Elvis mit Bleifuß

7. November 2010, 17:35
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Die dänische Band Volbeat gastierte im ausverkauften Wiener Gasometer - eine metallische Heimsuchung für Johnny Cash, Dusty Springfield und andere,die sich nicht mehr wehren können

Wien - Holz wird hier freilich nicht neu erfunden, das Holzen an sich auch nicht. Geholzt wird dennoch ordentlich. Schließlich zählt das zur Kernkompetenz der Band, über die Stig Helmer, der schwedische Chirurg in Lars von Triers legendärer TV-Serie The Kingdom, nichts Gutes zu sagen hätte - kommen Volbeat doch aus Dänemark, und dort lebt laut Helmers in die Nacht gebrüllten Gefühlswallungen "dänischer Abschaum" .

Im knackevollen Wiener Gasometer wurde am Freitag ebenfalls gebrüllt. Doch das Gejohle nährte sich aus Begeisterung für eine Band, die zwar mit einem Einserschmäh unterwegs ist, damit aber - protegiert von Metallica - extrem erfolgreich ist. Volbeat um Michael Schøn Poulsen spielen einen auffrisierten Rockabilly. Elvis mit zwölf Zylindern und Bleifuß. Vollgas! Volbeat! Vollschas! Wie weniger Begeisterte sagen.

Doch die gab es im Gasometer kaum. Dort herrschte schon zu Beginn eine Stimmung wie bei einem Zeltfest, bevor das letzte Fass angezapft wird. Als Hilfsmittel zum Glück verwenden Volbeat die Überzeugungskraft des Metal, mit dem der eher gefühlsarm gespielte Blues und wie auf Amphetaminen halluzinierte Rockabilly gehärtet wird.

Der Baum in der Kurve

Das gefällt vornehmlich der männlichen Jugend. Denn nicht nur Alkohol berauscht, auch Geschwindigkeit verleiht Flügel. Fragen Sie den Baum in der Kurve bei der Dorfdisco.

Hinter einem Vorhang mit aufgedrucktem Totenschädel und Rock-'n'-Roll-Tolle wurde die Show mit The Mirror And The Ripper eingeläutet. Es ist gleichzeitig die erste Nummer des heuer erschienenen vierten Albums der Band - Beyond Hell/Above Heaven. Schon diese nicht ganz unscharfe Nummer verdeutlichte, wie alt der Volbeat-Bolide eigentlich ist. Schließlich klingt der Song nicht viel anders als Jesus Built My Hotrod von der US-Band Ministry Anfang der 1990er.

Aber das passt schon. So wie Ministry mit "Ding a ding dang my dang a long ling long" Chuck Berry zitierten, pflügen Volbeat ebenso heiter durch den Rock-'n'-Roll-Themenpark. Johnny Cash, dessen Namen Poulsen in Riesenlettern ebenso in seiner Haut trägt wie die Profile gusseiserner Schrebergartentüren, gilt Volbeat als Hausheiliger.

J. R. Cash wurde unter fliegenden Bierbechern mit dem Song Sad Man's Tongue die Ehre erwiesen, ebenso dem heuer verstorbenen Metal-Pavarotti Ronnie James Dio. Frontalunterricht, Volbeat-Style.

Dass diese Pädagogik mitunter schrecklich routiniert vorgetragen wurde, ließ das Publikum nicht weniger schwitzen. Gegen Mitte der Show fing die Band dann doch Feuer, badete im Publikum, ließ die Vorband via Gastsänger kurz wiederauferstehen oder meuchelte Dusty Springfields I Only Wanna Be With You. Elvis schau oba, Johnny schau auffa. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 11. 2010)

  • Illuminierte Rock-'n'-Roll-Momente. Volbeat-Chef Michael Poulsen 
präsentierte seine Kunstsammlung im Wiener Gasometer.
    foto: urban

    Illuminierte Rock-'n'-Roll-Momente. Volbeat-Chef Michael Poulsen präsentierte seine Kunstsammlung im Wiener Gasometer.

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