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Ich frage mich, wie die beiden Wiener, von denen mein Bruder in der U-Bahn hörte, mit den Trauernden in Mazedonien sprachen, als sie ankamen, um ihren Freund zu Grabe zu tragen. Wie sie begrüßt wurden, wie sie begrüßten, wie sie sich umsahen, was sie wie von seinen letzten Tagen erzählten, von dem Moment, an dem sie Verdacht schöpften, dass etwas nicht stimme, von der Fahrt ins Krankenhaus, von dem tragischen Sieg über den Krebs, von dem, was sie gemeinsam erlebt hatten in jenen Stunden, in denen die Welt anders und nicht ausgemacht war, ob sie aufseiten der Verlierer oder Sieger stünden.
Ob sie mitgingen zum Leichenschmaus, so es einen gab, wie sie dort mit seinen Angehörigen und Freunden aßen und tranken, was sie erfuhren, das ihnen unbekannt war von ihrem Bekannten, wie sie einstiegen ins Flugzeug nach alledem. Wie ihnen Wien erschien, als sie in Schwechat und im Alltag landeten, irgendwann zu Herbstbeginn Zweitausendundzehn.
Auf den ersten Blick, erzählt mein Bruder auf der Autobahn unterwegs zur Geburtstagsfeier unserer Mutter in Oberwart, würde man jene drei Männer in der U-Bahn, neben denen er tags zuvor stand, nicht weiter beachten: zwei in abgetragenen Jeans und Pullover, einer in Grün-Weiß, offensichtlich auf dem Weg nach Hütteldorf, ins Hanappi-Stadion, ins Sankt Hanappi, wie es heißt, in einem Zug voller grüner Fahnen, Trikots und Schals, inmitten von Schlachtgesängen, Bierdosen und Gegröle.
Der unlängst aus Mazedonien Zurückgekehrte steckte in Bomberjacke, Camouflagehose und Stiefeln, ein bulliger Kerl, auf dem Kopf eine St.-Pauli-Mütze; auf einen alten Rapid-Dress war eine graue Kapuze genäht, auf der Brust der Schriftzug eines Sponsors zu lesen, den es längst nicht mehr gibt, weder als Sponsor noch als Unternehmen.
Dem zweiten hing ein Lid übers Auge, dem dritten, der wie der zweite unauffällig und eher ärmlich gekleidet war, machte später, als sie an der Endstation im Stadtwesten ausstiegen und von Polizisten gemustert wurden, eine Gehbehinderung schwer zu schaffen. Ein kaputtes Bein zog er hinter sich her, dass es beim Zusehen wehgetan habe, wie mein Bruder sagt, die anderen hielten seinen langsamen Schritt, während sie weiterhin in breitem Wiener Dialekt vom Unglück eines der ihren sprachen.
Ob die beiden, fragt der mit der aufgenähten Kapuze, den Mann gekannt hätten, dessen Partezettel er mit sich trägt. Sein Freund ist darauf zu sehen, ein Mazedonier, dessen Name meinem Bruder entfallen ist, der auch den Partezettel bloß aus den Augenwinkeln erspähte, eine Schwarz-Weiß-Kopie, auf welcher der viel zu früh Verstorbene abgebildet ist. Wie er sprach, meint mein Bruder, habe ihn zu allererst erstaunt, so warm und herzlich, und dabei so technisch und beiläufig, als erzählte er eine Alltäglichkeit, als erzählte er vom letzten Ausflug oder von den selbstverständlichen Handgriffen bei der Arbeit.
Thrombose im Bein
Den Kehlkopfdeckelkrebs hatte der Mazedonier besiegt, die Chemotherapien überstanden, die Metastasen waren verschwunden, als er eine Thrombose im Bein ausbildete; das hätte man ihm abnehmen wollen, was er nicht gewollt hatte, er wollte weiterhin auf beiden Beinen, wenn auch schleppend, ins Hanappi-Stadion gehen. Er ging nicht mehr zum Arzt, ließ seine Termine Termine sein, und erst als er sich monatelang nicht im Stadion hatte blicken lassen, besuchten ihn seine Freunde und sahen, wie es um den stand, der sie und sich am Telefon stets beschwichtigt hatte.
