Wenn Mann zuschlägt

8. November 2010, 15:59
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Heinrich Kraus von der Wiener Männerberatung spricht über das Trainingsprogramm für gewaltbereite Männer und bestätigt einige Vorurteile

Häusliche Gewalt kann viele Gesichter haben. Sie beginnt bei finanziellem Druck, reicht über psychische Gewalt und endet oft bei körperlichen Attacken. Die Opfer sind meistens weiblich, die Täter überwiegend männlich. Die Männerberatung im zehnten Wiener Gemeindebezirk betreut aktuell zwischen 30 und 35 gewalttätige Männer, die einen Weg aus der Aggression suchen - oft nicht freiwillig.

"Die meisten Männer, die in unserem Trainingsprogramm sind, werden von der Justiz geschickt und müssen sich der Therapie unterziehen. Und auch wenn sie anscheinend freiwillig kommen, steckt oft die Partnerin dahinter, die droht, den Mann sonst zu verlassen", erzählt Heinrich Kraus, einer der Psychotherapeuten, welche die Gruppensitzungen abhalten. 

Eine Zuweisung zum Programm erfolgt oft nach einer Anzeige oder Wegweisung durch die Partnerin. Dabei herrschen aber auch strenge Aufnahmekriterien. So darf der Bewerber laut Kraus "keine akute Krisensituation, schwere psychische Erkrankungen oder auch mangelnde Deutschkenntnisse" haben. Bei einem Alkoholproblem müsse er sich parallel einem Entzug stellen.

Zusammenarbeit mit Interventionsstelle

Ob ein Mann schließlich die dreißig Wochensitzungen absolvieren darf, entscheidet die Männerberatung zusätzlich in enger Kooperation mit der Interventionsstelle gegen Gewalt, die zeitgleich die Partnerin betreut. Diese dichte Zusammenarbeit "ist einzigartig in Europa", sagt Kraus. Wichtig sei dabei die ständige Kontrolle über den Fortschritt der Arbeit. Zu Beginn jeder Sitzung müsse jeder sagen, ob er gegenüber seiner Partnerin wieder Gewalt angewandt habe. "Da kann dann in Wahrheit jeder erzählen, was er will, und wir müssen darauf vertrauen, dass er die Wahrheit sagt", erzählt Kraus. Durch die Interventionsstelle, bei der die Frauen betreut werden, könne man aber nachprüfen, ob wirklich keine weitere Gewalt vorliegt.

Schuldzuweisungen an die Frau

Bevor noch die Therapie beginnt, findet ein Vorgespräch statt. Darin wird die Situation des Mannes abgeklärt. "Fast alle Männer erzählen die Fälle, in denen es zu Gewalt kam immer so, dass die Frau eigentlich selbst schuld sei. Sie versuchen mich dabei ein wenig auf ihre Seite zu ziehen, frei nach dem Motto: 'Ihnen wäre auch irgendwann der Kragen geplatzt'", erzählt Kraus. Nur in ein oder zwei Sätzen würden die Männer von ihren Schlägen oder anderen Gewalttätigkeiten berichten. 

Deshalb sei es auch die erste Maßnahme, den Programmteilnehmern beizubringen, dass jeder für sein Handeln selbst verantwortlich sei. Um dabei die Sicht einer weiblichen Person in die Therapie einzubauen, sei auch immer wieder eine Therapeutin anwesend. "Meistens herrscht dann während der Sitzungen ein freundlicherer Umgangston", sagt Kraus.

Bild von Männlichkeit schon für Vierjährige klar

Das Vorurteil, wonach Männer nicht über ihre Gefühle reden können, bestätigt der Psychotherapeut. Für ihn liegt das aber vor allem an dem Bild von Männlichkeit, das in der Gesellschaft und auch durch die Medien vermittelt wird. "Buben haben schon im Alter von vier Jahren die typisch männlichen Eigenschaften verinnerlicht. Deshalb raufen sie auch eher und sind lauter als Mädchen", sagt Kraus. Mädchen im Gegensatz dazu würden Probleme eher mit dem eigenen Körper ausdrücken, also neigen eher zu Depressionen oder Magersucht.

Als einen der schönsten Therapieerfolge bezeichnet der Psychotherapeut den Fall eines Rechtsradikalen, der seine Frau verprügelt und "nach dem Trainingsprogramm damit aufgehört und sich sogar mit Österreichern mit Migrationshintergrund im Kurs angefreundet hat."

Ein weiteres Vorurteil bei männlicher Gewalt kann Kraus auch teilweise bestätigen. So stimme es, dass die Kontrolle über die Frau im muslimischen Kulturkreis höher sei. Das habe vor allem mit dem sozialen Druck zu tun: "Auch wenn ein türkischstämmiger Mann gegenüber seiner Frau toleranter ist, wird er von seiner Umgebung zu einem anderen Verhalten gezwungen", sagt Kraus. "Aber ich habe auch einen Mann in Betreuung, der gegen diesen Druck ankämpft und für seine Frau sogar mit seinen Eltern gebrochen hat."

Finanzielle Zukunft unklar

Das Trainingsprogramm wird zurzeit noch mit etwa 12.000 Euro vom Innenministerium unterstützt. Weitere 20.000 Euro kommen jeweils zur Hälfte aus den Budgets des Wirtschafts- und Sozialministerium. "Wir wissen aber nicht, wie es ab Jänner 2011 weitergehen soll, die Finanzierung für das nächste Jahr ist noch nicht gesichert", erzählt Kraus. Man versuche aus dem Budget der Stadt Wien noch Mittel zu bekommen, da vergleichbare Einrichtungen in den Bundesländern auch von den jeweiligen Landesregierungen gestützt würden. Außerdem hebt die Beratungsstelle einen Selbstbehalt von drei bis zehn Euro pro Sitzung von den Teilnehmern ein: "Aber das Problem ist, dass wir vierzig Prozent Arbeitslose in unserem Programm haben. Das ist ein weitaus größerer Anteil als in der Gesamtbevölkerung."

Der Psychotherapeut ist sich sicher, was passieren würde, wenn das Trainingsprogramm geschlossen werden müsste: "Dann würde es zu deutlich mehr häuslicher Gewalt in Wien kommen." Eine interne Evaluierung in diesem Jahr hätte ergeben, dass die Polizei weitaus weniger zu Wohnungen von Männern gerufen würde, die das Programm erfolgreich abgeschlossen hätten. "Indizien sind da, die zeigen, dass wir der Polizei Arbeit abnehmen." (Bianca Blei, derStandard.at, 8.11.2010)

Statistik:

Im Jahr 2009 wurden durch die Polizei Wien 3.116 Wegweisungen ausgesprochen. Das Wegweisungsrecht sieht vor, dass die Exekutive gewalttätige Personen aus der Wohnung verweisen und ein Betretungsverbot für einen Zeitraum von zwei Wochzen aussprechen darf. Dieser Schutz für Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt wurden, kann durch einen Antrag bei anhaltender Gewalt Gericht auf ein Jahr ausgedehnt werden. 

Laut Statistik der Interventionsstelle Wien sind 90 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt der Bundeshauptstadt weiblich, zu 63,2 Prozent zwischen 22 und 30 Jahren alt und zumeist Österreicherinnen (66,8 Prozent). Die Gefährder sind zu 92 Prozent männlich, meistens Ehemänner oder Lebensgefährten (37,6 bzw. 18,8 Prozent) und zu 63,4 Prozent österreichische Staatsbürger.

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Männerberatung

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    Psychotherapeut Heinrich Kraus ist sich sicher, dass die Männerberatung "der Polizei Arbeit abnimmt".

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