Plastinator von Hagens verteidigt online-Shop

8. November 2010, 12:24
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Mit dem Verkauf von Leichenpräparaten übers Internet erntet der "Körperwelten"-Macher auch Kritik. Gunther von Hagens antwortet in einem offenen Brief

Schockierend, provozierend, faszinierend – hinter den "Körperwelten" steht ein Name: Gunther von Hagens, Mediziner und Anatom mit Hut. Von Hagens, geborener Liebchen, bevor er den Namen seiner ersten Frau annimmt, lockt mit Ausstellungen von plastinierten Toten Millionen Besucher an. Seit vergangener Woche gibt es die Leichenteile auch online zu kaufen. Mit dem Slogan "klicken, staunen, kaufen" können Interessierte sich einen ganzen Körper um rund 70.000 Euro, ein Kleinhirn um 830 Euro oder Ohrringe aus Bullenhodenscheiben um 41 Euro ganz einfach in den Warenkorb legen.

Warum der Webshop der wissenschaftlichen Aufklärung dient, Fachwelt wie Laien begeistert sind und wie aus menschlichem Sondermüll ein wertvolles Ausstellungsgut wird, erklärt der Plastinator im Interview. Als Reaktion auf Kritiker verfasste von Hagens einen Offenen Brief.

Offener Brief an die Freunde und Gegner des Instituts für Plastination zur Kritik am Onlineshop für Plastinate

Sehr geehrte Interessenten, Freunde und Gegner der Plastination!

Zunächst vielen Dank für Ihre reichlichen und ausführlichen Reaktionen zur Einführung unseres Online-Shops. Obwohl ich im Vorfeld immer wieder mit Körperspendern und Ausstellungsbesuchern über den beabsichtigten Online-Shop diskutiert und diesen auch mehrfach in den Medien angekündigt habe, hat mich die Bandbreite des erhaltenen Meinungsspektrums von Körperspendern, Anatomenkollegen, sowie von Prominenten des öffentlichen Lebens dann doch überrascht.
Die erhaltenen Reaktionen lassen sich in drei Gruppen einteilen:

Die Gruppe der Verdammer

Da gibt es zum einen die Gruppe der emotionalen moralischen Verdammer. Da hier keine diskutierfähigen Argumente vorgebracht werden, macht eine Replik darauf keinen Sinn, außer vielleicht der Empfehlung, dass sich diese Verdammer doch einmal auf den Weg machen um die Reaktion der Menschen in einer unserer KÖRPERWELTEN Ausstellungen wahrzunehmen. Hier einige Beispiele der Verdammer, die darauf hinweisen, dass der emotionale Kulturkampf um das Für und Wider der KÖRPERWELTEN und den Plastinateverkauf andauern wird. Zitate:

(1) "Also wer so was anbietet hat aus meiner Sicht einen Dachschaden, wer sich so was ins
Wohnzimmer stellt auch. Ich halte das für pervers."
(2) "Ihr seid verfluchte Teufel" Mit einem Menschen spielt man nicht. Ihr kommt alle in
die Hölle."
(3) "Demokratisierung der Anatomie? Wohl eher Leichenschändung. Und perverse
Geldmacherei! Zum Kotzen so was. Typen wie sie sind einfach nur krank im Hirn."
(4) "Als ehemaliger Anatomiestudent der Ruperto-Carola in Heidelberg und aktiver
Mediziner bin ich entsetzt, auf welch niedriges, unethisches und primitiv kommerzielles Niveau Sie sich begeben haben. Ich werde den Lehrstuhl, ebenso wie der Ärztekammer vorschlagen Ihre Berufseignung zu überprüfen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen ... den kommerziellen Missbrauch anvertrauter oder wie allgemein kolportiert wird, auf fragwürdigem Weg überstellter Körper, verurteile ich auf das Schärfste."

