Ich kenne jeden Nagel in der Wand

9. November 2010, 12:15
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Der Diendorfer Landwirt und Käser Robert Paget wohnt gern sehr bunt

Der Diendorfer Landwirt und Käser Robert Paget wohnt gern sehr bunt. Wojciech Czaja erfuhr, dass demnächst große Veränderungen ins Haus stehen.

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"Der Kern des Hauses ist rund 400 Jahre alt. Zu Beginn war das ein landwirtschaftlicher Meierhof, später dann wurde ein Teil der Anlage barockisiert. Die landwirtschaftliche Nutzung ist nach wie vor aktuell, denn am anderen Ende des Hofs habe ich meinen Stall mit Ziegen und Wasserbüffeln. Gleich daneben befindet sich meine Hofkäserei.

Die Anlage ist recht groß, und wir wohnen hier mit guten Freunden. Ich finde das großartig. Wenn man will, dann ist man gemeinsam. Und wenn nicht, dann kann man sich auch zurückziehen. Zurzeit leben hier drei Familien. Zu Beginn der Siebzigerjahre waren es oft mehr - ganz im Geiste der Zeit.

Seitdem wir hier wohnen, stellen wir die Wohnung alle paar Jahre auf den Kopf und tauschen die Raumnutzungen. Ich glaube, wir haben hier schon in jedem Zimmer geschlafen. Das ist das Großartige an alter Bausubstanz: Die Räume sind flexibel, man kann die Funktionen leicht wechseln. Ein Neubau lässt in dieser Hinsicht viel weniger Spielraum.

Was sich hier auch alle paar Jahre ändert, das sind die Farben an den Wänden. Meine Frau Soizig ist Französin. Von ihr kommt auch die Liebe zu den bunten und kräftigen Farbtönen. Ich glaube, ohne Soizig würde ich wohl immer noch in weißen und cremefarbenen Zimmern wohnen. Aber so kaufen wir immer wieder ein paar Kübeln mit Farbe und malen die Zimmer neu aus.

Allein das Wohnzimmer hat schon alle möglichen Blau- und Türkistöne gehabt. Früher hatten wir auch eine Vorliebe für Grün. Würde man die Farbe abkratzen, würden 30 Jahre Wohngeschichte zum Vorschein kommen. Aber das Rot, das wir jetzt haben, hat sich am längsten gehalten. Ich glaube, das liegt an diesem höhlenartigen, warmen Flair, das die Farbe hat. Vor allem im Winter!

Zu den ersten Möbelstücken, die wir in diesem Raum aufgestellt haben, zählt das Bücherregal an der Wand. Das Geld war knapp und damals gab es weder Billy noch Ikea. Also haben wir ein paar Bretter genommen und daraus eigenhändig ein paar simple Regale gebaut. Sie stehen bis heute.

Die anderen Möbel haben wir im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen. Es gibt einen alten Sekretär von meinen Großeltern, einen Glasschrank, ein paar Beistelltische. Zu meinem Lieblingsplatz gehören die beiden Fauteuils von meinem Vater sowie der kleine Messingtisch hier. Er stammt aus Vietnam. Soizigs Großeltern haben ihn vor fast 100 Jahren aus Saigon mitgebracht.

Wenn man mit so vielen alten Möbeln aufwächst, noch dazu in so einem alten Haus, dann beginnt man, diese Geschichten, die die Böden, Wände und Möbel erzählen, zu lieben. Das ist eine ganz besondere Energie. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich in ein Möbelhaus gehe und dort irgendetwas Neues kaufe. Natürlich gibt es Kompromisse - das Medienregal für den Fernseher und DVD-Player zum Beispiel. Ich konzentriere mich einfach auf die bunte Mitte.

Viele Leute sagen, dass sie das Haus zwar wahnsinnig gemütlich finden, aber sie geben auch zu verstehen, dass es ihnen zu süß, zu schrullig und zu kleinteilig wäre. Das kann ich nachvollziehen. Aber wenn man landwirtschaftlich arbeitet und sich viel draußen aufhält, dann ist das Zuhause - als Kontrast zu den Feldern, zum Stall und zur Käserei - auch eine Art Rückzugsort.

Vor uns liegt eine große Herausforderung: Unsere Tochter wohnt mit ihrer Familie auch hier am Meierhof, und zwar im ehemaligen Schüttkasten. Nachdem sie ein Kind bekommen hat und eine größere und flexiblere Wohnung benötigt, haben wir beschlossen, einen Wohnungstausch vorzunehmen. Einerseits freue ich mich darauf, denn das ist natürlich die Chance auf frischen Wind und auf einen Neubeginn. Andererseits muss ich gestehen, dass ich nicht recht weiß, worauf ich mich hier einlasse. Schließlich kenne ich hier jeden einzelnen Nagel, der in der Wand steckt, jedes Geräusch, jeden Geruch." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.11.2010)

ROBERT PAGET, geboren 1952 in Wien, studierte Biologie und schrieb den Abschluss über Lautkommunikation unter Piranhas. Er blieb der Fauna zwar treu, verlagerte seinen Fokus jedoch auf die Landbewohner. Seit 1979 lebt er in einem barocken Meierhof in Diendorf im Kamptal und betreibt dort eine Bio-Landwirtschaft und Käserei mit rund 50 Ziegen. 2003 kamen zehn Wasserbüffel hinzu. Seitdem führt er die einzige Büffelkäserei Österreichs.

  • Robert Paget: Die bunten und kräftigen Wandfarben sind seiner Frau 
Soizig zu verdanken. Gemeinsam teilen sich die beiden die Vorliebe für 
alte Möbel.
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Robert Paget: Die bunten und kräftigen Wandfarben sind seiner Frau Soizig zu verdanken. Gemeinsam teilen sich die beiden die Vorliebe für alte Möbel.

    (Foto: Lisi Specht)

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