Mittlerweile hatte er eine Thrombose im zweiten Bein ausgebildet, konnte nicht mehr ins Stadion gehen, sie packten ihn und fuhren mit ihm ins Krankenhaus. Dort, auf dem Weg in den Operationssaal, verstarb er an allgemeinem Organversagen. Ob sie, die beiden im U-Bahn-Zug der grünen Linie, den gekannt hätten?
Der Wiener, erzählt mein Bruder, der wegsah, um zuhören zu können, weil er zuhören musste, hatte ausgearbeitete Fotografien bei sich, die er und sein Reisegefährte nach dem Spiel gegen Innsbruck den anderen am Stammtisch zeigen wollten, um von ihrer Reise, vom letzten Geleit, von dem zu berichten, was sie in dem anderen Land erlebt hatten. Wohlhabend sah er nicht aus, der mit der aufgenähten Kapuze, im Gegenteil, eher einfach, wie mein Bruder sagt, ziemlich normal, das Alter schwer zu schätzen; er erzählte von einem grün-weiß gestrichenen Häuschen in einer Schrebergartensiedlung, das er sich hergerichtet habe und vor dem stets die Fahne von Rapid Wien wehe. Und dennoch stieg er mit einem Freund ins Flugzeug nach Zagreb, wie er den beiden anderen in der U-Bahn anhand jener Fotos erzählt, die mein Bruder gern gesehen hätte, aber nicht sehen konnte, wenn er weiterhin der Geschichte lauschen wollte.
Auf einmal ist die Geschichte im Auto, ein grauer Himmel über der Südautobahn, es regnet unablässig, dichte Nebelfetzen, als wir über den Wechsel fahren, mitgenommen von einer Geschichte, die auf Umwegen zu uns kam und vielleicht nicht für uns bestimmt war. Bilder tauchen vor uns auf, Ahnungen von Umständen, Männer, die von dem Club singen, für den sie leben, von Farben, für die sie alles geben, dass sie überallhin fahren für ihre Stadt, die jener Verein ist, den sie zur Religion erklärt haben, die "Die Liebe meines Lebens ist Rapid" singen und es meinen. Wir sagen Wahnsinn und unglaublich und schön.
Besseres Leben
In Zagreb stiegen die beiden Wiener in ein Flugzeug nach Skopje um, vom Flughafen in Skopje fuhren sie in eine mazedonische Stadt oder ein mazedonisches Dorf, um ihren Freund zu Grabe zu tragen, der dorthin überstellt worden war, woher er kam. In die Heimat überstellt, sage ich und frage mich noch im selben Moment, ob das Wort hält, was es einmal versprach, ob er Mazedonien nicht hatte verlassen müssen, um ein besseres Leben zu finden, etwas wie Glück möglicherweise, vielleicht eine neue Heimat, die diesen Namen auch verdiente.
Mit anderen Männern, Freunden von früher vielleicht, Familienangehörigen oder den Totengräbern von Berufs wegen, trugen die beiden Wiener einen grün-weißen Sarg zum offenen Grab. Der wurde noch einmal geöffnet, hinein kamen Wimpel, Fahnen und Schals aus Hütteldorf, alles in Grün-Weiß, Abschiedsgeschenke des Fanclubs, dem der Mazedonier angehört hatte, vielleicht auch Abschiedsgeschenke anderer Fanclubs, die mit seinem befreundet sind. Sie hätten sich darum gekümmert, erzählt der mit der aufgenähten Kapuze, neben dem mein Bruder stand, während eine Fotografie die andere ablöst, dass alles mitkomme, was mitkommen sollte.
