Zu groß oder zu klein?

  • Khagendra Thapa Magar im Arm von Andrew "Tiny Iron" Harrison. Der Engländer besitzt den größten Bizepsumfang (61 Zentimeter) Großbritanniens.
    foto: apa/matt dunham

    Khagendra Thapa Magar im Arm von Andrew "Tiny Iron" Harrison. Der Engländer besitzt den größten Bizepsumfang (61 Zentimeter) Großbritanniens.

Bemerkungen wie: "Dein Kind ist aber groß beziehungsweise klein", gehen nicht spurlos an Eltern vorüber

Der 18-jährige Nepalese Khagendra Thapa Magar darf mit 56 Zentimeter Körpergröße von sich behaupten der kleinste Mann der Welt zu sein. Im Vergleich dazu erreichte, der bereits 1940 verstorbene Robert Wadlow, die bisher ungeschlagene Größe von 272 Zentimeter. Außergewöhnliche Rekorde, die zwar neugieriges Interesse erwecken, jedoch für niemanden auch persönlich erstrebenswert sind. Was die Körpergröße angeht, ist die Mehrheit der Menschen gern Mittelmaß. 

Konkret dürfen sich Frauen in unseren Breiten zwischen 152 und 174 cm und Männer zwischen 166 und 191 cm als „normalgroß" bezeichnen. Darunter oder darüber hinaus zählen beide Geschlechter zur Gruppe der Klein- beziehungsweise Großwüchsigen. Zwei rein deskriptive Begriffe, denn mit Ausnahme von seltenen Krankheiten oder Wachstumsstörungen handelt es sich dabei um ein rein statistisches Phänomen. 

In einer Welt der Standardgrößen haben es jedoch weder gesunde große noch kleine Menschen ganz leicht. So kann für einen Großwüchsigen bereits das Kochen in einer genormten Küche auf Dauer ziemlich anstrengend sein, ein Kleinwüchsiger braucht dagegen eine Sonderanfertigung im eigenen Auto, damit er mit seinen Füssen überhaupt die Pedale erreicht. Ob eine über- oder unterdurchschnittliche Körpergröße auch psychosoziale Folgen mit sich bringt, wird kontrovers diskutiert.

Vermessung von Anfang an

„Die Annahme, Klein- oder Großwuchs gehe gehäuft mit psychischen Problemen und sozialer Benachteiligung einher, hat sich wissenschaftlich nicht bestätigt", weiß Gabriele Häusler, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde an der Medizinischen Universität in Wien. Trotzdem ist das Thema Körpergröße heikel und die Angst vieler Eltern das eigene Kind könnte zu groß oder zu klein sein beziehungsweise werden, ist evident. Kein Wunder, verschafft sich doch die Größe des Menschen von Anbeginn an Präsenz. 

Schon während einer Schwangerschaft wird mittels Ultraschall die Kopf- und die Scheitel-Steißlänge des Babys vermessen und kurz nach der Geburt gehört das Abwiegen und Abmessen zum fixen Programm. Die Körpergröße wird als Parameter für die gesunde Entwicklung eines Kindes herangezogen. Das bleibt auch bei nachfolgenden Mutter-Kind-Pass Untersuchungen so und macht Sinn, denn mitunter werden schwere Erkrankungen auf diese Weise frühzeitig erkannt. Die permanenten Kontrollen bringen jedoch auch eines mit sich: „Vor allem die Mütter fühlen sich für das Gedeihen ihres Kindes zutiefst verantwortlich" betont Häusler. Deshalb gehen Bemerkungen wie: „Dein Kind ist aber groß beziehungsweise. klein", nicht spurlos an Eltern vorüber. Vielmehr führt die Sorge darum viele zum Kinderarzt.

Vergleich mit Gleichaltrigen

Eine Gesellschaft die sich vorwiegend an Äußerlichkeiten orientiert, hat das Merkmal Körpergröße zum Problem deklariert. Doch wer bestimmt eigentlich wann jemand zu groß oder zu klein ist? Der Arzt orientiert sich an so genannten Wachstumskurven, den Perzentilen. Sie dienen dem Vergleich mit Gleichaltrigen und erklären das Wachstum eines Kindes dann als normal, wenn seine Körpergröße zwischen der dritten und 97. Perzentile liegt. Befindet sich also ein Kind auf der 10. Perzentile, dann bedeutet das: Neun gleichaltrige gesunde Kinder sind kleiner und 90 gleichaltrige gesunde Kinder des gleichen Geschlechts sind größer als das vermessene Kind. 

