Kinect im Test: Top oder Flop?

    8. November 2010, 13:05
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    Solide Technik hadert mit Ineffizienz und Platzproblemen - Unkomplizierte, aber seichte Games

    Als Microsoft "Project Natal" vor gut einem Jahr auf der Spielemesse E3 enthüllte, wurde eine neue Ära der Videospiele angepriesen. Mit Hilfe einer Sensorleiste sollten künftig die Bewegungen des Menschen direkt erfasst werden. Damit würde die letzte Hürde, die zwischen dem Spieler und dem Videospiel stünde, genommen: Der Controller. Hollywood-Ikone Steven Spielberg versicherte nach einer Reihe rudimentärer Demos, dass dies auch wirklich das nächste große Ding sei. Nicht zuletzt hatte er mit spektakulär inszenierten Computersystemen im Sci-Fi-Spektakel "Minority Report" vor rund 10 Jahren schon etwas Ähnliches (wenngleich ungleich Fortschrittlicheres) erträumt.

    Die Tage der Träumerei sind vorbei, die Vision muss sich der Realität stellen. Aus Project Natal ist das fertige Produkt "Kinect" geworden: Ein 150 Euro teures Peripheriegerät für Xbox 360, das einen Infrarotsensor, eine RGB-Kamera und Mikrofone integriert, um Videospiele ganz ohne Controller steuern zu können. Der WebStandard hat sich vielen verschwitzten Stunden des Testens hingegeben, um hinter das Versprechen zu blicken. Im Folgenden lesen Sie, dass die Technologie funktioniert, welche Chancen und Limitierungen sie mit sich bringt und warum "der Controller" damit nicht zu ersetzen ist.

    Technologie: Durchdacht, aber Platzprobleme

    Über technische Details wurde im Vorfeld ausführlich berichtet, deshalb die Fakten in aller Kürze: Die Sensorleiste integriert einen Infrarotsensor, der die Bewegungen des menschlichen Körpers anhand von 48 Schlüsselstellen in alle Richtungen erfassen kann. Details, wie einzelne Finger, werden nicht registriert. Eine gewöhnliche RGB-Kamera dient zur Aufnahme von Fotos und Videos. Die Auflösung ist auf 640x480 Bildpunkte bei 30 Bildern pro Sekunde beschränkt. Zu guter Letzt dienen vier Mikrofone zur Erkennung von Sprachbefehlen. Kinect wird per USB-Anschluss (bei alten Konsolen braucht es einen separaten Stromanschluss) mit der Konsole verbunden.

    Ein großes technisches Manko der rein körperbasierten Steuerung ist der relativ weite Abstand, der zwischen Sensor und Nutzer gegeben sein muss, um Kinect-Games spielen zu können. Microsoft empfiehlt mindestens 1,8 Meter für Einzelspieler-Erlebnisse und über 2 Meter für Zweispieler-Partien. Gerade aber bei größeren Erwachsenen und bewegungsintensiven Sportspielen sind der Erfahrung nach selbst bei Soloauftritten wenigstens 2 Meter zu empfehlen, zu zweit sollten es gut 2,5 Meter sein. Der Sensor kann dafür unterhalb oder oberhalb des Fernsehers positioniert werden. Letzteres ist praktisch, um Abstand zu gewinnen, dürfte in einigen Fällen jedoch den Erwerb einer speziellen Halterung voraussetzen, da Kinect zu groß ist, um es auf den Rahmen eines Flachbildfernsehers zu setzen.

    Die Erstkalibrierung erfolgt mühelos. Hier richtet sich der Sensor automatisch ein und registriert den Konsolen-Nutzer, um ein biometrisches Profil abzuspeichern. Anhand dessen kann ein Spieler etwa automatische einem Account (bzw. Avatar) zugeordnet werden. Kinect sollte keiner direkte Sonneneinstrahlung ausgesetzt sein, ansonsten lässt sich das System nicht aus dem Takt bringen - herumtollende Freunde im Hintergrund sind kein Problem. Die Qualität der RGB-Kamera ist mangelhaft, was nicht nur an der Auflösung, sondern auch an der geringen Lichtempfindlichkeit liegt. Für schöne Fotos und Videos sollte daher lieber eine Lampe zu viel angedreht sein.