Die Gruppe der unkundigen Kritiker

Die zweite Gruppe der Kritiker führt aus Unkenntnis Argumente ins Feld, die nur die Unkundigen zu beeindrucken vermögen. Doch weil hier falsche oder verdrehte Tatsachen behauptet werden, sollte ich sie richtig stellen.
(5) Bestseller-Autor Manfred Lütz über mich:

"Das ist eben ein perverser Geschäftemacher. Das hat mit Kunst überhaupt nichts zu tun, das behauptet er ja immer nur. ... Im Grunde ist das eine Form von optischem Kannibalismus, den wir da betreiben." Einhalt gebieten? "Das müssen Juristen entscheiden, man muss ihm da Einhalt zu gebieten versuchen. ... An seinen Professorentitel als auch an seinen Adelstitel ist er ja offensichtlich mit höchst obskuren Methoden gekommen."

Meine Gegenrede zu den Behauptungen von Manfred Lütz

Herr Lütz, ich muss leider feststellen, dass Sie keinen blassen Schimmer von dem Thema haben, über das sie sich entrüsten. Denn:

(a) Ich habe nie behauptet ein Künstler zu sein oder Kunst aus Menschen zu schaffen, wie
Sie mir unterstellen.
(b) Ein kurzer Blick ins Internet hätte Sie darüber informiert, dass der Online-Shop eben kein Thema für die Staatsanwaltschaft ist. Zitat: "Bislang plastiniert seine Firma Körper zu wissenschaftlichen Zwecken: Sie werden an medizinische oder Forschungsinstitute verkauft oder ausgestellt. Für die Staatsanwaltschaft in Cottbus sind von Hagens neue Pläne vorerst kein Thema, sagte ein Sprecher des Hauses".
(c) Ihre Spekulation um meinen Professoren- und Adelstitel, an die ich "mit höchst obskuren Methoden" gekommen sei, offenbaren peinliches Nichtwissen auf der ganzen Linie. Sonst wüssten Sie, dass ich im Prozess um den angeblichen Titelmissbrauch frei gesprochen wurde. . Sogar die Anwaltskosten wurden mir aus der Staatskasse erstattet. Zudem bin ich seit 2004 Gastprofessor an der New Yorker Universität (NYUCD) . Und wieso es obskur sein soll, bei der Heirat, entsprechend geltenden Gesetzen, den Namen der Frau ("von Hagens") anzunehmen, erschließt sich mir auch nicht. Soll dies etwa heißen, dass meine inzwischen erwachsenen Kinder Bera, Tona und Rurik von Hagens auch mit obskuren Methoden an ihre Namen gekommen sind?

(6) Medizinhistoriker Christoph Mörgeli über mich

"von Hagens ... vertritt eine gewisse Wissenschaftsfeindlichkeit: 'Seht her, das haben Euch die Mediziner stets vorenthalten.' Leichenteile im Internet zu verkaufen geht aber zu weit. Von Hagens überschreitet die Grenzen von Legalität und Ethik. Das scheint mir jetzt kriminell. ... Ich gehe davon aus, dass die Justiz in Deutschland aktiv wird. ... Personen, die in der Schweiz wohnen und im Online-Shop von Hagens` Leichenteile einkaufen, machen sich unter Umständen strafbar.

Meine Gegenrede zu den Behauptungen von Herrn Mörgeli

Herr Mörgeli, sie sollten es als Medizinhistoriker an einer Schweizer Universität besser wissen. Geht es nicht etwas konkreter? Wer sagt denn, dass es sich bei Plastinaten um Leichenteile handeln muss? Kennen Sie nicht die Rechtsauffassung Ihres Kollegen Medizinhistoriker Herrn Prof. Dr. med. Axel Bauer von der Universität Heidelberg-Mannheim, Mitglied im Deutschen Ethikrat, dass es sich bei Plastinaten nicht um Leichenteile, sondern um Strukturelemente des menschlichen Körpers ohne Leichenqualität handelt?

