"Um etwas zu bewegen, muss man sich befreien"

9. November 2010, 14:42
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Festivalleiter Dominik Tschütscher blickt zehn Jahre zurück und erzählt, warum der film:riss dieses Jahr das letzte Mal stattfindet

derStandard.at: Zehn Jahre film:riss liegen hinter Ihnen. Was war das prägendste Ereignis in dieser Zeit?

Tschütscher: Das prägendste Ereignis war ganz klar die Ausweitung von einer rein Salzburger Werkschau auf ein nationales, österreichweites Studentenfilmfestival. Das war 2005. Mit dem ist eigentlich klar gewesen in welche Richtung der film:riss gehen soll. Und das war für mich in den letzten zehn Jahren auch die große Entscheidung das zu machen.

derStandard.at: Wie ist man 2005 auf die Idee gekommen, den film:riss auf ein nationales Festival auszuweiten?

Tschütscher: Es war recht früh klar, dass in dieser Idee was Größeres steckt. Auch weil es österreichweit noch keine ähnliche Initiative gegeben hat. Es gab das Filmfestival der Filmakademie in Wien. Das war aber international ausgerichtet und es konnten auch nur Filmakademien teilnehmen. Für Studierende der Fachhochschulen beispielsweise gab es gar keine Plattform. 2004 haben wir entscheiden, dass wir beim nächsten film:riss breiter fahren - bevor es halt wer anderer macht. Ich glaube, wenn es wir nicht gemacht hätten, wäre in ein zwei Jahren vermutlich wer anderer gekommen und hätte das dann gemacht.

derStandard.at: Wenn Sie zehn Jahre zurückdenken - sie waren ja selbst noch Student - wie kamen Sie auf die Idee ein Filmfestival zu veranstalten?

Tschütscher: Es war ein komischer Start. Ich hab auf der Universität Salzburg als Kommunikationswissenschaftsstudent diesen Videoeinführungskurs gemacht, den alle gemacht haben von Chiel Van der Kruit. Aus dem entstehen dann irgendwelche Werke, die die Welt nicht sehen braucht. Aber wir haben dennoch das Gefühl gehabt, wir sollten das zeigen nur im Rahmen der Kommunikationswissenschaft. Und wir wollten so einen Abend veranstalten. Haben dann aber gesagt, wieso weiten wir es nicht aus und laden alle Studentinnen und Studenten Salzburgs ein ihre Filme zu zeigen. Und so ist die film:riss Idee entstanden.

derStandard.at: Was war das Spannende an der Entwicklung des film:riss? Hat sich jedes Jahr etwas verändert?

Tschütscher: Nein. Ich glaub das ist auch das Problem des film:riss. Das ist auch der Grund warum wir jetzt nach zehn Jahren aufhören. Dass wir das Gefühl haben es steckt zwar sehr viel in dem Festival, wir stoßen recht schnell an eine Grenze. Das hat auch mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun. Aber es gibt auch andere Dinge die da mitspielen. Salzburg selbst als lokaler Veranstaltungsort ist sehr problematisch finde ich. Wir sind auf der Uni - das ist kein Kinobetrieb sondern eine Universität. Wir veranstalten das mittlerweile von Wien aus, obwohl wir alle in Salzburg studiert haben. Es ist nicht einfach die Verankerung beizubehalten mit der lokalen Community hier. Und ich sag einfach: This is as good as it gets. Es ist nicht schlecht aber jetzt auch nicht supergut, sondern einfach genau das Beste, was in diesen Rahmenbedingungen gestaltet werden kann. Aber es steckt mehr Potential dahinter und wir werden das nicht ausschöpfen können. Bevor wir jetzt fünf Jahre lang noch weiter dieses Festival so veranstalten, haben wir gesagt setzten wir einen Schlusspunkt und versuchen einen Neustart mit einen anderen Initiative.

derStandard.at: Das Aus des film:riss ist gleichbedeutend damit, dass es einfach kein Entwicklungspotential mehr gibt.

Tschütscher: Die Idee die wir jetzt angehen wollen - da ist vielleicht ein Festival ein Teil - aber es setzt viel breiter an. Ich hab mir für die Eröffnungsrede diesen Satz aufgeschrieben: um uns zu bewegen müssen wir uns befreien. Das würde nicht gehen, wenn wir den film:riss in dieser Form weiter machen würden. Wir können den film:riss locker sieben oder acht Jahre noch so machen, aber das interessiert mich und uns eigentlich so nicht mehr.

derStandard.at: Was bleibt von zehn Jahren film:riss?

Tschütscher: (grinst) Für mich die Erkenntnis dass im jungen österreichischen Kino viel Potential steckt. Das muss sich nicht verstecken. Was bleibt ist für mich persönlich auch die Motivation in die Richtung weiter etwas zu machen. Also das ist kein Aufgeben für mich, das ist auch kein Scheitern. Vielleicht ein bisschen ein Scheitern für Salzburg, das kann durchaus sein, aber für mich jetzt kein persönliches Scheitern, dass man das nicht geschafft hätte. Ich finde, es ist ein gutes und funktionierendes Festival. Aber das für mich persönlich bleibt ist einfach dieses Wissen, dass im jungen österreichischen Film halt einiges drin steckt und dass man das auch weiterhin bearbeiten kann und soll. (Stefanie Ruep, derStandard.at, 9. November 2010)

  • Dominik Tschütscher studierte Kommunikationswissenschaft in 
Salzburg.
 2001 gründete er das film:riss -Festival der Studentischen Filmkultur 
Österreichs und organisiert es seit zehn Jahren. Er arbeitet in Wien für
 
das Österreichische Filmmuseum.
    foto: crossing europe

    Dominik Tschütscher studierte Kommunikationswissenschaft in Salzburg. 2001 gründete er das film:riss -Festival der Studentischen Filmkultur Österreichs und organisiert es seit zehn Jahren. Er arbeitet in Wien für das Österreichische Filmmuseum.

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