    Umständlicher Fernbedienungsersatz

    Neben dem Spielen kann Kinect zur Navigation durch andere Inhalte der Xbox genutzt werden. Dies erinnert in der Theorie zumindest an "Minority Report", erweist sich in der Praxis allerdings als überaus umständlich. So kann man nicht einfach durch das bestehende Dashboard navigieren, sondern muss per Winken einen eigenen Kinect-Hub aufrufen. Von hier aus lassen sich mit der Hand über einen 1 zu 1 abgebildeten Cursor ausgewählte Menüpunkte (aber nicht alle) der Konsole anwählen - einschließlich Videochat und dem Online-Filme-Service Zune. Um eine Anwendung auszuwählen, lässt man die Hand für einige Sekunden über dem entsprechenden Feld verweilen. Mit derartigen Gesten kann man so auch ohne Controller einen Film ansehen und alle typischen Funktionen wie Pause und Spulen bedienen. All dies sieht bei der Erstvorführung etwas futuristisch aus, ist tatsächlich aber langsam, ermüden, unpräzise und könnte in einem Bruchteil der Zeit mit wenigen Tastendrücken erledigt werden.

    (Im Video: Die controllerlose Bedienung des Xbox-Dashboards und des Film-Stores Zune)

    Alternativ dazu erlaubt Kinect die Eingabe von Sprachbefehlen - bislang allerdings nicht im deutschsprachigen Raum. Aufgrund eines Region-Locks kann man seiner Konsole auch nicht auf Englisch zureden. Ein Update soll im Frühjahr 2011 erfolgen.

    Kinect Games: Kaum Hits und jede Menge Eintagsfliegen

    Jede Hardware verkauft sich über die Software, heißt es. Das Spieleportfolio zum Start umfasst 17 Titel. Die Variation beschränkt sich auf Tanz, Party, Family-Games, Sport und Fitness. Repräsentativ standen die Werke "Kinect Adventures" (inkludiert), "Kinect Sports", "Your Shape", "Dance Central", "Kinectimals" und "Joy Ride" bereit. Kinect-Spiele kosten mit 40 Euro etwas weniger als gewöhnliche Xbox-Spiele im Handel.

    (Im Video: Eine Auswahl an Kinect-Games. Im Bild zu sehen sind Zsolt Wilhelm von derStandard.at und Martin Pauer von Consolero.at.)

    "Kinect Adventures" liegt Kinect bei und ist eine Ansammlung von Minigames, die allein oder zu zweit gemeistert werden dürfen. Vom Wildwasser-Rafting, über eine Art Squash bis hin zur Hürdenfahrt auf Schienen wird die Funktionsweise von Kinect gut zur Schau gestellt. Besonders schön gelöst ist der jeder Zeit mögliche Ein- und Ausstieg eines zweiten Spielers. In Summe fehlt es Kinect Adventures aber an Inspiration und Tiefgang, um länger als für drei Vorführabende zu fesseln.

    "Kinect Sports" ist umfangreicher ausgefallen, hätte als Beilege-Werk aber auch eine bessere Figur gemacht, denn als 50 Euro Fastvollpreistitel. Hier darf man sich in Bewerben wie Fußball, Tischtennis, Boxen, Volleyball, Bowling oder Leichtathletik miteinander messen. Es macht Spaß, sich mit Freunden vor dem Fernseher zu verbiegen, solange die nächste Pause in Sichtweite ist. Denn zum einen ist es natürlich körperlich anstrengend so zu tun, als würde man sporteln und andererseits, sind die erforderten Bewegungen rein grobmotorischer Natur. Das ist Fußball für personifizierte Tippkicker-Maxerln, für Tischtennis braucht man sprichwörtlich kein Händchen und Boxen bedeutet Fuchteln. Kinect Sports ist damit in etwa auf dem Spaß-Niveau des 2006er-Hits "Wii Sports". Einfache Party-Unterhaltung, die von kurzer Dauer ist.

    "Dance Central" ist bislang das einzig durchgehend überzeugende Werk für Kinect, sofern man in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher Tanzen lernen möchte. Zu Disco- und R'n'B-Hits gilt es Tanzschritte und Choreografien nachzuahmen. Je genauer man sich bewegt, desto mehr Punkte erhält man. Die Musik ist sicher eine Geschmacksfrage, die Technik funktioniert einwandfrei. Einziger Wermutstropfen: Nur ein Tänzer darf auf die Bühne.

    "Your Shape: Fitness Evolved" hätte das Potenzial dazu, der ultimative "Wii Fit"-Killer zu sein. Die Software erfasst die körperlichen Eigenschaften des Spielers und stellt ein Fitness-Programm aus Ausdauer-Übungen und Balance- und Yoga-Einheiten bereit. Der Körper wird etwas rudimentär 1 zu 1 im virtuellen Trainingsraum abgebildet und wird so zum Alter Ego beim digitalen Schattenboxen. Mit Sicherheit eines der geeignetsten Einsatzgebiete für Kinect, wäre der Umfang nur nicht gar so dürr ausgefallen.