Es gibt gute Gründe für die Rechtsauffassung, dass es sich bei Plastinaten eben nicht um Leichen im Sinne des Bestattungsgesetzes handelt. Denn im Gegensatz zu Trauerleichen, für die eine Bestattung vorgesehen ist, sind Plastinate wie Mumien und echte Skelette dauerhaft konserviert, irreversibel anonymisiert und die Willenserklärung des Körperspenders lässt eine Bestattung nicht zu. So wie das Schnitzel vom geschlachteten Tier bis zur Mahlzeit auf dem Teller einen Bedeutungswandel erfährt und ein Baum auf dem Weg zum Möbelstück eine neue Qualität annimmt, so verliert die Leiche auf dem Weg zum Plastinat ihre Leichenqualität und wird zum Lehrobjekt. Aus gutem Grund sind weder natürliche Skelette noch Mumien Leichen. Folgt man der Ansicht, dass Plastinate Leichen oder Leichenteile im Sinne des Bestattungsgesetzes seien, dann könnte man im Rückschluss also aus natürlichen Skeletten durch Kunststoffimprägnierung Leichen herstellen?

(7) Augsburger Allgemeine vom 20.10.2010

"Das ewige Wechselspiel von Provokation und Reaktion beschert Gunther von Hagens erneut die von ihm ersehnte Aufmerksamkeit. Die Nummer mit dem immer nächsten Tabubruch funktioniert jedes Mal. Auch in dieser Zeitung. ... Lifestyle aus Leichen? Plastinate sind zwar faszinierend anzusehen, gewiss lehrreich. Aber Handel treiben mit Leichenteilen? Diese Geldmacherei ist noch unwürdiger als so manches seiner Ausstellungsstücke."

Meine Gegenrede zum Vorwurf der Augsburger Allgemeinen

Als ehemaliger DDR-Bürger kann ich mich nur wundern, wie eine nach den Gesetzen der Marktwirtschaft funktionierende Zeitung mir unwürdige Geldmacherei mit Toten vorwirft. Auf die Menge des Geldverdienens kann sich der Vorwurf doch wohl nicht beziehen, denn den Bestattungsunternehmern werfen Sie ja auch nicht "Geldmacherei mit Toten" vor. Und nehmen nicht die Bestattungsunternehmer sogar Geld von den trauernden Angehörigen? Wo liegt dann der Unterschied, wenn ich mich statt von trauernden Angehörigen, von Qualifizierten Nutzern für Plastinate bezahlen lasse, die nur für Lehr-, Aufklärungs- und Forschungszwecke verwendet werden?

Kurzum, an Ihren Vorwürfen ist nichts dran! Sie dienen lediglich der Sensationsmache und der Schürung von Neid gegenüber mir als erfolgreichem Wissenschaftsunternehmer. Dazu passt, dass mir Ihre Zeitung "Lifestyle aus Leichen" vorwirft. Genau dies tun wir aber nicht!

Die Gruppe der glaubhaft Besorgten

Bei den Kritikern dieser Gruppe fällt auf, dass sich hier Personen zu Wort melden die nachvollziehbar besorgt sind über eine Aufweichung unseres Moralverhaltens zu postmortalen Fragen. Dazu zähle ich den badischen Landesbischof Ulrich Fischer, wie den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, wenngleich ihre Bedenken, wie ich gleich aufzeigen werde, einfach zu zerstreuen sind.

(8) Die Warnungen der Bischöfe

Der evangelische badische Landesbischof Ulrich Fischer und der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch warnen davor, Deutschland könne 'scheibchenweise' zu einer Drehscheibe des globalen Leichenhandels werden. Dieser Tabubruch dürfe nicht zugelassen werden. Von Hagens müsse belegen, dass die von ihm verarbeiteten Leichen zum Beispiel nicht von in China zum Tode verurteilten Gefangenen stammten. Es gehe um Leichenfledderei und Spektakel unter dem Deckmantel der medizinischen Aufklärung."

