Lebensenergie in der einstigen Halle des Todes

8. November 2010, 18:00
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Die wiederaufgebaute Olympiahalle von Sarajevo dient Mekki Torabi als Ordination

Die Schlange vor der Olympiahalle in Sarajevo will kein Ende nehmen. Täglich strömen tausende Menschen in die bosnische Hauptstadt, um dem Spektakel des Jahres beizuwohnen. Es ist aber keine der berühmten Rock- oder Turbofolk-Größen vom Balkan, die so viele Menschen anziehen, sondern ein bescheidener glatzköpfiger Mann aus Marokko.

Mekki Torabi, so heißt der 57-Jährige, will die Menschen heilen. Geld nimmt er keines - ungewöhnlich für europäische Verhältnisse, besonders in Bosnien-Herzegowina. Man zahlt für den Eintritt 50 Cent und noch einmal 35 Cent für das heilende Wasser. Das Geld geht an den Veranstalter, der damit die Kosten für Ordnungspersonal, Miete und Strom trägt.

Die 53-jährige Rabija Hadziæ ist aus dem fernen Schweden angereist. Sie ist schon geheilt - von einem Gebärmutterhalskrebs. "Ich habe Mekki schon in Zagreb erlebt", sagt sie begeistert. "Er ist ein Geschenk Gottes." Nach einigen Behandlungen bei Torabi sei sie nun wiedergekommen, um ihm und Allah zu danken. "Die Ärzte in Schweden finden für meine Heilung keine Erklärung."Aber die Kontrolluntersuchungen ließen keinen Zweifel: Rabijas Krebs wurde geheilt. Diesmal ist sie mit einer Freundin gekommen, die unter Epilepsie leidet.

Das Gelände um die Sporthalle Zetra ist umringt von Friedhöfen und Gräbern. Die meisten wurden während des Krieges 1992 bis 1995 ausgehoben. Die Halle selbst diente im Krieg erst als Leichenhaus, wurde dann zerstört und schließlich mit internationalen Geldern wiederaufgebaut. Seit Wochen ist sie nun Zentrum des Lebens und der Hoffnung.

Vor der Halle warten täglich mehr als 10.000 Besucher. Drinnen haben um die tausend Platz. Sie werden schubweise hineingelassen. Torabi empfängt die Menschen, die in der Reihe stehen. Er wirkt beruhigend, lächelt, strahlt Zufriedenheit aus.

"Es scheint so, als würde Torabi selber Energie tanken, die er danach an die Leute weitergibt. Tagtäglich diese Massen abzuarbeiten ist bestimmt nicht einfach", kommentiert Hadzic das Treiben. Nun ist sie mit ihrer Freundin auch an der Reihe. Torabi schaut kurz hoch, murmelt etwas, als würde er mit jemandem sprechen. Rabija gibt ihm die Hand. Bei der Freundin steht Torabi auf, fasst ihr an den Kopf, streicht leicht die Hände darüber.

"Torabi liest keine Untersuchungsberichte der Ärzte, er hat die Diagnose in wenigen Sekunden, deswegen ist er auch bei meiner Freundin aufgestanden und hat ihren Kopf angefasst, weil er weiß, dass sie Epilepsie hat", sagt Rabija. "Genauso war es bei mir, Mekki hat sofort angefangen, die Energie an meinen Unterleib weiterzuleiten." Damit ist die Behandlung beendet.

In seiner linken Hand sitzt die Energie, mit der er die "Krankheiten des Teufels" heilt, die psychischen Krankheiten, hat Torabi in einem Interview für einen bosnischen TV-Sender gesagt. Mit den Energien in der rechten Hand heilt er Krebs, Diabetes, Hepatitis.

Was spürt man, wenn er einem die Hand schüttelt? Rabija berichtet, dass sie ein leichtes Kribbeln in der Hand verspürte, als würden Ameisen hinauf- und hinunterlaufen. Bei ihrer Freundin ist es ähnlich: "Als er mich am Kopf berührte, hatte ich ein totales Taubheitsgefühl. Und es kribbelt noch immer in den Händen."

Begleitet wird Torabi von Assad Sobo, einem irakischen Expatienten. "Mekki hat mich vom Bauchspeicheldrüsenkrebs geheilt", sagt er in fließendem Bosnisch. Schulmediziner in Kroatien und Deutschland hätten ihm nicht helfen können. "Zwanzig Behandlungseinheiten bei Torabi", sagt er, hätten ihn "komplett ausgeheilt". Jetzt sieht auch Sobo sich im Dienste Gottes und begleitet Torabi bei seinen kostenlosen Heilveranstaltungen. Auch epidemiologische Gedanken macht sich der in Zagreb lebende Iraker. Im Vergleich zu Kroatien, so Sobo, gebe es in Bosnien offenbar weniger Krebskranke. Dafür seien hier die psychischen Krankheiten und Ängste häufiger.

Gottesgabe, gratis

Als das größte Wunder empfinden die Bosnier, dass die Heilungen kostenlos sind. Die Erklärung dafür ist ebenfalls übersinnlicher Natur. "Torabi würde seine Gottesgabe verlieren, wenn er seine Dienste in Rechnung stellen würde", erklärt Sobo. Anders als viele weltbekannte Gurus führt der Wunderheiler kein aufwändiges Leben: Das Grundstück in Skhirat nahe Rabat, wo er als Landwirt lebt, hat er von seinem Vater geerbt. Glaubt man Sobo, hat der Heiler sich seine Berufung nicht selbst ausgesucht: "Gott hat zu ihm im Traum gesprochen und ihn aufgerufen, in die Welt zu gehen, um die Menschen zu heilen. Hätte er dies nicht getan, hätte ihn ein schweres Schicksal ereilt."

Die kritischen Stimmen sind eher leise, werden aber lauter, je länger Torabi in der Stadt ist. So kritisierte der Ärztekammer-Präsident des Kantons Sarajevo, Fahrudin Kulenoviæ, dass Torabi keine Arbeitserlaubnis von der Kammer habe. "Wir haben nichts gegen die alternative Medizin, aber Herr Torabi hätte sich zuerst bei uns melden müssen, bevor er seine Arbeit beginnt." Milde stimmt die Zunft, dass Torabi seinen Anhängern empfiehlt, ihre schulmedizinischen Therapien weiterzuführen, auch wenn sie sich besser fühlen sollten. (Erdin Kadunic aus Sarajevo, DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2010)

  • Der Marokkaner Mekki Torabi beim Energieübertragen auf Patienten in der Olympiahalle von Sarajevo.
    foto: credit: sarajevo-x.com

    Der Marokkaner Mekki Torabi beim Energieübertragen auf Patienten in der Olympiahalle von Sarajevo.

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