Abschwingen am Fjord

8. November 2010, 16:53

Höher als auf 1500 Meter kommt man beim Skitourengehen in Norwegen nicht hinauf. Dafür ist das Meer in Sichtweite. Von Thomas Rottenberg

 

Norwegen. 70. Breitengrad. Das ist nördlich des Polarkreises. Lyngen heißt sowohl die Halbinsel als auch die Ortschaft. Das Wetter: Tagsüber Sonne, Nachts Nordlicht. Einen Skilift gibt es sogar im Ort. Er führt quasi vom Hafen weg - und steht. Aber das macht nichts: Wer hierher zum Ski Fahren kommt, will selbst aufsteigen. Und zwar vom Meer aus: AufFellen auf Null Metern Seehöhe zu stehen, mutet beim ersten Mal bizarr an, hat aber was. So wie das Abschwingen am Strand.

Dass die Berge entlang der norwegischen Fjorde kaum an der 1500-Meter- Marke kratzen, stört da höchstens Höhenmeter-Fetischisten - und sogar die vergessen ihre Altitude-Besessenheit rasch. Meist auf 200 Metern Seehöhe - der Baumgrenze im Polarbereich. Denn sobald die schütteren Birkenwälder den Blick freigeben, verschlägt es jedem, der das Panorama zum ersten Mal sieht, den Atem.

Ein schier endloses Wechselspiel von Gipfeln, Graten und Felsen, von Hängen, Klippen und Kuppen, Tälern und Satteln erstreckt sich da bis an (und hinter) den Horizont - und geht immer wieder nahtlos ins Meer über. Schroffe Fjorde und sanfte Buchten wechseln einander ab - und kleine, bergige Inseln reihen sich hinaus ins offene Meer so lange aneinander, bis das Blau und das Bleigrau des Wassers mit dem Blau und dem Bleigrau des Himmels verschmelzen.

Das einzige, das fehlt, um das Bild fremdenverkehrskatalogkompatibel zu machen, ist das Hurtigruten-Postschiff zwischen Fischkuttern und ein paar Eisschollen. Oder Santa Claus Rentierschlitten: Tourengehen in Norwegen ist so, wie man es sich vorstellt: Malerisch und entrisch - und obwohl gerade Lyngen mittlerweile in der Offpiste-Szene so angesagt ist, dass das Wort "Geheimtipp" wie ein Witz klingt, ist von den Freerider-Massen und Touren-Karawanen, die die in einschlägigen Führern des Alpenraumes als "Sweetspots" etikettierte Zonen überrennen, nichts zu spüren: Norwegen hat so viel Gegend, dass die Chance, auch im Gelände auf jene französischen, italienischen oder deutschen Alpinisten, die man auf der Fähre über den Fjord traf, zu stoßen, minimal ist.

Viele Einstiegstellen

Jede Straßenbiegung ist eine potenzielle Einstiegstelle in den Hang und so erweisen sich die Ängste, die während des Fluges von Oslo nach Tromsö aufkeimten, als grundlos: Der Flieger war voll wie ein Charterflieger von Wien nach Antalya - aber mit Freeridern. Doch schon in Tromsö verlief sich die in vielen Sprachen der Götze "Backcountry" huldigende Horde - obwohl Tromsö alles andere als groß ist: Ein Flughafen, zwei Brücken, Mall und Hafen. Die meisten Leute schauen, dass sie weiter kommen - oder nach oben: Auf' s Nordlicht. Dass das weiter oben noch eindrucksvoller ist, zeigt sich nach einer endlosen Roadmovie-Landstraßenfahrt - in Lyngen eben. Schon ein paar Nächte später fällt das Flackern nicht mehr auf.

Lyngen ist hip, aber nichtsdestotrotz ein Nest: Supermarkt, Tankstelle, Skidoo-Verleih, Fähre. Am Ufer steht eine überdimensionale Weihnachtsmannstatue. Dennoch gilt Lyngen als Lech, Tignes oder Chamonix der skandinavischen Freeride-Szene. Das verdankt der Ort nicht nur seiner Lage inmitten der pittoreskesten Fjord- und Berglandschaften der Halbinsel Lyngen, sondern auch der mondänen "Lyngen Lodge" - einem Luxusresort, das für eine finanzkräftige Klientel alle Stückerln spielt und im Sommer Jäger und Fischer, im Winter aber Skifahrer anlockt.

Panoramabalkon

Doch auch wer es erschwinglicher liebt, braucht nicht mit muffigen Schlafsälen und "nostalgischem" Jugendherbergsambiente Vorlieb zu nehmen: Die Selbstversorgerhütten der Region führen das Wort "Hütte" ad absurdum. Sauna und Fjordpanoramabalkon sind meist selbstverständlich. Moderne Waschmaschinen und Hightech-Trockenschränke auch: jeden Tag frische Skiunterwäsche ist ein Luxus, den Traditionalisten zunächst "dekadent" nennen - ab dem dritten Tag aber nicht mehr missen wollen.

Genauso wie die schnellen WiFi-Breitbandwebanbindungen, die man in Norwegen (fast) überall findet. Und wären da nicht die Eisschollen, könnte man die Daheimgebliebenen nicht nur mit Bildern vom Post-Sauna-Sprung von der Terrasse ins Meer ärgern, sondern auch mit dem Fischkutter direkt ab Haustür zur nächsten Tour schippern: Im Sommer, in der Lyngener Gletscher-Hiking-Zeit, geht das.

Freilich sind "günstig" und "erschwinglich" relativ: Auch ohne Flug- und Anreisekosten (ab etwa 400 Euro), kostet eine Tourenwoche locker so viel, wie eine Woche Lift-Skiurlaub in Österreich. Eine Pizza Margherita unter 17 Euro muss in Norwegen erst gefunden werden. Auch wer selbst kocht, staunt an der Supermarktkassa. Und wer dort die Bierdose (etwa vier Euro das Stück) stehen lässt, versteht, wieso skandinavische Gäste bei österreichischen Hüttenwirten so beliebt sind: Die Raubrittertarife der alpinen Schirmbars sind für Wikinger Schnäppchen.

Wobei die ganz persönliche Bilanz dann doch zugunsten Norwegens ausfällt: Schirmbars und das Grauen, für das sie stehen, sucht man in den (wohl doch: liftlosen) Weiten Lyngens nämlich vergebens. Und für manche Menschen ist alleine das die weite und klimapolitisch nicht ganz leicht zu argumentierende Anreise wert. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD/Rondo/5.11.2010)

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4 Postings

Hört sich genial an.......

Für einen Freeheeler ein Traum

Kommt gleich nach Afrikafirn in Marokko

Ja, oder Sanndünenschifahren . . .

. . . in den "dunes d´or" im Erg Chebbi in Südmarokko.
Super Bericht übrgens, will auch hin!

If you free your heel on the descent ...

... then you're a god-damn hippie! ;-)

Wenn's nach unten geht, dann bleibt meine Fritschi geschlossen!

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