„Drei von hundert gesunden Kindern sind bezogen auf die Perzentilenkurve klein- beziehungsweise großwüchsig", weiß Häusler und warnt vor einer Pathologisierung. Denn eine Abweichung von der statistischen Norm, bedeutet noch lange nicht, dass das Kind auch krank ist, sprich an einer Hormonstörung oder einer genetischen Mutation leidet. „Der überwiegende Anteil der Kinder ist ganz einfach knapp an, unter oder über den auf statistisch festgelegten Grenzen, weil auch die Eltern nicht durchschnittlich groß sind", weiß die Wachstumsexpertin. Die Körpergröße der Eltern und oft auch der Großeltern ist demnach der wichtigste Faktor, der für die breite Streuung der Körpergröße bei Gesunden sorgt. Der exakte Vererbungsmodus ist nicht geklärt, es dürften aber viele Gene an der Vererbung dieses Körpermerkmals beteiligt sein.

Früh- oder Spätentwickler

Neben den familiären Klein- und Großwuchsformen als „gesunde Normvarianten", stellt auch die frühe oder späte Pubertätsentwicklung eine häufige Erklärung für vorübergehende Abweichungen dar. Der Mediziner spricht von Früh- oder Spätentwicklern, wenn die körperlichen Merkmale der Pubertät außerhalb des normalen Zeitraums (Acht bis 14 Jahre bei Mädchen, Neun bis 15 Jahre bei Buben) einsetzen. Der klassische Spätentwickler ist vorübergehend klein. Die Ursache dafür ist einfach erklärt: Das betroffene Kind kommt spät in die Pubertät, wächst aber länger als gleichaltrige Kinder und wird dann aber doch so groß, wie es sein genetischer Hintergrund erwarten lässt. Umgekehrt ist ein überdurchschnittlich großes Kind vielleicht vorzeitig in der Pubertät und im Erwachsenenalter eventuell eher klein gewachsen. Viele Eltern trösten sich, indem sie den Vergleich mit der eigenen Entwicklung ziehen und hoffen dass der eigene Wunsch irgendwann zur Realität wird. 

„Mit einem Handwurzelröntgen zum geeigneten Zeitpunkt, kann man in etwa die zu erwartende Endgröße schätzen", erklärt Häusler . Was aber, wenn sich anhand des Röntgens bei einem völlig gesunden 12-jährigen Mädchen eine Längenprognose von mehr als 185 Zentimeter ergibt? „Es gab eine Zeit wo in diesen Fällen vorbehaltlos mit hochdosiertem Östrogen therapiert wurde", erzählt die Kinderärztin. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich dabei jedoch um ein rein kosmetisches Problem handelt und aus medizinischer Sicht eigentlich nichts getan werden müsste, agiert man heute wesentlich zurückhaltender. Auch deshalb, weil mögliche Nebenwirkungen einer derartigen Hormonbehandlung nicht auszuschliessen sind.

Hormone oder Wachstumsfuge durchbohren

Dennoch, der psychische Leidensdruck ist manchmal groß und die Manipulation der Körpergröße bei Großwuchs für manche Eltern wie Kinder die einzige Alternative. Neben der Östrogentherapie für Mädchen beziehungsweise Testosteronbehandlung für Buben, gibt es seit einigen Jahren auch eine minimalchirurgische Methode. „Mit einem dünnen Bohrer werden die Wachstumsfugen durchbohrt, um diese nachhaltig am Wachstum zu hindern", erklärt Häusler.

In skandinavischen Ländern ist dieser chirurgische Eingriff heute schon sehr beliebt und wird besonders von großwüchsigen Mädchen gerne in Anspruch genommen. In Österreich ist diese Form der Großwuchstherapie noch wenig verbreitet. „Wir gehen mit Behandlungen generell sehr gezielt vor, denn die zellulären Mechanismen des menschlichen Längenwachstums sind nach wie vor kaum erforscht", konstatiert die Expertin und hat sich mit ihrer Arbeitsgruppe deshalb der Wachstumsfuge gewidmet. (derStandard.at, 10.11.2010)

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