Sonnige Gemüter, Teen-Angst und Exorzismen

8. November 2010, 17:33
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Das Wiener Singer-Songwriter-Festival Blue Bird bietet vom 25. bis 27. November im Porgy & Bess internationale Songwriter-Kunst und eine Legende: Grant Hart, einst Sänger und Schlagzeuger von Hüsker Dü

Wien - Das L-Wort wird in einer um Aufmerksamkeit buhlenden Welt bald einmal verwendet. Jeder dahergelaufene Roadie, an den sich mehr als zwei Leute länger als zwei Wochen erinnern können, wird heute im Pop als Legende ausgerufen, jedes bunte Gaga unwidersprochen als Ikone eingestuft. Ein Witz, ein schlechter.

Das Wiener Blue-Bird-Festival, ein jährlich im November stattfindendes Gipfeltreffen von heimischen und internationalen Singer-Songwritern, wartet heuer aber mit jemandem auf, der ohne Übertreibung Legende genannt werden darf: Grant Hart.

Der mittlerweile 49-jährige US-Amerikaner war wüster Schlagzeuger, begnadeter Songschreiber und mit Bob Mould Sänger von Hüsker Dü: einer jener drei, vier Bands, die in den 1980ern Vorarbeit für die Überwindung der Grenzen zwischen Underground und Mainstream leisteten - und die eine von Hüsker Dü wesentlich beeinflusste Band abschließen sollte: Nirvana.

Bei den nach einem schwedischen Brettspiel benannten Hüsker Dü zeichnete Hart für die sonnigeren Stücke verantwortlich, während Mould die düsteren Parts besetzte. Die Band formulierte zwischen 1982 und 1987 den Gefühlshaushalt Heranwachsender, als die Mittelschicht von der Reagan-Regierung in die Armut gedrängt wurde. Selten manifestierte sich adoleszenter Sturm und Drang überzeugender als bei Hüsker Dü. Nach dem Split starteten Mould und Hart - heute spinnefeind - Solokarrieren. Um Hart war es nach soliden bis hervorragenden Alben wie Intolerance oder Good News For Modern Man in den letzten Jahren still geworden, bis er im Vorjahr das Album Hot Wax veröffentlichte.

Rares und Neues

Nun erscheint Oevrerevue mit Raritäten aus den Jahren 1988 bis 1995, darunter Coverversionen von Bob Dylans Masters Of War oder Willie Dixons I Just Wanna Make Love To You. Auch abseits Harts Auftritt bietet das Blue Bird Festival vom 25. bis 27. November ein erlesenes Programm im Porgy & Bess. Ein Auftritt der kanadischen Hidden Cameras mag angesichts der Häufigkeit von Hidden-Cameras-Konzerten redundant erscheinen, beim Blue Bird spielen sie ein "acoustic set". Dazu bietet das Festival, ein Brainchild des ORF-Kulturredakteurs Klaus Totzler, neben bekannten Künstlern neu zu entdeckende Musikerinnen und Musiker.

Etwa den Iren James Vinncent McMorrow, der eben sein Debüt Early In The Morning veröffentlicht hat. Eine feingliedrige Songsammlung, die an den Australier Scott Matthew erinnert - der ebenfalls zugegen sein wird. Matthew präsentiert mit Spencer Cobrin, der früher im Dienste des britischen Pop-Gottes Morrissey stand, das 2005 gemeinsam eingespielte Album Elva Snow als Unplugged-Projekt. Elva Snow klingt wie ein nie veröffentlichtes David-Bowie-Album: halbakustisch, schmerzvoll, wunderschön.

Ähnliches versprechen François and the Atlas Mountains aus Frankreich, die fragilen Akustik-Pop mit Streichern, Fingersnaps und Rumpelschlagzeug spielen. Für den Schmerz, den individuellen wie jenen der Welt, wurden Scout Niblett und Nina Nastasia ins Programm genommen. Beide gelten mit ihren Gefühlexorzismen als Ausnahmeerscheinungen des Fachs, heimische Beiträge kommen von Pieter Gabriel und Sweet Sweet Moon. (Karl Fluch, DER STANDARD - Printausgabe, 9. November 2010)

  • Das vollständige Programm und Infos zu allen Künstlern finden Sie unter www.songwriting.at
  • Grant Hart wird beim Blue-Bird-Festival Songs aus allen Perioden seines 
Schaffens spielen. Von Hüsker Dü bis Nova Mob.
    foto: rough trade

    Grant Hart wird beim Blue-Bird-Festival Songs aus allen Perioden seines Schaffens spielen. Von Hüsker Dü bis Nova Mob.

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