"Handball wird cool und modern"

10. November 2010, 17:22
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Johannes Hammer, Präsident der Handball Liga Austria über den Nationalteam-Boom, ein funktion­ierendes Gentleman's Agreement und fehlende lange Bänke

Krems - Handball erlebt dieser Tage einen Boom in Österreich, nicht zuletzt dank der jüngsten Erfolge des Nationalteams. Rot-Weiss-Rot ist keine Wappler-Nation mehr. Geht es nach Johannes Hammer, soll der Profiteur des gestiegenen Interesses vor allem die heimische Handball-Liga sein und wenn der derzeitige Tabellenspitzenreiter Krems auch noch Meister wird, dann wäre das nicht schlecht. Über seine Doppelfunktion als Präsident der Handball Liga Austria und als Obmann-Stellvertreter von Krems "hat sich noch niemand beschwert". So viele bereitwillige Handball-Funktionäre gäbe es hierzulande nicht. Warum Österreich nie etwas anderes als ein Ausbildungsland sein kann, die Suche nach einem Liga-Sponsor schwierig und die Vorarlberger Festung sturmreif ist, erzählt er im derStandard.at-Interview. Die Fragen stellte Florian Vetter.

derStandard.at: Ist Krems endgültig an der Spitze des heimischen Handballs angekommen?

Johannes Hammer: Ich glaube schon. Wir sind unter den Top vier, dort wollen wir uns behaupten. Das Ziel ist natürlich Meister zu werden, ansonsten tut man sich das ja nicht an.

derStandard.at: Der Cupsieg vergangene Saison war der erste Titelgewinn für Krems seit 31 Jahren. Krems hat also auch das Potenzial, Meister zu werden?

Hammer: Von den ersten vier kann jeder Meister werden. Es ist zwar noch ein weiter Weg dorthin, aber man muss sich Ziele setzen.

derStandard.at: In Krems gibt es mit der Moser Medical Group nach 15 Jahren erstmals wieder ein Hauptsponsor. Steigt dadurch auch der Erwartungsdruck?

Hammer: Das hat für heuer noch keine direkten Auswirkungen, weil der Sponsorvertrag erst kurz vor Saisonbeginn abgeschlossen wurde. Das Budget stand bereits fest, genauso wie der Kader der Mannschaft. Ein Konzept für die Zukunft wird aber jetzt aufgebaut, der Spitzenhandball ist auf Jahre gesichert. In Krems gibt es aber keine Schnellschüsse, es wird kein Spieler in Eile für viel Geld verpflichtet.

derStandard.at: Der Zuschauerschnitt in Krems ist Spitze, 1.500 Fans kommen regelmäßig. Was gilt es noch im sportlichen Bereich zu verbessern?

Hammer: Ein Problem, das prinzipiell alle Vereine in der HLA (Handball Liga Austria, Anm.) haben: Die ersten Sieben, also die Akteure in der Stammaufstellung, sind starke Handballspieler. Danach fällt das Niveau stark ab. In den Top-Ligen in Spanien und Deutschland haben die meisten Mannschaften zwei bis drei Garnituren, die sie nach Belieben tauschen können. Wenn sich in Österreich zwei oder drei Leistungsträger bei einem Team verletzen, dann ist Schluss mit lustig. Die größte Schwäche von Krems ist sicherlich die fehlende lange Bank.

derStandard.at: Ist der Abonnement-Meister Bregenz heuer für eine Ablöse fällig?

Hammer: Ich glaube, heuer schaut es danach aus. Bregenz ist nicht unschlagbar, die anderen Vereine haben Lunte gerochen, was gut für die Liga ist. Nach neun Runden sind die ersten vier Teams eng beisammen, das ist spannender und interessanter für die Zuschauer. Man versucht die Festung Vorarlberg jedes Jahr aufs Neue zu stürmen, vielleicht ist sie heuer reif dafür.

derStandard.at: Handball erlebt derzeit in Österreich auch durch das Nationalteam eine Hochphase. Platz neun bei der Heim-EM hat so etwas wie einen Hype ausgelöst. Profitiert die Liga davon?

Hammer: Im Prinzip ja, die Zuschauerzahlen sind gestiegen. Was aber für die Nachhaltigkeit wichtiger ist: Die Vereine melden mehr Interesse im Jugendbereich. Immer mehr Junge fangen an zu spielen. Handball wird cool und modern. Diesen Trend muss man ausnutzen, die Stimmung muss weiter am Kochen gehalten werden.

derStandard.at: Die Liga hatte einst einen Hauptsponsor mit Samsung. Ist ein neuer Geldgeber in Sicht?

Hammer: Wir haben uns lange bemüht, die Liga zu verkaufen. Das hat nicht funktioniert. Ich möchte jetzt einen anderen Weg gehen und die Liga so positionieren, dass sie verkaufbar wird. Mit dem ÖHB (Österreichischer Handball Bund, Anm.) arbeiten wir eng zusammen. Die Erfahrungen des Verbandes, beispielweise mit der Vermarktung der EM, wollen wir auf die HLA umlegen. Die Liga muss Vorleistungen bringen, um wieder einen Hauptsponsor zu bekommen. Momentan haben wir nur eine Teilzeitkraft im Sekretariat, da wird sich bei einer Neuausrichtung etwas ändern müssen.

derStandard.at: Die österreichische Basketball-Bundesliga hat einen TV-Vertrag mit Sky. Wie kann Handball im Fernsehen über die ORF-SportPlus Schiene hinaus noch präsenter werden?

