Ein slowakischer Bärendienst

10. November 2010, 16:54
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In der Hohen Tatra kann man nicht nur wandern oder Ski fahren, sondern auch Bären suchen. Meist sieht man da aber mehr als den Ursus arctos

Boris ließ sich nicht austricksen. Das, erklärt Graham Bishop mit einem anerkennenden Lächeln, das müsse man akzeptieren - und das Geschäft hintanstellen. Schließlich gehe es ihm darum, Menschen die Augen für die Natur zu öffnen. Erstens als Guide, zweitens als Umweltschützer und drittens als Unternehmer. Nur, setzt der Brite fort, während er auf seinem Laptop Fotos des Braunbären Boris sucht: "Wie glaubwürdig wäre unser ,Projekt Medwed' (Bär, Anm.), wenn wir authentisch sein wollen, dafür aber faule Tricks brauchen?"

Deshalb findet es Graham Bishop in Ordnung, dass der 250-Kilo-Bär ihm und den Rangern des Nationalparks Hohe Tatra eine lange Nase zeigte: Man wollte Boris einfangen, um ihm einen Kragen mit GPS-Sonde zu verpassen. Zehn Tage lang belauerte der Bär die Falle, erzählt Bishop: "Aber er ist nicht hineingegangen. Nicht so weit, dass sich das Gitter hätte schließen können."

Hunderte Fotos einer automatischen Kamera belegen das: Ein riesiger Bär vor einer Kiste. Mit Datum und Uhrzeit. Irgendwann ließ Boris Falle Falle und Köder Köder sein - und trollte sich. Und wenn Graham Bishop frühmorgens mit Gästen des Hotel Kempinski in der Hohen Tatra auf Bärensuche geht, sucht er am Laptop die Positionssignale, die zwei andere - weniger große, weniger schlaue - Tatra-Braunbären aussenden - und fährt dann in die angezeigte Region des slowakischen Gebirgsstocks.

Vor Ort wird dann aber höchstens per Fernglas nach dem Bären und seinen Spuren gesucht - und gegebenenfalls querfeldein gewandert: "In anderen Ländern legt man Köder aus - und führt Besucher an diese Futterstellen. Aber das ist nicht das Bild der Natur, das wir zeigen wollen. Uns geht es auch um Authen-tizität - denn ohne sie gibt es keinen Respekt." Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Tagestrip einen Bären zu sehen, beziffert Bishop mit 40 Prozent. De facto sei sie zwar höher, "aber die Natur wollen und können wir nicht steuern."

Bären sind aber ohnehin nur der Schuhlöffel. Der Köder. Oder - Neudeutsch - der USP. Denn wer sich auf die Suche nach den Bären der Hohen Tatra macht, findet mehr. Ringsum - aber auch in sich: "Wer Bären sucht, lernt Schauen und Sehen. Wir öffnen den Menschen die Augen für das, was uns alle umgibt."

Dass es den Briten Bishop dafür ausgerechnet in die Hohe Tatra verschlagen hat, hat mehrere Gründe: Zum einen ist es die Vielfalt der Gattungen, die hier - keine vier Stunden Fahrt von der österreichischen Grenze entfernt - zu finden ist. Neben Bären sind das Wölfe, Luchse, europäische Bisons, Tatra-Gämsen, Rot- und Niederwild und eine vielfältige Vogelwelt in einer Landschaft, die ihresgleichen sucht - in jeder Hinsicht.

Denn unter den schroffen, bis zu 2500 Meter hohen Gipfeln und in den malerischen, schier endlosen Wäldern ist die 30 Kilometer lange, drei Kilometer breite Schneise, die im November 2004 ein Orkan mit 170 km/h binnen einer halben Stunde schlug, noch deutlich zu sehen. Ein Beweis der unbändigen Kraft der Natur. Und ein Menetekel für die Menschen: An den durchwegs nach Süden gerichteten Hängen der slowakischen Seite der Hohen Tatra, einem von jeher als Geheimtipp für touren- und kostenbewusste Familienskifahrer geltenden Gebiet, werden gerade all jene Fehler wiederholt, die österreichische Bergtäler reich, aber auch zu Sklaven des ressourcenvernichtenden Massentourismus machten. Hochpotente Lifte, großflächige Beschneiungsanlagen und riesige Wasserreservoirs werden aus dem und in den Boden gestampft. Um die immensen Errichtungs- und Betriebskosten hereinzuspielen, müssen dann immer mehr Gäste immer länger auf den Berg.