Meine Gegenrede zu den Befürchtungen der Bischöfe

Die Befürchtung, Deutschland könne 'scheibchenweise' zu einer Drehscheibe des globalen Leichenhandels werden, ist unbegründet. Denn, was Sie wohl nicht wissen: das Internet ist bereits seit längerem die Drehscheibe eines weltumspannenden "Leichen"-handels. So wird ein reger Internethandel von den Herstellern menschlicher Plastinaten in den USA, in Russland und insbesondere in China in Szene gesetzt, ohne dass es für die dazu verwendeten Plastinate ein spezifisches Körperspendeprogramm geben würde oder dass irgendwelche Verkaufseinschränkungen existieren würden.
Beispiel China: Auf der Internetseite von Overseas Star werden insgesamt 145 bebilderte und 213 unbebilderte Silikon-Plastinate angeboten.

Professor Sui Hongjin, Dalian, China, offeriert über sein Ablegerunternehmen in Hongkong Plastinate für Ausstellungen in aller Welt:

Beispiel USA: Hier bietet die Universität Michigan an Plastinate herstellen zu lassen:
Das Sie um diese Drehscheiben internationalen Plastinatehandels nichts wissen, verwundert mich nicht, denn diese Fakten sind für die bürgerliche Presse Deutschlands kein Thema.

Selbst Ausstellungen die anderswo auf Grund ethischer Bauchschmerzen verboten wurden (beispielsweise in Frankreich und Venezuela), werden in Deutschland, so die Ausstellung "Echte Körper" in Erfurt, trotz detaillierter Kenntnis der Zusammenhänge, von damit befassten Presseorganen und Stadtverwaltung ignoriert. Wenn man keinen Deutschen durchs Dorf treiben kann dann taugt das Thema eben nicht für die öffentliche Entrüstung.

Anatomische Präparate werden seit Anbeginn der Anatomie der Neuzeit verkauft. Und die Tatsache, dass dies jetzt über den Online-Shop geschieht, macht den Verkauf deutlich transparenter und damit auch demokratischer.

Die zweite Sorge der Bischöfe, sicher zu stellen, dass die vom Institut für Plastination angebotenen "Leichen zum Beispiel nicht von in China zum Tode verurteilten Gefangenen stammen", wurde bereits durch ein deutsches Gericht ausgeräumt, indem SPIEGEL ONLINE und anderen Medien in Deutschland per einstweiliger Anordnung untersagt wurde, dies zu behaupten:

Einstweilige Verfügung

08.03.2005 – Spiegel-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co KG und Spiegel ONLINE GmbH – Landgericht Berlin, Geschäftszeichen: 27O181/05
20.12.2005 – Zweite Deutsche Fernsehen – Landgericht Berlin,
Geschäftszeichen: 27 O 1013/05
20.12.2005 – Norddeutscher Rundfunk – Landgericht Berlin,
Geschäftszeichen: 27 O 1014/05
11.04.2006 – Verlag Rheinischer Merkur GmbH – Landgericht Berlin,
Geschäftszeichen: 27O417/06

Unterlassungserklärung

28.12.2005 – T-Online AG als Betreiber der Seite www.t-online.de
23.02. 2006 – Süddeutsche Zeitung GmbH als Betreiber der Seite www.sueddeutsche.de

Zudem überprüft die Stadtverwaltung Heidelberg mit notarieller Hilfe regelmäßig das von Heidelberg aus organisierte Körperspendeprogramm.

Schließlich lade ich die Bischöfe jederzeit nach Heidelberg in die Körperspendezentrale des Instituts für Plastination ein, damit sie sich selbst von der Sorgfalt und Seriösität unseres Körperspendeprogramms überzeugen können.

Und mit Leichenfledderei hat meine Arbeit schon gar nichts zu tun, denn diese wird nach Lexikon wie folgt definiert:
Leichenfledderei: "Diebstahl von Sachen, die einem Toten beigegeben sind; wird wegen »Störung der Totenruhe« (§ 168 StGB) bestraft.

