Don Giovannis Endlosspirale der Sucht

8. November 2010, 17:15
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An der Grazer Oper erkundet Regisseur Johannes Erath den Mythos mit dem nüchternem Blick eines Naturwissenschafters

Leporellos Katalog listet 2065 von Don Giovanni verführte Frauen auf - eine ermüdende Vorstellung. Mehr als ein realer Held ist der ausschweifende Liebhaber Projektionsfläche für unendliche Fantasien. An der Grazer Oper erkundet Regisseur Johannes Erath den Mythos mit dem nüchternem Blick eines Naturwissenschafters, der die Wiederholung seziert, zu der alle verurteilt sind, die im Bann des promiskuitiven Erotomanen stehen.

Metapher für ihren psychischen Zustand ist das Gefängnis, das Stefan Heinrichs als kruden Ort des Seelendramas auf die Bühne stellt. Dort sind alle Protagonisten ständig anwesend, auch der Komtur als unheimlicher Auslöser von Donna Annas Kindheitstrauma. Durch Doppelgänger ins Unendliche gesteigert, irrlichtern Frauen und Männer austausch- und verwechselbar über Treppen und vergitterte Gänge.

Claudia Jenatsch hat Kostüme in fahlen Pudertönen geschaffen, die von bestechender Ästhetik sind. Don Giovannis gesticktes Folklorejäckchen bildet darin einen einsamen Farbfleck, sparsame Versatzstücke konturieren den Stoff - eine Pistole, der Brautschleier, die weiß gedeckte Tafel, silberne Kandelaber.

Doch die Kerzen sind niedergebrannt, die Festgäste müde, der Hangover steht ihnen ins Gesicht geschrieben. In der Endlosspirale der Sucht muss die Dosis ständig erhöht werden, wird es auch mit Musik, Tanz und Alkohol immer mühsamer, erotische Stimmung zu erzeugen. Auch im Zuschauerraum wird man so lange in die freudlose Wiederholung hineingezogen, bis einem der Schauer über den Rücken läuft. Und plötzlich kommt Spannung auf, wendet sich die Handlung zum überraschenden Ende, das zumindest eine Befreiung bereithält.

Eraths mächtiges Regiekonzept geht so weit, das (vom Band gespielte) Finale vor die Ouvertüre zu stellen, die der estnische Dirigent Hendrik Vestmann sodann drängend und streckenweise plump begann. Im Laufe des Abends wurde das Grazer Philharmonische Orchester deutlich wendiger und konnte bis zum etwas breit geratenen Ende erhebliche Spannung aufbauen.

Dem Ensemble wird nicht wenig abverlangt, doch fesselt es zu jeder Zeit durch hohe sängerische Qualität. Zum Überraschungsstar des Abends wurde Antonio Poli als Don Ottavio, dem die Regie die Fadesse der Figur nimmt und eine Schlüsselrolle im Drama zugesteht, die der junge Italiener mit sicher geführtem Tenor, in dem sich lyrischer Schmelz und tenorale Strahlkraft verbanden, ausfüllt.

Daniel Boaz jedoch, in der Titelrolle hatte bei der Premiere mit einer leichten Indisposition seines weichen Baritons zu kämpfen. Als Leporello punktete Alik Abdukayumovs dunkel grundierte Stimme. Wach und wütend gestaltete Margareta Klobucar ihre Donna Elvira, verlieh der Dame aus Burgos Verve und haarscharf sitzende Koloraturen. Ihre schwerer werdende Stimme harmoniert mit dem dramatischen Potenzial der Donna Anna von Gal James. (frak, DER STANDARD - Printausgabe, 9. November 2010)

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