Mehr zum Verweilen als zum Bleiben

4. November 2010, 19:21
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Räume der Migration: Ausstellung in der Akademie

Wien - Eine junge Frau in Parka und Trainingshosen kauert auf einer Bank. Die Arme um die Knie geschlungen oder tief zusammengesunken versucht sie, eine Position zu finden, in der sie Ruhe und Schlaf findet. Anna Jermolaewa hat in dem Video Sleeping Positions einen Erinnerungsraum betreten, in dem sie die unmittelbare Situation nach ihrer Flucht aus St. Petersburg 1989 vergegenwärtigt. Die ersten Tage verbrachte sie am Westbahnhof. Nicht zu wissen, wohin - dieser Zustand schreibt sich in den Körper ein.

Willkommen in Wien? Flughäfen und Bahnhöfe sind Durchgangszonen, die dem Fremden ihre kühle Abweisung bereits im Design vermitteln: Sich länger aufzuhalten oder gar zu rasten wird mittlerweile schon durch vereinzelte, unbequeme Sitzgelegenheiten unmöglich.

Welche Räume produziert Migration? An welchen Orten hinterlässt das Phänomen Spuren? Diese Fragen wirft die Ausstellung Living Across - Spaces of Migration im "xhibit" der Akademie der bildenden Künste auf. Kurator Christian Kravagna entwickelt eine sehr nachvollziehbare und mit vielschichtigen künstlerischen Beispielen illustrierte Bildtypologie. Diese reicht von Grenz- und Transiträumen über sehr konkrete Räume, wie den politischen oder auch kulturellen Kontaktzonen, bis zu eher abstrakten Raumvorstellungen: den mentalen Räumen der Erinnerung oder auch den medialen, die etwa Erwartungen ans Auswandern diskutieren. Vincens Casassas hat den Fotos von Senegalesen, die allesamt in Barcelona-Trikots stecken, Texte aus Internetblogs beigestellt, die Gründe und Motivationen der Migration durchaus kontrovers diskutieren.

Sehr atmosphärisch fängt Zineb Sediras den Ort des Übergangs, des Ungewissen, des Wartens ein: Vom Lösen der Taue eines Schiffs bis zum Anlegen richtet die FilmKamera ihren Blick lange auf die unruhige See. Oder Yto Barrada. Seine Fotografien führen am Beispiel Tanger, einst Zentrum der Auswanderung nach Europa, vor, wie der Charakter einer Grenzlinie sich auf eine ganze Stadt, ja auf eine ganze Gesellschaft ausweitet.

Die Schau ist Teil des Kooperationsprojekts Viel Glück! Migration heute!, initiiert von der Initiative Minderheiten, die auch die begleitende Publikation (16. 11., 18.30, Juridicum) präsentiert. Die Ausstellung zur migrantischen Musikszene (Kuratoren: Ruby Sircar, Fatih Aydogdu) startet am 11. 11. (Wienbibliothek.) Bis 5. 12. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Printausgabe, 5. November 2010)

  • Yto Barrada: "Man with painting - Tetouan" (1999).
    foto: mumok

    Yto Barrada: "Man with painting - Tetouan" (1999).

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