Quelle

Leichenfledderei: "Ausplünderung von Toten, besonders auf Schlachtfeldern. Das Berauben, Ausbeuten eines Verstorbenen; das ist ja die reine L.; seine habgierigen Erben betreiben L.

Diese Wortwahl dient lediglich einer der Ernsthaftigkeit des Themas nicht angemessenen unsachlichen Emotionalisierung.
Nicht Polemik, sondern Ernsthaftigkeit ist gefragt, wenn es darum geht die letztwillige Entscheidung eines Körperspenders zur Plastination zu realisieren. Den letzten Willen des Verstorbenen zu erfüllen, wird in allen Kulturen als noble Verpflichtung der Hinterbliebenen angesehen. Gerade auch deshalb haben inzwischen acht Millionen Menschen in Deutschland eine Patientenverfügung , im Sinne von "Mein letzter Wille geschehe!", unterschrieben.

(9) Kritik von Michael Peintinger, Referent für Ethik und Palliativmedizin der Ärztekammer Wien: "Hier stellt sich die Frage welchen Sinn dieses Angebot für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte wohl haben könnte." Es werde "der Mensch posthum zur Handelsware degradiert, wodurch seine Würde zutiefst verletzt wird."

Gegenrede zur Kritik von Herrn Peintinger

Im Gegensatz zu Ihren Würdevorstellungen hielte ich es, wie zweifellos auch mein Vater, meine vier Geschwister und alle Körperspender zur Plastination für höchst würdelos, wenn Sie uns daran hindern könnten, plastiniert zu werden. Zu Ihrem zweiten Problem: Der Sinn der echten Plastinate für niedergelassene Ärzte liegt in ihrer Originalität. Wie wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen haben, erlangt man mit echten Plastinaten bei den Betrachtern eine höhere Aufmerksamkeitsspannung als mit Nachbildungen. Zusätzlich punkten Plastinate gegenüber Modellen durch Detailreichtum und Individualität. Wenn Sie ins Museum gehen, ziehen Sie doch auch die Beschau von Originalen der Betrachtung von Kopien vor, die immer nur Interpretation sind.

(10) Südkurier vom 20.10.2010 nn: Plastination schon lange bekannt?

"Bei der Plastination wird das in den Zellen vorhandene Wasser durch Kunststoff (beispielsweise Silikone, Epoxidharze oder Polyesterharze) ersetzt. Diese Methode ist schon viele Jahre in der Histologie, der Wissenschaft von den biologischen Geweben, bekannt. Hagens' Verfahren machte die Plastination großer organischer Präparate möglich." (Unterstreichungen vom Autor)

Meine Gegenrede zur Behauptung des Südkuriers (nn)

Als ich die Plastination erfand sah ich in ihr die Technologie, mit der es Zukunft möglich sein sollte Dauerpräparate zu schaffen, die alles bis dahin dagewesene in den Schatten stellen sollten. Meine Kollegen waren damals etwas darüber befremdet, dass ich mit der Patentanmeldung sicher stellen wollte, dass mir eines Tages Dritte die Erfindung nicht streitig machen würden. So wurden mir nach der üblichen Prüfung u. a. in Deutschland und in den USA die Patente für die neue Methodik erteilt (DBPat. 27 10 147 1978; US- Pat. 4,244,992 (1981), U Pat. 4,278,701 (1982); US-Pat. 4,320,257). Damit war auch geklärt, dass es sich bei dieser Technik klar um eine Neuheit, eine Erfindung und nicht etwa nur um die Weiterentwicklung einer bereits existierenden Technik handeln würde. Denn bekanntermaßen wird ein Patent nur dann erteilt, wenn es neben der dafür notwendigen Erfindungshöhe und dem nötigen technischen Fortschritt auch neu ist. Und in der Tat dauerte es trotz Patentierung nicht lange, bis sich drei deutsche Hochschulprofessoren nicht zu schade waren, meine Erfindung glatt zu bestreiten. Ihre den Medien gegenüber gemachten Kommentare reichten von: "schon lange bekannte Methode" bis zu „der hat da mal einen neuen Kunststoff gefunden".

