Zehn Meter Koralmbahn

7. November 2010, 22:07
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Langsam lichten sich die herbstlichen Sparbudgetnebel, und es wird immer offensichtlicher, wie dramatisch die Folgen für viele Bereiche der Forschung in Österreich sein werden. Besonders hart trifft es die kleineren außeruniversitären Einrichtungen vor allem in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften, die vielfach vor dem Ende ihrer Existenz stehen. Aber auch die Unis sind hart getroffen und können sich Geräteanschaffungen fürs erste abschminken.

Bis 2014 will das Wissenschaftsministerium im Bereich der außeruniversitären Forschung 28,1 Millionen einsparen: vier Millionen Euro 2011 und ab dann jährlich 8 Millionen. Konkret bedeutet das, dass knapp 50 Einrichtungen noch bis Mitte 2011 ihre Basisfinanzierung kriegen und diesbezüglich ab 1. Juli vor dem Nichts stehen. Etliche davon werden diese drastischen Kürzungen wohl nicht überleben.

Die Liste der betroffenen Institute ist lang und ihre wissenschaftliche Qualität schwer vergleichbar. Angesehene und international tätige Forschungseinrichtungen wie das Erwin-Schrödinger-Institut für mathematische Physik (ESI), das Internationale Forschungsinstitut Kulturwissenschaften (IFK) oder das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) sind ebenso darunter wie das Institut für Höhere Studien (IHS), das Zentrum für Soziale Innovation (ZSI), das Österreichische Institut für Internationale Politik (ÖIIP) oder das Europäische Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, die eher anwendungsorientierte Forschung auf hohem Niveau betreiben. Viele der betroffenen Institute gerade auch im sozialwissenschaftlichen Bereich werben zudem eine ganze Menge an Drittmittel aus der EU ein.

Von der Radikalkürzung ausgenommen sind die Institute der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft (LBG), die erst kürzlich reformiert wurde. Sie seien mit ihrem Budget von über drei Millionen Euro zu groß, heißt es. Der Fortbestand sei ihnen herzlich vergönnt. Vielleicht hat es auch geholfen, dass an der LBG-Spitze Raiffeisen-General Christian Konrad steht.

Noch wichtiger als die Drittmittel ist der wissenschaftliche Mehrwert von Instituten wie dem ESI, dem IFK oder dem IWM in puncto Nachwuchsförderung und Internationalisierung. Durch die Vernetzung mit Spitzenforschern und internationalen Top-Unis wie Harvard, Oxford, Princeton oder ETH Zürich profitieren natürlich auch die heimischen Uni-Forscher sowie der Forschungsstandort insgesamt.

In - Daumen mal Pi - dreißig der vierzig Fälle ist dieser Standort übrigens Wien. Da wird auch gerade über Budgets verhandelt. Man darf freilich davon ausgehen, dass die Stadt Wien wohl nicht für den Bund einspringen wird. Offen allerdings bleibt die Frage, was mit Instituten wie dem IWM passieren wird, bei dem sich bisher Bund und Stadt die Basisfinanzierung teilten.

Die betroffenen Institute sind vergleichsweise billig. Die Basisfinanzierung des international evaluierten und für exzellent befundenen ESI beträgt zum Beispiel 750.000 Euro jährlich. Das sind gerade einmal die Kosten von zehn Metern der 130 Kilometer langen Koralmbahn. Aber unsere Regierung scheint im Moment weniger in kluge Köpfe, sondern lieber in Bohrköpfe zum Tunnelbohren investieren zu wollen.

Die Schaden für den Wissenschaftsstandort Österreich sind angesichts der geringen Einsparungen in jedem Fall enorm. Gerade durch die internationale Vernetzungsarbeit von Instituten wie dem ESI, dem IFK oder dem IWM haben sich die dramatischen Nachrichten in der Wissenschaftswelt längst herumgesprochen. Wissenschaftsministerin Karl in der Zwischenzeit allein rund 100 Protestbriefe auch von Nobelpreis- und Fields-Medaillengewinnern erhalten, die gegen die Einsparungen beim ESI protestieren. Daneben läuft auf lokaler Ebene die Protestplattform wissenschaft.research.at, auf der auch schon über 3000 Personen gegen den budgetären Kahlschlag der Wissenschaft mit ihrer Unterschrift gezeichnet haben.

Ob sich dadurch noch etwas verhindern lässt, bleibt abzuwarten. Angeblich gibt es geringe Sondermittel im Ministerium, mit denen das eine oder andere Institut an einer Universität weiterfinanziert werden soll. Nach welchen Gesichtspunkten diese Auswahl getroffen wird, bleibt abzuwarten. Wissenschaftliche Qualität war bei den bisherigen Kürzungen klarerweise kein Kriterium.

Politische Legitimationsbeschaffung könnte hilfreich sein. Bernhard Felderer, Chef des von den Kürzungen bedrohten IHS, hat - als so ziemlich einziger Experte überhaupt - den Koralmtunnel jedenfalls schon einmal für volkswirtschaftlich sinnvoll erklärt.

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