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8. November 2010, 17:10
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Sexualstraftäter, Migranten und Nachtschwärmer: Die Filme der diesjährigen Dokumentarfilmwoche in Duisburg deckten ein großes inhaltliches Spektrum ab

Verschiebungen und Umkehrungen verbürgter Perspektiven waren bei der 34. Duisburger Filmwoche an vielen Stellen zu verorten. Das engagierte Festival für den deutschsprachigen Dokumentarfilm hatte sich in diesem Jahr das schöne Wort "Horizont" auf das Banner geheftet - im Diskussionsraum wurden die Buchstaben vertauscht, so entstanden die Anagramme "Ohrnotiz" oder, etwas geschummelt: "Hirnzoo". Horizont passt schon deshalb gut zu diesem Festival, weil es dessen Erweiterung sucht: Nach jedem Film wird ausführlich geredet, und im Programm sind Filme in der Überzahl, die sich fernsehüblichen Formaten verweigern.

Auf Teufel komm raus, ein Film von Mareille Klein und Julie Kreuzer, hatte schon bei den Hofer Filmtagen für Aufmerksamkeit gesorgt. Er behandelt einen Fall, der zuerst das Selbstverständnis einer Gemeinde, schließlich aber auch immer mehr die liberalen Überzeugungen des Zuschauers durcheinanderbringt. Die Fronten scheinen zu Beginn unverrückbar: auf der einen Seite eine aufgebrachte Bürgerversammlung, die vor einem Haus mit Bannern wie "Achtung Kinderschänder!" demonstriert; auf der anderen Karl D., ein mehrfach verurteilter Sexualstraftäter, der sich nach der Haft bei seinem Bruder niedergelassen hat.

Die beiden jungen Filmemacherinnen beweisen einen hohen Grad an Differenzierungsvermögen. Nicht an einer Parteinahme ist ihnen gelegen, sondern an der Darstellung eines Krisenfalls. Der aggressive Mob steht für einen Gesellschaftskörper, der sich gegenüber einem Täter verschließt, während die Familie zwar integrativ wirkt, allerdings um den Preis einer Ausblendung der Schuldfrage. Gängige Täter-Opfer-Schemata sind hier kaum anwendbar.

Eine noch radikalere Form von Blickverschiebung wird in Peter Otts Film Gesicht und Antwort geleistet, der dieses Jahr die heftigsten Reaktionen provoziert hat. Ott fertigt darin das ungewöhnliche Porträt seiner schwer behinderten Schwester Daniela, die sich in einem "Low Consciousness State" befindet - scheinbar sprachlos und bewegungsunfähig, aber mit wachem Blick ist sie vollkommen auf die Hilfe anderer angewiesen.

Einübung des Blicks

Lange Einstellungen auf die bewegungslose Frau konfrontieren den Zuschauer nun mit einem Körperbild, zu dem er sich erst einmal verhalten lernen muss. Schwankt man anfangs zwischen Abwehr und Faszination, so beruhigt sich der eigene Blick allmählich. Man beginnt die Signale der Protagonistin besser zu verstehen, sich auf ihre Welt auszurichten.

Das Festivalmotto "Horizont" kann man insofern als Aufforderung verstehen, vermeintlich übersichtlichere Perspektiven aufzugeben: Friedolin Schönwieses Die fünf Himmelsrichtungen, der mit dem 3sat-Preis prämiert wurde, zeichnet sich durch die Nähe zu seinen Protagonisten aus, mexikanischen Migranten, die in der US-Stadt Kansas City ein Leben in Isolation fristen. Die Utopie des Aufstiegs bricht sich an einer Alltagsbeobachtung, die Schönwiese fast wie ein Angehöriger festhält, aber eben mit Augenmerk auf jene verschleppten Momente, in denen sich erst Frust, Zorn und Einsamkeit akzentuieren. Mit den Verwandten in Mexiko bleiben die beiden zentralen Figuren des Films nicht nur über Anrufe und Videos verbunden - der Film beschreibt die Wechselwirkung zwischen Fremde und Heimat auch dadurch, dass er mittels Festen das eine Land im anderen spiegelt.

In Yvette Löckers Film Nachtschichten ist der Mangel an Tiefenschärfe durch die Wahl des Themas bedingt: Sie begleitet nachtaktive Menschen durchs winterliche Berlin - in Bildern, die oft auf geringe Lichtherde angewiesen sind. Vermummte Graffiti-Sprayer, umherstreifende Obdachlose, Sozialhelfer im Bus, Polizisten oder eine DJ-Frau formen das Panorama einer Gegenwelt, die etwas Wildes, Unkontrollierbares behält. Nicht selten verhalten sich Menschengruppen nach dem Schema von Jäger und Verfolger - was schließlich in jener Szene ein schönes Echo findet, in der ein Fuchs eine Gans stehlen will. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 9. November 2010)

  • In keiner Welt zu Hause: Maria-Esther, die Protagonistin aus Friedolin 
Schönwieses "Die fünf Himmelsrichtungen".
    foto: mischief

    In keiner Welt zu Hause: Maria-Esther, die Protagonistin aus Friedolin Schönwieses "Die fünf Himmelsrichtungen".

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