    "Kinectimals" bringt ein virtuelles Haustier zum Streicheln und Spielen. Die Umsetzung ist familienfreundlich und richtet sich dezidiert an Kinder. So kann man der Babyraubkatze Tricks beibringen oder sie einen Ball holen lassen und viele Sachen mehr, für die man in Echt jede Menge Zeit und Geld investieren müsste. Erwachsene mögen ebenfalls verzückt hinlinsen, die Begeisterung mag jedoch recht bald abklingen.

    "Joy Ride" ist wie einige Bewerbe von Kinect Sports der beste Beweis, weshalb (Motion-)-Controller (noch) nicht ersetzbar sind. Ein Auto mit Händen in der Luft zu lenken, ist nicht nur unpräzise, sondern macht auch kaum Spaß. Das ist ein Arcade-Racer ohne jeglichen Anspruch - nicht einmal Gas oder Bremse müssen betätigt werden.

    Eingeschränktes Spielepotenzial?

    Das anfängliche Spieleangebot von Kinect ist für eine neue Technologie ebenso vorhersehbar wie zufriedenstellend. Es zeigt, dass das System funktioniert. Die Spiele bieten einen unkomplizierten Einstieg und schnelle Unterhaltung für jede Art von Anwender. Die geringe Variation und der mangelnde Tiefgang sind jedoch der Grund, weshalb man sich mit der Anschaffung von Kinect am Besten noch Zeit lassen kann.

    Das Angebot wirft indes einige Fragen auf. Was ist mit dieser Technologie noch möglich? Bleibt es bei der Genre-Auswahl. Wird es auch tiefgehende Werke geben, die länger als eine halbe Stunde pro Abend fesseln? Es sind tatsächlich bereits einige neue Werke wie Horror-Games oder Action-Spiele angekündigt worden, aber wie lustig wird es, diese mit Hand und Fuß zu spielen?

    Ein Problem, das sich aus dem bisher Gespielten ableiten lässt, ist die mögliche Limitierung. Oft ist die Steuerung ungenau oder verzögert. Für jede feinere Geste würden einzelne Finger benötigt. Es fehlt jegliches haptisches Feedback, weshalb oftmals kein echtes Gefühl der Kontrolle entsteht. Hier werden die Entwickler sich etwas einfallen lassen müssen, selbst wenn dies einen Griff zurück zum Controller bedeuten könnte.

    Vergleich

    Kinect kann als fortschrittlichere Version der Kamerasteuerung "EyeToy" betrachtet werden. In der Anwendung haben beide Systeme viele Gemeinsamkeiten, wobei Kinect zweifellos präziser arbeitet. Aber wie schneidet Kinect im Vergleich zu "Wii" (mit und ohne MotionPlus) und "PlayStation Move" ab?

    (Im Video: System-Vergleich zwischen Kinect, PlayStation Move und Wii MotionPlus. Das Video soll zeigen, welche Bewegungen benötigt werden, um Spielen zu können. Beispielsweise bewegt sich die Spielfigur bei Wii von selbst, Hangelenksbewegungen werden erkannt. Bei Kinect wird keinerlei Bewegung des Handgelenks registriert, weshalb Bälle nur bedingt kontrolliert werden können. Es gibt auch kein haptisches Feedback. PlayStation Move erkennt jegliche Art der Arm- und Handbewegung und der Spieler muss sich in alle Richtungen selbst bewegen. Damit kommt "Sports Champions" am nähesten an echtes Tischtennis heran.)

    Nun mit seiner Ganzkörpererfassung hat Kinect definitiv eine Eigenheit, die es von der Konkurrenz unterscheidet. Das macht es schlagartig zum interessanteren System für Fitness und Tanz. Auf der anderen Seite macht sich der Mangel eines Controllers des Öfteren negativ bemerkbar. So erfolgt die Spiele-Steuerung bei der Wii Remote (vor allem mit MotionPlus) und umso mehr bei PlayStation Move deutlich genauer und effizienter. Das gibt beiden Systemen die Oberhand bei den Einsatzmöglichkeiten und der Spielevariation. Genre wie Shooter, Strategie, Action werden mit Kinect nur schwer abgedeckt werden können. Die mangelnde Präzision und die fehlenden Tasten verhindern oftmals anspruchsvollere Erlebnisse. "Wii Sports Resort" und "Sports Champions" (PS3) sind im Vergleich zu "Kinect Sports" etwa die klar fesselnderen Titel. Auch brauchen Wii und Move im Vergleich zu Kinect weniger Platz und lassen sich in den meisten Fällen im Sitzen verwenden.