Und da ziehen wir ihm das Trikot an - ungefähr so sprach er, erzählt mein Bruder auf der Autobahn, und wir sehen, beide auf ihre je eigene Weise, beide vor einem Grab, beide vor einem Sarg, beide an einem unbestimmt bestimmten Ort, die Ministranten, die wir einmal waren, die einmal die Woche in weißen Roben vor einem offenen Grab standen, das Heulen und Schluchzen der Hinterbliebenen im Rücken oder direkt im Blick, immer in der Vorstellung, jemand hielte es nicht mehr aus und stürzte sich dem oder der Liebsten hinterher, wie die zwei Wiener dem toten Freund ein grün-weißes Trikot überziehen, vielleicht mit der Rückennummer und dem Nachnamen Branko Boskoviæ', jenes Montenegriners, der es geschafft hatte, von knapp Siebzehntausend im Hanappi-Stadion geliebt zu werden, vielleicht das Nikica Jelaviæ', jenes Kroaten, der in einem Monat mehr verdiente als die drei in einem Jahr gemeinsam, vielleicht das eines der jungen Wiener, Drazan, Pehlivan, Kavlak, Kayhan oder Gartler.
Grün-weißes Trikot
Und dann wird in einer mazedonischen Stadt oder einem mazedonischen Dorf ein Sarg ins Grab gelassen, die Trauernden lassen aus ihren Händen oder aus kleinen Schaufeln Erde darauf rieseln, die beiden Wiener werfen ihrem Freund ein grün-weißes Trikot auf den Deckel des grün-weißen Sarges nach, während Mutter und Vater vielleicht, vielleicht Brüder und Schwestern, vielleicht der Nachbarsjunge, mit dem er einmal Fußball gespielt, vielleicht das Mädchen, das er mit dreizehn geküsst, vielleicht der Freund, den er ein ums andere Mal nun aber wirklich bald zu besuchen versprochen hatte, um das offene Grab stehen und weinen. Und immer ist es der Moment, in dem die Totengräber an die Grube treten, die Seile unter dem Sarg anspannen, wenn die Holzbalken, auf denen er ruht, unter ihm weggezogen werden, der Sarg langsam in die Erde gelassen wird und verschwindet, in dem das Heulen und Schluchzen am verzweifeltsten ist. Jemand ist unwiderruflich aus der Welt.
Einmal, sagt mein Bruder, der einst wie ich davon geträumt hatte, lebendig, sehr lebendig in einem grün-weißen Trikot im Hanappi-Stadion einzulaufen, habe er die Luft anhalten müssen, um nicht loszuprusten, und zwar in dem Moment, in dem einer, auf den Partezettel zeigend, gefragt habe, was es auf sich habe mit dieser Sprache, dem Mazedonischen, ob das in Serbien oder Kroatien verstanden werde. Das sei, wie wenn er mit einem Burgenländer spreche, antwortete der Freund des Toten, der mit der aufgenähten Kapuze und dem grün-weiß gestrichenen Schrebergartenhäuschen, wie mir mein Bruder auf der Rückfahrt von der Geburtstagsfeier meiner Mutter aus Oberwart erzählt - die verstehe man auch nicht.
Zwei in abgetragenen Jeans und Pullover, einer in Grün-Weiß, am Weg nach Hütteldorf, ins Hanappi-Stadion, ins Sankt Hanappi, wie es heißt, in einem Zug voller grüner Fahnen ...
(DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.11.2010)
Über den Autor:
Clemens Berger, geb. 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er als Schriftsteller lebt. Er erhielt das Staatsstipendium für Literatur. Bücher: "Der gehängte Mönch" (2003), "Paul Beers Beweis" (2005), "Die Wettesser" (2007), "Gatsch / Und jetzt. Zwei Stücke" (2009); 2009 erschien von ihm der Erzählband "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" (Wallstein). Diesen März erschien ebenfalls bei Wallstein der Roman "Das Streichelinstitut".
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