Bestimmte Hirnbereiche sehr verschiedener Säugetierarten gleichen einander exakt - die einzige Erklärung dafür: Selbstorganisierte Prozesse, die der "Welle" im Fußballstadion ähneln
Washington - Die evolutionären Entwicklungswege von Frettchen, Spitzhörnchen und Buschbaby haben sich vor rund 65 Millionen Jahren getrennt. Das war die Zeit, als die letzten Dinosaurier lebten. Doch obwohl schon so viel Zeit vergangen ist, seit der letzte gemeinsame Vorfahre dieser drei possierlichen Säugetierarten lebte, zeigen sich in ihren Hirnen verblüffende Ähnlichkeiten.
So folgt die Anordnung der Nervenzellen in den Sehrinden der Arten - konkret: die sogenannten Windräder - exakt demselben Design. Doch weder frühe Einflüsse der Umwelt noch Vererbung können diesen Befund erklären. Mithilfe eines mathematischen Modells jedoch konnten deutsche Forscher nun im Wissenschaftsmagazin "Science" (4. 11., online) die Gehirnarchitektur exakt vorhersagen. Dieses Modell beschreibt, wie sich neuronale Schaltkreise im Gehirn selbstorganisiert entwickeln.
Sobald die Tiere nach der Geburt zu sehen beginnen, bilden sich die "Windräder" nach und nach wie von selbst aus. Die Analyse neuronaler Selbstorganisation zeigte, dass bereits wenige Voraussetzungen ausreichen, um die beobachtete Nervenzellarchitektur hervorzubringen. Zu diesen gehört etwa, dass sich Nervenzellen über weite Distanzen direkt Signale zusenden können.
Das Besondere an diesen Selbstorganisationsprozessen, wie man sie etwa auch aus dem Fußballstadion in Form der "Welle" kennt, besteht darin, dass sie weder einen versteckten Lenker brauchen noch ein verstecktes Drehbuch. Die Bewegung der Systemelemente (also der Nervenzellen bzw. der begeisterten Sportfans) resultiert nur aus der Art, wie sie sich gegenseitig beeinflussen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 11. 2010)