Der richtige Mistkübel fehlt

9. November 2010, 16:15
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Die Atomkraftdebatte erlebt einen neuen Höhepunkt. Nicht diskutiert wurde jedoch die seit Jahrzehnten ungeklärte Frage: Wohin mit dem Müll?

Für Aufregung sorgten Pläne der deutschen Bundesregierung, 18 Castoren mit insgesamt 951 radioaktiven Brennstäben aus dem deutschen Zwischenlager Ahaus ins russische Atomzentrum Majak zu verfrachten. Die deutschen Grünen bekrittelten die Sicherheit der Anlage am Ural, wo es in der Vergangenheit zu Zwischenfällen gekommen ist. Auch russische Umweltschutzorganisationen protestierten. Schon heute gehöre die Region Tscheljabinsk zu den am schwersten radioaktiv verseuchten Regionen der Welt, hieß es in einem am Dienstag in Moskau veröffentlichten Brief an Merkel. Die Gegend rund um Majak ist seit einem Unfall im Jahr 1957 verseucht.

Hintergrund dieses Transports nach Russland ist, dass die Brennstäbe aus der DDR-Kernforschungsanlage Rossendorf stammen und von der damaligen Sowjetunion bestückt wurden. Russland ist durch ein Abkommen mit den USA verpflichtet, derartige Brennstäbe quasi "wieder einzusammeln". Doch auch das im Südural gelegene Majak wäre nur ein Zwischenlager.

Das Problem liegt in der Technik

Jedes Jahr produzieren etwa 440 Atomkraftwerke rund um die Welt zwischen 11.000 Tonnen (Greenpeace, pdf) und 12.000 Tonnen (Ed Gerstner in "naturenews") an radioaktiven Brennstäben. Die Endlagerung dieser Brennstäbe ist nicht geklärt, sie ist aber alternativlos. Bisweilen gibt es einfach keine zufriedenstellende - wenn man so will: saubere - Lösung: "Das Problem ist von der technischen Seite einfach noch nicht gelöst. Zusätzlich gibt es bei der geologischen und geotechnischen Untersuchung mancher ins Auge gefasster Standorte Defizite", erklärt Prof. Fritz Ebner, der an der Montanuniversität Leoben im Bereich der "Geologie und Lagerstättenlehre" lehrt.

Für eine wirksame Endlagerung bestehen mehrere Anforderungen. "Es müssen sowohl technische als auch geologische Barrieren vorhanden sein", sagt Ebner. Denn: "Wenn die Technik versagt, muss die natürliche Barriere halten." Lager müssen auf Zeiträumen von bis zu 100.000 Jahren beständig sein, in denen die radioaktive Strahlung des Lagergutes bis auf das Ausmaß einer natürlichen Uranlagerstätte zurückgeht. Eine solche geologische Barriere wäre im Fall der Lagerstätte Gorleben das Salz. "Dort macht man sich einen ehemals bergmännisch abgebauten Salzstock zu Nutze. Bei einer tektonischen Beanspruchung, wie einem Erdbeben, reagiert er plastisch, bricht nicht. Das Salz verformt sich fließend und plombiert über lange Zeiträume das Endlager samt seinem Inhalt."

Reaktionswärme kann Wasser aus Salzen herauslösen

Die radioaktiven Abfälle müssten auch in diesem Salzstock konditioniert, also irgendwo eingeschlossen, werden. Eine Möglichkeit dazu wäre etwa eine Ummantellung mit Metallen oder Beton. Ebner: "Die radioaktiven Prozesse innerhalb dieser Behälter laufen aber trotzdem weiter. Die Substanzen zerfallen weiter, wodurch Wärme entsteht, welche chemische Reaktion im umliegenden Bereich forciert." Diese Reaktionswärme kann bei verschiedenen Salzen, die Kristallwasser gebunden haben, zu einer Entwässerung führen. Kurz gesagt: Wasser kann austreten, was im umliegenden Bereich zu Laugungen und Leckagen des abdichtenden Mediums führen kann. Derzeit besitzt man gewisse Endlager-Erfahrungen (zum Beispiel in der Schachtanlage Asse) mit gering- und mittelstrahligen radioaktiven Abfällen, nicht aber für hochstrahlige radioaktive Abfälle.

Auch Yucca Mountain genügt den Anforderungen nicht

Einst war eine Lokalität in den amerikanischen Yucca Mountains im Bundesstaat Nevada als mögliche US-Endlagerstelle ausgewählt worden. "Davon ist man mittlerweile abgekommen", sagt der Wissenschafter. Die Anlage hätte bereits 1998 funktionstüchtig sein sollen, in sie wurden einige Milliarden Dollar investiert. Bei den Yucca Mountains wäre das Problem die geologische Seite. "Die geplante Lagerlokalität in vulkanischen Erstarrungsgesteinen befindet sich in einer Position, die in geologisch kurzen Zeiträumen möglicherweise durch Erosion freigelegt werden könnte. Andererseits finden sich Hinweise auf geologisch junge Erdbebenaktivität und die Position des Lagers in der vadosen Grundwasserzone", meint Ebner.

Frage nach Endlagerung weiterhin ungeklärt

Es kommen also nur wenige Orte als Endlagerstätten in Frage und selbst jene sind problematisch, wie Yucca Mountain und Gorleben zeigen. Dabei ist die Anlage in Gorleben eines der fortschrittlichsten Projekte der Welt. Die Frage nach einer Endlagerung bleibt weiterhin ungeklärt. (flog, derStandard.at, 09.11.2010)

 

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    Zwei Mitarbeiter des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz stehen am im Juni 2009 in der Kammer 7 der Schachtanlage Asse, in der 8.000 Fässer schwach radioaktiven Abfalls gelagert sind

  • Fritz Ebner von der Montanuniversität Leoben, hier zu sehen bei Untertagearbeiten in einer Silber-/Zinnlagerstätte in den argentinischen Anden
    foto: fritz ebner

    Fritz Ebner von der Montanuniversität Leoben, hier zu sehen bei Untertagearbeiten in einer Silber-/Zinnlagerstätte in den argentinischen Anden

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