Botschaften aus der Klangnische

9. November 2010, 17:18
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Bei Wien Modern widmen sich die heurigen Komponistenporträts unter anderem Joanna Wozny und Thomas Wally

Mit beiden sprach Daniel Ender über ihren kompositorischen Alltag und die Arbeit am Klang.

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Standard: Sie stehen heuer beide im Mittelpunkt eines Wien-Modern-Schwerpunkts. Wie schätzen Sie denn allgemein die Aufführungsmöglichkeiten Neuer Musik ein, und welcher gesellschaftliche Ort ist für Sie damit verbunden?

Wally: Wenn ich handbestickte Taschen herstelle, darf ich mich nicht wundern, dass die Leute das nicht als Flugkoffer verwenden. Es ist für mich völlig klar, dass ich für eine Nische schreibe. Ich habe aber deshalb nicht das Gefühl, gesellschaftlich am Rand zu arbeiten. Ich schreibe für Spezialensembles, leider auch für ein Spezialpublikum, aber meine Erfahrung ist, dass die einzige Voraussetzung für die Hörer ist, dass sie neugierig und offen sind.

Wozny: Ich habe damit Schwierigkeiten, dass es eben eine Nische ist. Damit kann ich nicht so leicht leben. In Verbindung zu den Dingen, die in der Welt passieren, ist es vollkommen bedeutungslos, was ich mache - könnte man meinen. Aber ich glaube, dass es doch sehr wichtig ist, diese Nische zu unterstützen, weil gerade die Kunst einen hohen Gesellschaftswert hat. Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht, denke ich, dass sie sehr wichtig ist. Auch für das Individuum, wenn es darum geht, dass es Möglichkeiten bekommt, sich zu behaupten.

Standard: Sie können sich beide nicht über einen Mangel an Aufführungsmöglichkeiten beklagen. Wie ist es, Kompositionen liefern zu sollen, die mit einem bestimmten Anlass und bestimmten Aufführungsbedingungen verbunden sind?

Wozny: Meine Stücke sind meistens Aufträge, bei denen die Besetzung vorgegeben ist. Oder es gibt einen gewissen Pool an Instrumenten, aus denen ich auswählen kann. Aber im Grunde ist das kein Hindernis für mich, denn man kann sich auch hier Wege bahnen, bei denen man doch Freiheit genießt. Für mich ist es auch keine Einschränkung, wenn ein Stück zehn Minuten dauern soll. Dann sind es eben zehn Minuten. Man kann ein Kunstwerk schaffen, dass eine oder zehn Minuten dauert. Ich fühle mich frei.

Wally: Ich sehe da auch keine Einschränkung. Im Grunde empfinde ich, dass ich eigentlich schreiben kann, was ich will. Etwas anderes wäre, wenn es eine inhaltlich sehr starke Vorgabe wäre, wie: Verwenden Sie nur A-Dur-Dreiklänge und die leere C-Saite.

Standard: Auch für ein Zehn-Minuten-Stück sitzt man ja in der Regel eine Weile. Ist es für Sie nicht paradox, lange Zeit in der Isolation am Schreibtisch zu arbeiten, um dann mit Ihren Stücken mit dem Publikum in Kontakt zu treten?

Wally: Es ist ja nicht so, dass ich mich vier Wochen einsperre und dann nach 28 Tagen vollkommener Isolation zum Konzert gehe. Das Komponieren ist bei mir eine Sache von mehreren, für die ich mir Zeit nehme, und verteilt über einen gewissen Zeitraum. Von dem her ist es nicht so extrem.

Wozny: Für mich ist es schon eine große Diskrepanz, die lange Arbeit und dann dieser eine Abend, wo doch etwas schiefgehen kann und das Stück so schnell vorbei ist.

Standard: Sie verwenden beide für Ihre Stücktitel oft sehr poetische Formulierungen. Welche Funktion erfüllen solche Titel für Sie?

Wozny: Für mich haben diese Titel überhaupt keine Funktion. Außerdem muss man einem Stück einen Titel geben, es geht einfach nicht anders. Ich hatte früher die Schwierigkeit, wenn ich ein Stück geschrieben habe, das einzig aus dem Klang entstanden ist, wie das jetzt heißen soll. Und damals habe ich einfach Gedichte benutzt, aber das tue ich jetzt eigentlich nicht mehr. Jetzt versuche ich immer eine Koinzidenz zu finden zwischen der Sprache und dem, womit sich das Stück beschäftigt.

Standard: Können Sie da ein Beispiel nennen?

Wozny: Mein aktuelles Orchesterstück heißt disintegrated (Anm.: UA 10. 12., Konzerthaus). Hier hat es mich interessiert, Zusammenhänge zu zerstören oder in so kleine Details zu gehen, dass der Zusammenhang gestört wird.

Standard: Herr Wally, eines Ihrer Stücke heißt "... und ein einziger Ton weinte in einem Frühling ...".

Wally: Beim Literaturzitat ist das Angenehme, dass es meist gut klingt und man sich nicht selbst etwas zusammenstümpern muss. Wenn es dann auch wirklich Sinn macht, dass dieses Stück dieses Zitat hat - was kann es Besseres geben? Dieser Titel ist ein Auszug aus einer Passage von Jean Pauls Flegeljahren, wo er die Musik Haydns beschreibt, die bei der Komposition eine wichtige Rolle gespielt hat, und hat auch etwas mit der Klanglichkeit zu tun. Ein Titel kann aber auch mit der Kompositionsmethode zu tun haben oder mit der Inspirationsquelle. Wie diese Verbindung im Endeffekt ist, ist unterschiedlich.

Standard: Morton Feldman hat einmal "musikalische" und "kompositorische Ideen" voneinander unterschieden. Wie durchdringen sich bei Ihnen Konzept und Klang?

Wozny: Ich denke sehr viel in Klang, aber dahinter gibt es durchaus etwas, was das kontrolliert oder in bestimmte Richtungen lenkt. Das Konzept ist aber sicher wichtig für die Form.

Wally: Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich gehe sicher weniger von Klängen aus als Joanna, wobei das nicht heißt, dass mir das klangliche Resultat egal wäre. Aber die Suche nach Klang steht bei mir nicht an erster Stelle. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 10. 11. 2010)


JOANNA WOZNY, geboren 1973 in Zabrze (Polen), studierte Philosophie in Katowice und Komposition in Graz. 2010 erhielt sie den Erste Bank Kompositionsauftrag (UA am 18. 11. durch das Klangforum, Konzerthaus) sowie den Publicity-Preis des SKE Fonds der Austro Mechana.

THOMAS WALLY, geboren 1981 in Wien, studierte Komposition und Violine in Wien und Helsinki. Als Geiger ist er Substitut der Wiener Philharmoniker, spielt an der Staatsoper und in Neue-Musik-Ensembles, etwa dem Ensemble Lux. 2010 bekam er einen Outstanding Artist Award des Unterrichtsministeriums.

  • Anspruchsvolles Komponieren, verbunden mit der Hoffnung auf neugierige 
Ohren: Der Wiener Thomas Wally und die Polin Joanna Wozny, 
Hauptkomponisten bei Wien Modern.
    fotos: wien modern

    Anspruchsvolles Komponieren, verbunden mit der Hoffnung auf neugierige Ohren: Der Wiener Thomas Wally und die Polin Joanna Wozny, Hauptkomponisten bei Wien Modern.

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