Vom Priesterzimmer nach Mekka

Ein Wiener Pfarrer bittet seine Gemeinde in die Moschee und Muslime in die Kirche - und scheint erfolgreich zu sein

Aus der schwach beleuchteten Kirche dringen deutlich vernehmbare Muezzin-Rufe. „Allahu akbar", singt die Männerstimme in der Pfarrkirche Neufünfhaus, dem massiven Dreißigerjahre-Sakralbau hinter der Wiener Stadthalle. Die Holzbänke im Inneren sind nur zur Hälfte besetzt. Männer mit Schnurrbärten, ältere Damen mit blondierten Haaren, kleine Kinder folgen dem Geschehen auf der Großleinwand, die den Blick auf den gigantischen Kruzifix im Hintergrund verdeckt und gerade einen Imam zeigt, der, im Schneidersitz auf dem ornamentverzierten Teppichboden der Moschee, bedächtig seine Gedanken formuliert: „Als ich nach Wien gekommen bin, hat sich niemand für mich interessiert. Ich bin den Leuten nachgelaufen und habe gesagt: Hallo, ich bin ein Mensch." Man hört ein Seufzen im Publikum, das sagen will: „Ich weiß genau, was er meint."

"Pralinen wären angemessen"

Es ist Sonntag, später Herbstnachmittag, draußen ist es längst finster. Rund fünfzig Menschen sind heute in die Kirche gekommen, um den Film „Gurbet" zu sehen, Kenan Kilics Dokumentation über türkische GastarbeiterInnen in Österreich, ein Klassiker. Niemanden scheint es zu irritieren, dass hier Muslime neben Christen neben AtheistInnen sitzen: „Herr Martin" hat eingeladen, und die Leute folgen. Seit zehn Jahren ist der gebürtige Deutsche Pfarrer in Neufünfhaus. Als solcher ruft er seine Mess-BesucherInnen auf, „den muslimischen Nachbarn zum Ramadan zu gratulieren, eine Grußkarte und Pralinen wären angemessen". Und er lädt türkischstämmige Jugendliche ein, um beim Pfarrcafé das Buffet zu organisieren. Martin Rupprecht ist kein Sonntagsprediger, sondern einer jener Religiösen, die ihren Glauben als Argument gegen Rassismus begreifen.

Türkisch-Kenntnisse

„Als Priester beschäftigt mich die Frage, wie Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit miteinander leben können - egal ob Jung und Alt, Inländer und Ausländer, Christen und Muslime", sagt der 47-Jährige. Rupprecht spricht so, als wüsste er nichts von Sarrazin und Broder, von FPÖ und Geert Wilders. Es erstaunt, dass Begriffe wie „Dialog" oder „Annäherung" aus seinem Mund klingen, als wären sie keine Worthülsen. Das liegt wohl daran, dass er sie nicht nur aus der Theorie kennt. Nach mehreren Reisen und einem Studienjahr in der Türkei spricht er ausreichend Türkisch, um sich in Gespräche einhaken zu können, die in seiner Umgebung auf Türkisch geführt werden. Das kommt gut an - und hat ihm in den Jahren seines Wiener Lebens zahlreiche Freundschaften mit türkischstämmigen Familien eingebracht.

Mal schnell beten

Mit dem Islam in Kontakt zu treten, heißt für den Sohn einer Bauernfamilie nicht nur, Fußballturniere oder Folklore-Veranstaltungen zu organisieren. Zu seinem Hausrat gehören muslimische Gebetsteppiche. „Da kommen öfters muslimische Freunde vorbei, wenn sie unterwegs schnell beten wollen", erzählt Rupprecht, und ergänzt: „Ich glaube einfach nicht daran, dass eine Religion auf dem richtigen Weg ist, und die andere nicht."

Probleme bestünden, weil "selbst Gebildete nicht mehr wissen, wie man ein Gespräch führt", glaubt der Priester. Ein Mitglied seiner Gemeinde habe beim Moschee-Besuch als allererstes wissen wollen, "wie das bei euch mit den Kurden ist". Rupprecht schüttelt den Kopf: Das sei "so, als würde ein Türke mich als erstes fragen, wie das bei uns mit den Alkoholsüchtigen ist, oder mit den Fritzls." 

Der Chef wurde aufmerksam

Im Lauf der Jahre ist auch Rupprechts Arbeitgeber auf sein Faible aufmerksam geworden. Christoph Schönborn hat den damals 43-Jährigen mit der Gründung der „Kontaktstelle für christlich-islamische Begegnung in der Erzdiözese Wien" betraut und ihn zum erzbischöflichen „Islam-Berater" gemacht. Muslimisch-christliche Ehepaare kämen seither zu ihm, wenn sie nicht wüssten, wie sie mit die unterschiedlichen Ansprüche unter einen Hut bringen sollen. Erst letztens habe er, gemeinsam mit einem Imam, einen Iraker und eine Österreicherin getraut - nach einem Ritus, der in beiden Religionsgemeinschaften gültig ist.

"Gulasch?!"

Nach der Filmvorstellung in der Kirche greift der Pfarrer zum Mikrophon: Es gehe nun „rüber ins beheizte Pfarrhaus, zu Gulasch und Brezen", alle seien willkommen. „Gulasch?", fragt eine der muslimischen Besucherinnen skeptisch. „Ist da eh kein Alkohol drin?", fragt ein anderer, als er zum Limonaden-Tablett greift. Am Ende essen und trinken alle alles. „Es gibt Scheu - auf beiden Seiten", sagt der Pfarrer. Verständnisprobleme leugnet er nicht, doch sieht er sie auf seine eigene Art: „Ich kann doch nicht zehn Minuten lang jemandem zuhören, und danach sagen, ich verstehe ihn nicht. Vielleicht brauche ich zehn Jahre, um jemanden zu verstehen." (mas, derStandard.at, 10.11.2010)

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