Das erste Opfer der Gier ist immer die Stille. Das zweite dann der Lebensraum. Auch der von Tieren, von denen viele Menschen gar nicht mehr wissen, dass sie hier leben. Und das, obwohl weite Gebiete der Tatra ein Nationalpark sind, der seit 1993 auch unter Unesco-Schutz steht: Beim Wandern an wildes Campieren zu denken ist eine ebenso naheliegende wie schlechte Idee. Nicht wegen Petz und Isegrimm.

Doch trotz des slowakischen Stolzes auf Schönheit und Vielfalt der Region stellen wachsende Siedlungen und die auf rund 100 bis 200 Tiere geschätzte Bärenpopulation ein Konfliktpotenzial dar. Auch wenn "echte" Problembären die absolute Ausnahme sind. "Es ist wie bei Haien", erzählt Bishop. "Wenn unsere slowakischen Mitarbeiter fragen, ob es Probleme mit Bären gibt, sagen die Bürgermeister: 'Ja, große Probleme.' Wenn sie fragen, 'wie groß', heißt es: 'sehr groß' - obwohl es kaum Vorfälle gibt: Es ist vor allem ein Problem in den Köpfen."

Solche Probleme, weiß der Adventure-Guide, der schon in Peru Trecks führte, löst man nicht mit Argumenten, sondern emotional - über Erlebnisse. Und mit Imagewerten: Auch wenn die Bärenwanderungen kein Massenprodukt sind oder werden sollen, verstehen die regionalen Politiker die Sprache der Automarken und -kennzeichen, die da vor den teuren Hotels der Region stehen.

Und wenn Steuern-, Umsatz- und Jobbringer wie Gerd Ruge, der aus Hamburg stammende Chef des aufwändig, teuer, aber auch mit viel Herz vom heruntergekommenen KP-Sanatorium zu einem stilvollen Grand Hotel restaurierten Tatra-Kempinskis, sich demonstrativ hinter ein Projekt wie das der Bärenwanderer stellen, dann wird dieses Zeichen ringsum verstanden. Es ist ein Signal. Ein Hinweis auf eine Ergänzung zum Massentourismus.

Denn gerade die verwöhnte Fünfsterneklientel ist bereit, in aller Herrgottsfrüh und ohne Garantie, dem Ursus arctos zu begegnen, aufzubrechen. Bei Zwei- oder Dreitageswanderungen verzichtet sie - in einfachen Lodges - zugunsten des Sternenhimmels auf Sternekomfort.

Und wenn Gordon Bishop mit einem Ast ein Stück felliger Hundekacke ("Das ist Wolfsdung. Von einem jungen Wolf. Da sind weniger Knochenreste drin.") am Wegrand zerlegt, leuchten die Augen von Leuten, die am Abend zuvor prahlten, was sie nicht alles gesehen hätten.

Gordon Bishop überrascht das nicht: Er bringt Menschen das Sehen bei. Die Bären der Tatra sind dafür zwar wichtig - aber doch auch bloß Mittel zum Zweck. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD/Printausgabe/6.11.2010)

Fotos gibt's in dieser Ansichtssache.

-> derStandard.at/Reisen auf Facebook.

  • Bären auf dem Berg sind wie Haie im Meer: Gefährliche Vorkommnisse sind äußerst selten - bleiben aber lang in den Köpfen präsent.
Inforamtionen: stunningslovakia.com
Mehr Fotos gibt's in dieser Ansichtssache.
    foto: www.stunningslovakia.com

    Bären auf dem Berg sind wie Haie im Meer: Gefährliche Vorkommnisse sind äußerst selten - bleiben aber lang in den Köpfen präsent.

    Inforamtionen: stunningslovakia.com

    Mehr Fotos gibt's in dieser Ansichtssache.

