Verbale Kopfnüsse für Obama in Indien

7. November 2010, 18:36
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Die Kokosnüsse wurden zwar von den Palmen geholt, um dem US-Präsidenten unliebsame Überraschungen zu ersparen. Seine ersten Auftritte in Indien bescherten Barack Obama allerdings verbale Kopfnüsse der Medien

Vorsorglich ließen Sicherheitsbeamte sogar die Kokosnüsse von allen Palmen klauben, in deren Nähe Barack Obama kommen könnte - aus Angst, eine der Früchte könnte dem US-Präsidenten am Ende noch auf den Kopf fallen. Noch bis Dienstag weilt Obama in Indien. Doch nach der Niederlage seiner Partei bei der Kongresswahl nutzte er seine erste Visite im Gandhi-Land zunächst vor allem, um in Amerika Boden gutzumachen.

Beinahe jubelnd kündigte er an, dass US-Konzerne am Rande der Reise Aufträge in Höhe von zehn Milliarden Dollar ergattern oder einfädeln würden. Diese Deals "werden zu mehr als 50.000 Jobs in den USA führen".

"Obama will Jobs für die USA, bietet aber wenig"

Dagegen war in Indien, ganz anders als bei dem Besuch von Obamas Vorgänger George W. Bush 2005, von Hochstimmung zunächst nichts zu spüren. "Obama will Jobs für die USA, aber bietet wenig im Gegenzug", titelte die Mail Today. "Seine Rede vor der US-indischen Wirtschaftskammer zielte fast gänzlich auf die Wähler zuhause", so die Zeitung. Den Indern habe er dagegen kaum mehr als "Plattitüden und Versprechen" geboten.

Zwar mühte sich Obama, die Gastgeber zu umschmeicheln. Doch der US-Präsident, der von seiner Frau Michelle und einer 215-köpfigen Wirtschaftsdelegation begleitet wird, machte kaum einen Hehl daraus, dass er Indien vor allem als Absatzmarkt sieht, um die US-Wirtschaft anzukurbeln und Jobs zu schaffen.

Gedenkrede enttäuschte Erwartungen

Auch seine Gedenkrede für die Opfer der Terrorattacke in Mumbai 2008 enttäuschte manche Erwartungen. Die Inder glauben, dass die in Pakistan sitzende Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba hinter dem Blutbad steckt, der auch Kontakte zum Geheimdienst ISI nachgesagt werden. Doch Obama habe Pakistan mit keinem Wort erwähnt, kritisierten die Medien.

Das änderte sich am Sonntag. In einer Rede vor Studierenden in Mumbai, wo er Samstag angekommen war, verurteilte Obama den islamischen Extremismus in Pakistan scharf. Wörtlich sagte er: "Wir werden mit der pakistanischen Regierung zusammenarbeiten, um diesen Extremismus auszuradieren, den wir für ein Krebsgeschwür halten, das das Land potenziell verschlingen kann."

Kaschmir-Konflikt

Dass Obama den Kaschmir-Konflikt anspricht, wird hingegen nicht erwartet. Die Inder reagieren auf Einmischung Dritter in dieser Frage höchst sensibel. Der Aufstand ist in den letzten Monaten wieder massiv aufgeflammt. Indien wirft Pakistan vor, die Extremisten zu sponsern und den Aufstand anzufachen. Doch die große Mehrheit der Kaschmiris will laut Umfragen weder zu Indien noch zu Pakistan gehören, sondern die Unabhängigkeit. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, STANDARD-Printausgabe, 08.11.2010)

  • Im indischen Bhopal haben Aktivisten der "Revolutionary Youth Front of India" (RYFI) gegen Obama protestiert und gezündelt
    foto: epa/sanjeev gupta

    Im indischen Bhopal haben Aktivisten der "Revolutionary Youth Front of India" (RYFI) gegen Obama protestiert und gezündelt

  • Fokus Kaschmir
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