‚Hacktivismus‘ findet heute kaum noch statt, da mit Web 2.0 eigene Inhalte ohnehin leicht im Netz publiziert werden können" , erläutert Theo Hug. "Mittlerweile geht es vor allem um die Kontrolle über die Nutzerdaten." Symptomatisch dafür sei die aktuelle Kritik an Facebook, da dieses soziale Medium keine Kontrolle über die eigenen Daten zulasse. Die Antwort der "Medien-Guerilla" kam etwa vor einem Jahr in Form einer "Suicide Machine" , die den bedürftigen Nutzer zum virtuellen Freitod ("virtual suicide" ), also zum Löschen seiner persönlichen Daten in sozialen Netzen, ermächtigt.

Grundsätzlich gehe es beim Medienaktivismus vor allem um das Offenlegen kritisierter Strukturen und Verhaltensweisen sowie um mediale Selbstbestimmung. Darin gleicht er alternativen Medien wie Indymedia oder der Enthüllungsplattform WikiLeaks, die kürzlich geheime US-Dokumente aus dem Irakkrieg online stellte. Im Unterschied zu solchen kritischen Medien sei der Medienaktivismus allerdings bedeutend unberechenbarer, offener, spielerischer und unvollständiger und biete deshalb auch keine Strategien für Veränderungen, sagt Theo Hug. "Aber er kann Initialzündungen für gesellschaftspolitische Prozesse bewirken." (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2010)

 

  • Die gefälschte "NYT"-Ausgabe der Yes Man ist legendär.
    foto: yes man

    Die gefälschte "NYT"-Ausgabe der Yes Man ist legendär.

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