Hammer: Eine höhere TV-Präsenz zu bekommen ist eines unserer Hauptziele. Dabei geht es um ein übliches Thema: Wie bringe ich den Kreislauf aus höheren Zuschauerzahlen, Sponsor-Geldern und mehr Medienwirksamkeit in Gang? Heuer hat die HLA noch einen Vertrag mit dem ORF, diese Kooperation wollen wir verlängern. Die Situation im ORF ist zurzeit natürlich etwas ungewiss, niemand weiß wie es mit dem Sport im ORF weitergehen wird.

derStandard.at: Was wünschen sie sich sportlich von der Liga?

Hammer: Ziel muss es sein, weiterhin Spieler für das Nationalteam aufzubauen, die dann auch möglicherweise den Weg übers Ausland gehen. Unsere Deutschland-Legionäre zeigen den Weg vor. Österreich ist ein Handball-Ausbildungsland.

derStandard.at: In Krems sind neben vier Teamspielern nur drei Legionäre im Kader. Insgesamt sind "nur" 32 ausländische Handballer in der Liga engagiert. Weckt auch Geldmangel die Liebe zum Nachwuchs?

Hammer: Einerseits ja, anderseits haben wir ein Gentleman's Agreement. Pro Team dürfen nur drei Ausländer spielen, das gilt zur Zeit bis einschließlich der Saison 2013/2014. Wenn eine Mannschaft einen vierten Legionär haben will, muss sie eine Pönale von 10.000 Euro zahlen. Dieses Geld wird von der Liga für die Nachwuchsförderung verwendet. Derzeit gibt es nur zwei Teams, die Geld auf diesem Weg Geld in die Jugend-Kassa bringen. Ich finde, das System hat sich bewährt und auch die Vereine haben bei der letzten Generalversammlung den Willen kundgetan, diesen Weg weiterzugehen.

derStandard.at: Sie haben seinerzeit als Handball-Funktionär in Niederösterreich Kritik an den Wiener Vereinen geübt und diese als "Inzuchtbetrieb" bezeichnet. Wie sind heute die Kräfteverhältnisse in der Liga verteilt und wie läuft die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen?

Hammer: Ich erinnere mich an eine für den Handballsport typische Situation, die das Verhältnis der Vereine und der Fans gut beschreibt: Beim letzten Spiel zwischen Krems und Linz wurde der Werner "Faxe" Lint, früher jahrelang Kreisläufer bei den Linzern, auch im Kremser Dress von den oberösterreichischen Fans bei der Spielervorstellung frenetisch bejubelt. Im Fußball undenkbar, ist das bei uns symptomatisch, dass man von den alten Anhängern noch hofiert wird. Zur Sache mit dem Verband: Dort sitzen nicht nur Wiener Funktionäre. Der Vorstand der Technischen Kommission ist aus Tirol, der Vizepräsident ist Vorarlberger, die zwei Topvereine der letzen Jahre sind immerhin aus dem Ländle. Ich glaube, wir sind im ÖHB breit aufgestellt.

derStandard.at: Deutschland hat die beste Handball-Liga der Welt, sie ist im Free-TV bei uns zu sehen. Wie lockt man die Menschen in Österreichs Hallen zu Matches auf niedrigerem Niveau?

Hammer: Beim Fußball ist es doch ähnlich. Da kriegt man die deutsche Bundesliga oder die Champions-League serviert. Und dann gibt es die heimische Liga als Normalkost, aber das ist vertretbar. Der lokale Bezug sorgt dafür, dass die Leute kommen. In der HLA sind keine reinen Legionärs-Truppen am Werk, da gibt es Identifikationspotenzial mit lokalen Sportgrößen, die in der Jugendmannschaft groß geworden sind. Nur so können wir gegen die Top-Events im Fernsehen bestehen.

derStandard.at: Das Nationalteam profitiert jedenfalls weiterhin von der Aufmerksamkeit. Für die Austragung des Hinspiels im WM-Qualifikationsplayoff gegen die Niederlande letzten Sommer haben sich mehrere Städte beworben. Sind sie erfreut ob dieser Entwicklung?

Hammer: Natürlich. Es gab Zeiten, wo der ÖHB die Länderspiele verschenkt hat. Jetzt kann er sie ausschreiben, sich die Infrastruktur aussuchen. Das letzte Spiel in Wr. Neustadt gegen Island war ausverkauft, das nächste Qualifikationsspiel für die EM 2012 steigt in Schwechat in einer ganz neuen Halle. Ich bin sehr zuversichtlich. (derStandard.at; 10. November 2010)

Johannes Hammer (49) hat alle Hände voll zu tun: Als Hansdampf in allen Gassen ist der Kremstaler seit Sommer Präsident der Handball Liga Austria, Obmann-Stellvertreter von UHK Krems und Leiter der technischen Kommission im niederösterreichischen Handballverband. Bei den Kremser Handballern hilft er vor allem als Vermittler zwischen dem ÖHB (Österreichischer Handball Bund) und der HLA (Handball Liga Austria).

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    Ein 100 Kilo schweres Ungeheuer am Kreis, verteilt auf 193 cm: Werner Lint, in der Liga engagiert beim Spitzenreiter UHK Krems, ist auch ein Fall für das österreichische Handball-Nationalteam.

  • Johannes Hammer, Präsident der Handball Liga Austria: "Wenn sich in 
Österreich zwei oder drei Leistungsträger bei einem Team verletzten, 
dann ist Schluss mit lustig."
    foto: zvg/hammer

    Johannes Hammer, Präsident der Handball Liga Austria: "Wenn sich in Österreich zwei oder drei Leistungsträger bei einem Team verletzten, dann ist Schluss mit lustig."

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