"Das Kopftuch zieht immer"

7. November 2010, 17:39
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MigrantInnen werden in Medien meist einseitig negativ dargestellt - Im Forum Feministische Zukunft wurde dieses Phänomen erörtert

Die Kopftuch-Türkin ist religiös-politisch zwar nicht gefährlich aber sie ist ungebildet, rückständig und unterdrückt: So die mediale Inszenierung von Frauen, die meist aus politischen, religiösen oder ökonomischen Gründen ihr Herkunftsland verlassen mussten, und in Österreich versuchen Fuß zu fassen. Ein Höhepunkt an rassistischer Berichterstattung ließ sich während des Bosnien-Kriegs im Jahr 1993 konstatieren. Vor allem die Kronen Zeitung berichtete in stereotyper Weise über Flüchtlinge als generell Kriminelle. Nun dichtet der selbsternannte "Poet der Nation", Martin Wolf, in der Kronen-Zeitung gegen Kopftuchträgerinnen. 

In der öffentlichen Diskussion im Rahmen des "Forum Feministische Zukunft" stand am Sonntag das Thema "Migrantinnen in den Medien" am Tapet. Olivera Stajić, Ressortleiterin von daStandard.at und Teilnehmerin der Diskussion, weiß, dass unter dem Druck der Quote, JournalistInnen gerne zum Bild der Kopftuchträgerin greifen, „weil dieses Bild immer gut zieht". Obwohl die Kronen Zeitung mit rassistischen Inhalten arbeitet, lesen viele MigrantInnen dieses Medium, weil sie deren Sprache verstehen, so Stajić.

Differenzen in der medialen Darstellung

Die immer wiederkehrende Verbindung von "Ausländern" mit Kriminalität erzeugt ein Bild, bei denen Menschen mit Migrationshintergrund als Bedrohung wahrgenommen werden. Die Tatsache, dass "Migration" im Innenministerium angesiedelt ist, tut ihres dazu. Durchforstet frau die österreichische Medienlandschaft, können aber Differenzierungen vorgenommen werden: Ausländische ArbeitnehmerInnen werden als weniger negativ dargestellt als AsylwerberInnen. Zudem werden Menschen mit türkischer Herkunft oder aus dem Balkan deutlich negativer stilisiert, als Personen aus Frankreich, Tschechien oder Deutschland. Hierbei wird nicht selten darauf verwiesen, dass MigrantInnen zulasten des österreichischen Sozialsystems leben, folglich auch eine ökonomische Gefahr in sich bergen.

Hegemoniale Redaktionen

In der Diskussionsrunde wurde nicht nur diese Darstellung von MigrantInnen in den Medien kritisiert, sondern auch die Zusammensetzung der "Redaktionsstuben". Weiß, männlich, bürgerlich: So setzen sich Redaktionsteams mehrheitlich zusammen. Dabei wird, so Alexia Weiss, freie Journalistin unter anderem für die Wiener Zeitung und Diskussionsteilnehmerin, gesellschaftliche Realitäten ausgeblendet beziehungsweise in der medialen Berichterstattung nicht in realistischer Weise beschrieben. Das gleiche Bild, so Olivera Stajić, zeigt sich in der Zusammensetzung von Redaktionen. "Hier sitzen Männer, und zwar Männer, die schon sehr lange da sitzen. Das ist kein Migrationsproblem, sondern ein Frauenproblem", konstatiert sie. daStandard.at will dem entgegenwirken: Hegemoniale Strukturen sollen durchbrochen und junge, talentierte JournalistInnen mit Migrationshintergrund gefördert und sichtbar gemacht werden. Das seit Februar bestehende Online-Medium daStandard.at erhebt dabei den Anspruch, gesellschaftliche Probleme nicht zu ethnisieren, sondern auf soziale Wirklichkeiten hinzuweisen.

Rassistisch und antifeministisch

Negativdarstellungen von MigrantInnen sind auch geschlechtsspezifisch. Migrantische Männlichkeit ist fast ausschließlich mit Gewalt, Kriminalität, Terrorismus und/oder Fanatismus gekoppelt, während migrantische Frauen vor allem mit Prostitution, Frauenhandel und Rückständigkeit in Verbindung gebracht werden. Vor allem Osteuropäerinnen und Frauen aus Lateinamerika werden im Kontext von Frauenhandel und Sexarbeit erwähnt. Dadurch erhalten sie einen Objektstatus. Seit dem Attentat in New York im September 2001 findet zudem eine immense Stereotypisierung der islamischen Frauen statt, die fast ausschließlich als rückständige Opfer patriarchaler, islamischer Kultur repräsentiert werden.

Diese Form der Darstellung ist nicht nur rassistisch sondern auch antifeministisch. Europäerinnen werden als "emanzipiert" aufgewertet, wodurch eine "Überlegenheit" gegenüber islamischen Frauen konstruiert wird. Diese mediale Inszenierung erweckt den Eindruck, als wäre feministisches Engagement in der sogenannten Leitkultur nicht mehr nötig. Das Kopftuch und der Schleier werden als kollektive Zeichen für Unterdrückung und Rückständigkeit eingesetzt und stellen das Negativ-Pendant zur Europäerin dar. Feministische Strömungen im Islam und damit eine weitere gesellschaftliche Wirklichkeit werden durch diese Art der Berichterstattung untergraben.

Deutsch als "Prestige-Sprache"

Mehrheitlich wurde bei "Migrantinnen in den Medien" kritisiert, dass Österreich nicht als Land vieler Sprachen begriffen wird, die österreichische Identität den relevantenTeil der Zuwanderung - die immer stattgefunden hat - verleugnet und einzig die deutsche Sprache als "Prestige-Sprache" wahrgenommen wird, wie die daStandard.at-Journalistin angemerkt hat.

Logisch erscheinen dann die Wünsche der beiden Journalistinnen. Alexia Weiss plädierte, Bilder einzusetzen, die andere Geschichten über MigrantInnen erzählen. Zu klassischen Themen in Politik, Wirtschaft und Kultur sollen ExpertInnen mit Migrationshintergrund herangezogen werden, um aufzuzeigen, dass diese in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen präsent sind. Der generelle Wunsch der freien Journalistin jedoch ist ein trivialer wie selbstverständlicher: Die gesellschaftliche Wirklichkeit soll so dargestellt werden, wie sie ist und "dabei dürfen MigrantInnen nicht ausgeschlossen werden - weder im Prozess des journalistischen Schaffens, noch in der Themensetzung". Olivera Stajić wünschte sich eine der gesellschaftlichen Wirklichkeit entsprechende Zusammensetzung von Redaktionen, in der folglich MigrantInnen vermehrt vorkommen müssen. (Sandra Ernst-Kaiser, dieStandard.at 7.11.2010)

  • Es diskutierten Alexia Weiss (li.), freie Journalistin und Buchautorin, und Olivera Stajic (mitte), Ressortleiterin von daStandard.at und Bloggerin. Die Diskussion wurde von Ursula Berner (re.) moderiert.
    foto: forum feministische zukunft

    Es diskutierten Alexia Weiss (li.), freie Journalistin und Buchautorin, und Olivera Stajic (mitte), Ressortleiterin von daStandard.at und Bloggerin. Die Diskussion wurde von Ursula Berner (re.) moderiert.

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    Präsentation und Rezeption von Migrantinnen in den Medien stand im Rahmen des Forums Feministische Zukunft zur Debatte.

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