Kopf ab in der Wissenschaft

8. November 2010, 19:15
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Die von der Regierung ausgehandelten Streichungen bei der außeruniversitären Forschung kommen einem Kahlschlag gleich: Der Sparentwurf kostet Österreich mehr als 100 Millionen Euro an Forschungsgeld - Von Peter A. Bruck

Statt das Hirn zu stärken und den Kopf wendiger zu machen, legt Österreich den Rückwärtsgang auf dem Weg in die Wissensgesellschaft ein. Der in der Therme Loipersdorf auf der Regierungsklausur ausgeschwitzte Budgetentwurf spart und kürzt nicht nur, er bringt einen ganzen Gesellschaftsbereich auch um seine Existenz. Es heißt Kopf ab für die Wissenschaft, ein ganzer Sektor wird in den Exit geschickt:

Denn der Rückwärtsgang von Loipersdorf führt Österreich über die Klippe: Bisher von wenigen beachtet, eliminiert der zwischen Bundeskanzleramt und Finanzministerium erstellte Entwurf im Unterkapitel UG 31 Budgetzeile für Budgetzeile die Finanzierung der gesamten freien Wissenschaft und Forschung in Österreich.

Österreich stürzt damit ab, und der Wissenschaftscrash zerstört eine über viele Jahre gewachsene und entwickelte intellektuelle Infrastruktur und wissenschaftliche Leistungskompetenz, die identitätsbildend für das Land ist.

Um wen geht es da?

Der Kahlschlag trifft die ganze Palette der besten Einrichtungen und renommiertesten Institute: Vom Zentrum für soziale Innovation (ZSI) zur Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba), vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (ÖIIP) zum Österreichischen Forschungsinstitut für Artifizielle Intelligenz (ÖFAI), vom Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) zur Research Studios Austria Forschungsgesellschaft (RSA FG), vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) bis zum Institut für Höhere Studien (IHS).

Weder Renommee noch Reputation noch Leistung oder Leidenschaft werden in Rechnung gestellt. Der Sparstift agiert als Guillotine. Ohne Ausnahme wird ausradiert.

Gestrichen werden sowohl die Grundfinanzierungen also auch alle Förderungen von Projekten, mit denen die Institute und Einrichtungen der extra-universitären Wissenschaft, die nicht im Eigentum von Bund oder Ländern stehen, entscheidend zum Wissenschaftsstandort Österreichs und seiner internationalen Vernetzung beitragen. Die Finanzierung wird ab 2011 bzw. 2012 budgetär auf null gesetzt und den Einrichtungen damit die Existenzgrundlage entzogen.

Wieso, tönt es von ministeriellen Beschwichtigern, es geht doch eh nur um einen Teil der Finanzierung?

Die Budgetisten von Loipersdorf machen eine Milchmädchenrechnung, die mehr als sauer aufstößt. Sie ist für die betroffenen Einrichtungen tödliches Gift. Denn die Behauptung, dass ein Entzug der Bundesfinanzierungen "nur" eine Reduktion der Gesamtumsätze von 30 oder 40 Prozent bedeutet und die Einrichtungen daher kurzgeschoren, aber doch weiterleben können, ist schlicht falsch.

Die Bundesmittel werden nicht nur zur Kontinuität des Wissensaufbaus, sondern vor allem auch zur Kofinanzierung und Abdeckung von Projektgemeinkosten benötigt.

Mithilfe der Grundfinanzierung holen die Einrichtungen im Forschungsfördermarkt wettbewerblich ihr Geld und damit auch Cash zurück nach Österreich. Vor allem aus den EU-Programmen, aber auch von Forschungsstiftungen und durch Aufträge werden so von den erwähnten Instituten Gesamtleistungen für das Wissenschaftssystem, die Gesellschaft und die Wirtschaft erbracht, die unverzichtbar erscheinen sollten.

Ohne die Bundesfinanzierung fällt dieser gesamte Aktivitätsraum weg, damit sind die Einrichtungen im Aus.

Der Budgetentwurf kostet Österreich somit zig Millionen Euro an Forschungsgeld. Denn die Einrichtungen bringen dem Staat Österreich auch Geld zurück.

Zur Verdeutlichung: Wenn sich eine österreichische Einrichtung im gesamteuropäischen Wettbewerb durchsetzt und mit ihrem Forschungsvorschlag zu den besten zehn bis 15 Prozent der Projekteinreichungen gehört, finanziert die EU Forschung mit einem Satz von 75 Prozent oder weniger Prozent diese Anstrengung. Damit fließt Forschungsgeld aus Brüssel nach Österreich zurück und verbessert so die wissenschaftliche Leistungsbilanz des Landes entscheidend.

Allein die oben erwähnten Einrichtungen generieren auf diese Weise durch Ihre Antragstellungen und Projektbeteiligungen ein Gesamtforschungsvolumen von 100 Millionen Euro.

Dieses Geld geht nicht nur in Arbeitsplätze für die Wissenschafter/innen, sondern ist brauchbares Wissen für die Gesellschaft und Wirtschaft Österreichs.

Die erwähnten Einrichtungen haben sich auf der Plattform Wissen - Schafft - Österreich zusammengeschlossen, um sich gegen den budgetären Kahlschlag des gesamten freien Wissenschaftssektors zu organisieren.

Sie sind überzeugt, dass die Zukunft Österreichs auch davon abhängt, wie es gelingt, Wissen in Wert umzusetzen. Ihre Institute und Einrichtungen ermöglichen den Wissenstransfer von den Universitäten in die Wirtschaft und leisten internationalen Exzellenzaufbau.

Sie bilden wissenschaftlichen Nachwuchs aus, forschen zielorientiert und agieren unbürokratisch. Sie sind ein unersetzbarer Bestandteil des wissenschaftlichen Gesamtsystems Österreichs. Sie sind erfolgreich im Inland und entscheidend für die hervorragende Bilanz Österreichs in der Einwerbung von EU-Forschungsmitteln.

Die Umsetzung der Loipersdorfer Budgetplanung zerstört nicht nur ihre Arbeit, sondern vernichtet auch das Forschungsgeld, das diese Einrichtungen für Österreich erwirtschaften.(Peter A. Bruck, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2010)

PETER A. BRUCK ist wissenschaftlicher Gesamtleiter und Geschäftsführer der Research Studios Austria Forschungsgesellschaft und einer der Proponenten von http://wissenschaft.research.at; die auf dieser Website veröffentlichte Protestresolution "gegen die Zerstörung der intellektuellen Infrastruktur Österreichs" hatten bei Redaktionsschluss an die 5500 Unterstützer unterzeichnet.

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