So kritisierte Prof. Putz gegenüber der Presse (Tipps für junge Journalisten, 02.07.03) neben der Körperwelten-Ausstellung auch das Verfahren der Plastination selbst, das er als "eine alte Technik" und „schon hundert Jahre alt" bezeichnet.
Bei solchen Aussagen war es denn auch nicht verwunderlich, dass sich diese Ansicht dann alsbald bis in die Wikipedia und wegen ihres Ansehens immer öfter auch bis in die Lokalzeitungen, wie jetzt beim Südkurier nachzulesen, ausbreitete. Doch nicht nur die Wikipedia/Gunther von Hagens negiert, dass ich die Plastination als neue Methode erfunden habe, wenn sie behauptet: "Von Hagens hat die bereits vor ihm bekannte Methode der Plastination weiterentwickelt". Die Pflegewikipedia/Plastination meint es inzwischen sogar noch genauer zu wissen. Denn sie schreibt: "... die Plastination ... wurde ... dem Arzt Gunther von Hagens (weiter-)entwickelt und für ihn patentiert. Die Methode, Zellflüssigkeit (= im Wesentlichen pures Wasser) unter einem Vakuum durch flüssigen Kunststoff zu ersetzen, ist im Prinzip eine schon viele Jahre in der Histologie bekannte Methode (aber auch in der Archäologie, z. B. beim Schiff Vasa)."

Ein simpler Blick in meinen Körperweltenkatalog (dort S.43) hätte genügt um zu erkennen, dass Plastination etwas ganz anderes ist, nämlich ein "Konservierungsverfahren für verwesliche biologische Präparate, deren Strukturelemente fixiert, vorzugsweise mit Azeton entwässert, mit Reaktionskunststoff wie Silikonkautschuk im Vakuum durchtränkt und anschließend gehärtet werden." Entsprechend wird dort das Plastinat definiert als "Präparat menschlicher oder tierischer Herkunft, dessen Zellen mit Reaktionskunststoff durchtränkt und gehärtet sind."

Im Gegensatz zur behaupteten Ähnlichkeit mit aus der Histologie und der Archäologie bekannten Methode,, werden bei der Plastination also wasserunlösliche Reaktionskunststoffe verwendet, die sich während der Verarbeitung dadurch auszeichnen, dass vom Kunststoffimprägnierbad, durch die kontinuierliche Vakuumextraktion von Aceton gegen die Kunststofflösung, nur jeweils das imprägnierte Kunststoffvolumen (also die ins Plastinat geflossene Kunststoffmenge) des Imprägnierbades verbraucht wird. Im Gegensatz dazu wurde bei dem zitierten Schiff "Vasa" Polyethylenglykol verwendet. Doch Polyethylenglykol ist kein Reaktionskunststoff, also kein Duromer, sondern ein Thermoplast, der bei niedriger Temperatur (je nach PEG-Mischung zwischen 30 und 50 °C) flüssig wird und zudem wasserlöslich ist. Deshalb bleibt dieses Schiff, die Vasa, auch dauerhaft feucht, wird durch den Kunststoff nicht verfestigt und darf nie höheren Temperaturen (+30 bis + 50 °C) ausgesetzt werden, da sonst der Thermoplast Polyethylenglykol = PEG, genauer handelt es sich dabei um PEG-Mischungen, wieder aus dem archäologischen Holz des Schiffes heraustropfen würde.

Nun könnte ich ja in den Wikipedien die verdrehten Fakten richtig stellen lassen, doch kostet dies auch wieder Zeit. So argumentiere ich lieber so: wer sich ernsthaft mit der Plastination auseinander setzt und auch nur etwas vom Patentrecht versteht, wird die Wahrheit über kurz oder lang ohnehin heraus finden. Bei den anderen, ob sie mich nun als Erfinder ansehen oder nicht, dass sollte mir doch egal sein im Sinne von: „Was stört es eine deutsche Eiche, wenn sich ein Schwein an ihr schabt."