    Kinect und PlayStation Move teilen Funktionen wie Spracheingabe und Video. Hier ist zu hoffen, dass die Plattformen von einander lernen werden. Die Augmented Reality-Games der PS3 wie "Start a Party" oder "EyePet" sollten Kinect-Entwickler definitiv zum Vorbild nehmen. Der PlayStation 3 wiederum würde eine Sprachnavigation für das Menü ebenfalls gut stehen.

    Die Kostenfrage nach UVP:

    Kinect kostet ohne Konsole 150 Euro und unterstützt damit bis zu zwei Spieler. Das Bundle mit Xbox 360 (4 GB) kostet 300 Euro.

    PlayStation Move kostet 60 Euro, ein zweiter Controller kostet 40 Euro. Das Bundle mit PS3 (320 GB) kostet 350 Euro.

    Eine Wii kostet 200 Euro, ein weiterer Controller kostet rund 40 Euro.

    Kaufentscheidung

    Stellen Sie sich folgende Fragen: Habe ich 2 bis 2,5 Meter Platz zwischen mir und dem Fernseher bzw. Kinect-Sensor? Und werde ich bereit sein, das Couch-Tischerl jedes Mal zum Spielen wegzustellen? Erst wenn Sie diese Fragen mit "ja" beantworten können, sollten sie überhaupt über die Anschaffung von Kinect nachdenken.

    Sollten Sie kein Platzproblem haben, nehmen Sie als Entscheidungsgrundlage den Preis und das Spiele-Portfolio. Sagt beides zu, steht dem Vergnügen nichts im Wege.

    Fazit

    Kinect bietet unkomplizierte Unterhaltung für Partys und Fitness-Stunden, die kaum einer Erklärung bedarf. Also genau das, was Microsoft erzielen wollte, um die auf Hardcore-Games fixierte Zielgruppe der Xbox 360 zu erweitern. Die controllerlose Steuerung hinterlässt bei Erstnutzern einen Wow-Effekt, der allerdings nach kurzer Zeit schon abklingt. Danach entscheiden Anwendbarkeit und Games über Zuspruch oder Missfallen. In manchen Fällen wie "Dance Central", "Kinectimals" oder "Your Shape" überzeugt die Steuerung dauerhaft. Überall dort, wo es um Präzision und Schnelligkeit geht, wünscht man sich einen Controller herbei. Die Menüführung ist langatmig und umständlich. Bei Spielen wie etwa Bowling oder Tischtennis mangelt es an haptischem Feedback und Genauigkeit, um zu fordern. Man darf gespannt sein, was Microsoft und Co. nachlegen werden. Aber es ist zu erwarten, dass Wii und insbesondere PlayStation Move auch künftig das vielseitigere und anspruchsvollere Spieleangebot bieten werden. Etwaige Platzprobleme bei der Einrichtung von Kinect könnten zum Stolperstein werden. Der hohe Anschaffungspreis und das dünne Spielportfolio laden zum Abwarten ein. Zum Start ist Kinect jedenfalls bereits ein solides und unterhaltendes Produkt, aber noch weit von der Vision entfernt.

    Ausblick

    Mit mehr als 2,5 Metern Abstand betrachtet, wirkt Kinect wie der Anfang einer weiten Reise. Laut Microsoft soll die Technologie eines Tages bei PCs, Handys oder Robotern Einzug halten und Computersysteme intelligenter machen. Kinect kann damit als Trojanisches Pferd für eine Vision der Zukunft gesehen werden. Dass derartige Systeme schon bald auch außerhalb von Games eine Rolle spielen werden, wird aber nicht nur Microsoft allein zu verdanken sein. So bietet eine Reihe von Herstellern ähnliche Produkte an. Die größte Hürde für fortschrittlichere Versionen von Kinect ist bislang der relativ hohe Preis. Fällt der, werden künftig auch TV-Geräte-Hersteller oder Autobauer derartige Systeme integrieren. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 8.11.2010)

    Anm.: Herzlichen Dank an Martin Pauer von consolero.at für die Unterstützung bei der Umsetzung, dem Dreh und Schnitt der Videos!)

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