  • Natürlich kann man auch fliegen: Vom Flughafen Krakau sind es dann zwei Stunden mit dem Auto bis in den Nationalpark. Bloß: wozu? Regionalzüge von Wien nach Bratislava gibt es schließlich zuhauf - und die Bahnfahrt von Bratislava nach Poprad dauert vier Stunden. Die zweite Klasse ist zwar meist knackevoll, aber das Erste-Klasse-Ticket kostet nur 25 Euro (Vollpreis). Die Bahnfahrt durch die Slowakei ist auch optisch ein Erlebnis - und im Gegensatz zu österreichischer und deutscher Speisewagentristesse liegt in slowakischen Speisewagen eine umfangreiche Karte mit teils deftiger Kost auf - die oft tatsächlich im Zug zubereitet wird.
    foto: www.zsr.sk

    Natürlich kann man auch fliegen: Vom Flughafen Krakau sind es dann zwei Stunden mit dem Auto bis in den Nationalpark. Bloß: wozu? Regionalzüge von Wien nach Bratislava gibt es schließlich zuhauf - und die Bahnfahrt von Bratislava nach Poprad dauert vier Stunden. Die zweite Klasse ist zwar meist knackevoll, aber das Erste-Klasse-Ticket kostet nur 25 Euro (Vollpreis). Die Bahnfahrt durch die Slowakei ist auch optisch ein Erlebnis - und im Gegensatz zu österreichischer und deutscher Speisewagentristesse liegt in slowakischen Speisewagen eine umfangreiche Karte mit teils deftiger Kost auf - die oft tatsächlich im Zug zubereitet wird.

  • Auch wenn die Slowakei große Bergsteiger hervorgebracht hat, kann der zweithöchste Berg des Landes, die Lomnitzer Spitze (2634), von jedem "erklommen" werden: Eine Kabinenbahn führt von 900 bis auf 1765 Meter. Dort kann man spazieren und den Blick auf das Hügelland um Poprad genießen oder per Seilbahn zum Gipfelsturm antreten. Doch Achtung: Es geht nirgendwohin weiter. Zwei gefahrlose, kurze Gitterrostwege zu Aussichtspunkten sind durchgehend von Geländern eingefasst. Beim Verlassen der Gondel erhält jeder Besucher eine Zählkarte: Nach exakt 50 Minuten, wenn die Nummer aufgerufen wird, geht es wieder hinunter.
    foto: kempinsky

    Auch wenn die Slowakei große Bergsteiger hervorgebracht hat, kann der zweithöchste Berg des Landes, die Lomnitzer Spitze (2634), von jedem "erklommen" werden: Eine Kabinenbahn führt von 900 bis auf 1765 Meter. Dort kann man spazieren und den Blick auf das Hügelland um Poprad genießen oder per Seilbahn zum Gipfelsturm antreten. Doch Achtung: Es geht nirgendwohin weiter. Zwei gefahrlose, kurze Gitterrostwege zu Aussichtspunkten sind durchgehend von Geländern eingefasst. Beim Verlassen der Gondel erhält jeder Besucher eine Zählkarte: Nach exakt 50 Minuten, wenn die Nummer aufgerufen wird, geht es wieder hinunter.

  • Der Blick auf das über 100 Jahre alte Kurhaus am idyllischen Tschirmer See auf 1351 Metern erinnert an die alten Villen und Hotels auf dem Semmering. Doch wer den Gedanken an Panhans und Co bei Betreten des zum Nobelhotel restaurierten Hotels Kempinski nicht rasch ad acta legt, riskiert trotz und wegen Interieurs, Ambientes und Hammer-Panoramas (Bergsee, Gipfel, Wald und Skisprungschanze), in Depressionen zu verfallen: Das nach dreijähriger Sanierung eröffnete Haus spielt alle Stückerln, die ein Luxushotel spielen können soll - und zeigt, was am Semmering mit Mut und Ideen (und viel Geld) vielleicht möglich wäre.
 
    foto: kempinski

    Der Blick auf das über 100 Jahre alte Kurhaus am idyllischen Tschirmer See auf 1351 Metern erinnert an die alten Villen und Hotels auf dem Semmering. Doch wer den Gedanken an Panhans und Co bei Betreten des zum Nobelhotel restaurierten Hotels Kempinski nicht rasch ad acta legt, riskiert trotz und wegen Interieurs, Ambientes und Hammer-Panoramas (Bergsee, Gipfel, Wald und Skisprungschanze), in Depressionen zu verfallen: Das nach dreijähriger Sanierung eröffnete Haus spielt alle Stückerln, die ein Luxushotel spielen können soll - und zeigt, was am Semmering mit Mut und Ideen (und viel Geld) vielleicht möglich wäre.

     

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