(11) Welt-Online vom 21.10.2010: "Besser spekuliert als sich kundig gemacht?"

In einem längeren Artikel übertrifft sich Welt-Online geradezu in an den Haaren herbei gezogenen Spekulationen. Zitate:
(11.1.) "Zur Herkunft der Präparate will er sich jetzt jedoch nicht äußern."
(11.2.) Die Gegner ... "sagen, der Unternehmer hätte wohl nicht Millionen Euro in den Standort an der deutsch-polnischen Grenze investiert, wenn es ihn nur darum gegangen wäre, den Tourismus anzukurbeln."
( 11.3.) "Es ist ein Gerücht, das Gunther von Hagens selber befeuert hat ... In einer Rundmail hat er geschrieben: 'Um die aufwändige Plastinationsforschung fortzuführen' sei es aber notwendig, ‚die begonnene Demokratisierung der Anatomie zu stärken und die Produkte einem größeren Kreis potenzieller Interessenten zugänglich zu machen.' ... Nach den Medizinern, heißt es im Klartext, sollen jetzt auch Normalverbraucher Zugriff auf die Plastinate haben – und zwar weltweit."
(11.4.) "Doch inwieweit das Unternehmen diese Nachweise prüfen oder ausschließen will, dass Käufer die Plastinate zweckentfremden, auf diese Frage bekommt man keine Antwort von dem Unternehmen."
(11.5.) "Seine Kritiker" (gemeint ist der Bürgermeister von Guben, Klaus Dieter Hübner) "haben ihm bis heute nicht verziehen, dass er dem umstrittenen Investor 2006 das städtische Firmengelände vermietet hat, ohne vorher ein Votum der Stadtverordneten einzuholen."

Meine Gegenrede zu den Behauptungen von Welt-Online

(Zu 11.1.) Mich zur Herkunft der Präparate zu äußern habe ich nie abgelehnt. Ich habe letzte Woche lediglich Fragen zum Onlineshop zu beantworten abgelehnt, weil dieser sich noch im Probebetrieb befand. Fragen zur Herkunft der Präparate sind zudem auf unserer Webseite ausführlich erläutert.

(11.2.) Ich bin in Guben weder dazu angetreten, noch war es je beabsichtigt dort den Tourismus anzukurbeln. Die Idee der Eröffnung des Plastinariums wurde mir erst später von Bürgermeister Hübner und Landrat Friese nahe gebracht. Hätte ich jedoch gewusst, dass Bildungsminister Rupprecht nach der Eröffnung des Plastinariums Brandenburger Schulklassen den Schulbesuch ins Plastinarium verbietet, hätte ich es nicht eröffnet.

( 11.3.) Warum meine Feststellung in meiner Rundmail, in der es heißt "Um die aufwändige Plastinationsforschung fortzuführen ist es aber notwendig, die begonnene Demokratisierung der Anatomie zu stärken und die Produkte einem größeren Kreis potenzieller Interessenten zugänglich zu machen" im Klartext jetzt heißen soll, dass auch Normalverbraucher Zugriff auf die Plastinate haben werden – dies erschließt sich mir in keiner Weise. Letztere Feststellung sagt doch, wenn deutsche Sprache Sinn macht, genau das Gegenteil aus.
(11.4.) Die Antwort ist einfach: Ausschließen will ich gar nichts, weil ich das gar nicht kann. Doch das geht Waffenverkäufern wie Ausgabestellen für Betäubungsmittel nicht anders.
(11.5.) Das ist eine glatte Fehlinformation. Ich habe das Votum der Stadtverordnetenversammlung für meine Ansiedlung sogar zur Voraussetzung meines Kommens nach Guben gemacht. Die Stadtverordnetenversammlung stimmte dann mit einer Stimme Mehrheit für die Ansiedlung des Plastinariums.

(12) Deutschlandfunk am 24.10.2010: "Menschen für das Wohnzimmer"

Von allen bisher gelesenen Kritiken zur Eröffnung des Onlineshops finde ich die im Deutschlandfunk gemachten Aussagen am interessantesten. Im DLF hieß es nämlich:

"Goethe hatte keine Hemmungen, sich den Schädel seines viel früher gestorbenen Freundes Schiller auf den Schreibtisch zu stellen. ... Es ist also nicht die Sache selbst, die den Tabubruch markiert. ... Es ist wohl vor allem die frohgemute Öffentlichkeit seines Handelns, ... der um des Spektakels willen eine Obduktion zu mitternächtlicher Stunde live im englischen Fernsehen übertragen ließ."

Mein Kommentar zu den interessanten Feststellungen des DLF

Beginne ich mit meiner Argumentation mit der letzten Feststellung: Die Sendezeit eines solchen „Spektakels" lege nicht ich, sondern die legt der Fernsehsender fest. Wäre die Obduktion vorher durchgeführt worden, würde die Beschwerde sein, dass ich den armen kleinen Kindern, die noch nicht im Bett waren, so etwas nie zumuten hätte dürfen. Doch in der wichtigsten Schlussfolgerung sehe ich mich mit dem DLF auf einer Linie, wenn er schreibt:

"Es ist also nicht die Sache selbst, die den Tabubruch markiert. ... Es ist wohl vor allem die frohgemute Öffentlichkeit seines Handelns". Ja, genau, das ist der Tabubruch um den es mir letztendlich geht. Um diese Öffentlichkeit zu erreichen und mit gutem Beispiel voran gehend zu praktizieren, versuche ich anders als alle anderen Online-Shop Anbieter von Plastinaten von der Körperspende bis zum Preis transparent und damit überprüfbar zu sein, das ist letztendlich mein Ziel, das da global und zusammenfassend mit der Überschrift: "Demokratisierung von Anatomie" zu benennen ist. Anatomie, dem einzigen Fachgebiet, das sich bisher der Kontrolle und Einsicht der Öffentlichkeit entzogen hat. Auch dazu dient der Online-Shop mit Bildern, Preisen und Link zur Körperspende. Damit alsbald auch in den anderen Anatomie-Online-Shops dieser Welt und anderswo nur noch Präparate verkauft werden von Menschen, die sich lebzeitig dafür entschieden haben. Und das sich nicht fortsetzt, was mir immer wieder unterstellt wird, aber was dort, wo es passiert, Niemandem interessiert: Der Leichenklau für Geld, von dem Ruth Richardson dazu in ihrem Klassiker "Death, Dissection and the Destitute" (2000 by "The University of Chicago Press", S. 539) schreibt, dass es doch nie anders war: "Often the bodies of the dead taken by the anatomists were neither from the legally sanctioned number of murderers, nor of those who had sold their own bodies. They were, quite simply, snatched."

Irgendwo muss die Transparenz doch beispielhaft beginnen. Nur dann wird damit Schluss sein, dass in Staaten, wie zuvorderst in China üblich und in anderen wie den USA und Russland nicht ungewöhnlich, Leichenteile von Trauerleichen zum Verkauf entwendet werden, oder das sogar gleich die ganze Leiche geklaut wird. Denn wer kontrolliert schon wo die Leiche ist, wenn der Sarg erst einmal die Gruft hinab fährt.

In der Tat: "Frohgemute Öffentlichkeit meines Handelns", das ist was ich will. So gut habe ich es bisher gar nicht formulieren können. Danke DLF, für diese Wahrheit!

Dr. med. Gunther von Hagens, Guben, den 3. November 2010

  • Offener Brief an die Körperspender zur Plastination

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    Plastinator Gunther von Hagens bei der Vorstellung des Online-Shops für Plastinate. Die Produktpalette umfasst in Kunststoff gehärtete und dauerhaft haltbar gemachte Gestalt- und Scheibenplastinate, wie sie bereits aus den Körperwelten-Ausstellungen bekannt sind.

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