Wasserkraft setzt Widerstands-Szene unter Strom

4. November 2010, 17:05
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Während der Ausbau der Wasserkraft in anderen Bundesländern relativ reibungslos abläuft, staut sich in der Steiermark massiver Unmut

Ein Vierteljahrhundert nach Hainburg war der Druck auf unsere letzten natürlichen Flüsse noch nie so groß wie heute", mahnte Österreichs Biologe Bernd Lötsch jüngst in einer "Grußbotschaft" an Gegner der rund um Graz geplanten Murkraftwerke. "Unsere Generation ist dabei, allen nachfolgenden Generationen die Lebensadern der Natur zu zerstören - für Promille unseres Energieverbrauches."

Hier in der Steiermark, erlebt die "Au-Bewegung" seit Monaten eine gewisse Renaissance. Es wird auch ganz offen mit "Hainburg-Widerstand" gedroht, der 1984/85 den Bau des Kraftwerks Hainburg verhindert hatte.

Die neuen Quellen des Konfliktes: Die Energie Steiermark plant rund um Graz zum Teil im Verbund mit der Verbund AG fünf Kraftwerke. Die Staustufe Graz, die 20.000 Haushalte mit Strom versorgen soll, stellt die Kernzone des Streites dar. Das Mur-Staukraftwerk bringe nicht nur neue Energie, sondern auch einen enormen Freizeit-Mehrwert entlang der Mur, argumentiert das Unternehmen, das hier rund 90 Millionen Euro investieren will. Die ganze städtische Zone werde durch den Aufstau der Mur auf- gewertet, neue Erholungsoasen samt Bademöglichkeiten und neuen Wasserrefugien entstünden. Durch den Ausbau der Kanalisation werde zudem die Wasserqualität der Mur deutlich angehoben.

Die Gegner argumentieren, die Auen südlich von Graz seien eine der wertvollsten Aulandschaften Österreichs. Seltene Arten wie Fischotter, Eisvogel und Huchen fänden hier einen wichtigen Überlebensraum. Die Murauen seien gegenwärtig aber "die mit Abstand größte Flusszerstörungsbaustelle", heißt es im Naturschutzbund.

Energiesparpotenzial heben

Ehe an den Bau neuer Wasserkraftwerke überhaupt gedacht werden könne, müsse zuerst das Energiesparpotenzial gehoben werden, sagt die grüne Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker. Wasserkraftwerke seien außerdem "uralte Energietechnologien aus dem letzten Jahrhundert".

Die Sache schien dennoch schon einigermaßen auf Schiene zu laufen, ehe der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) jetzt die Bremse zog. Wegen des massiven Widerstandes wolle er bei einem derart weitreichenden Natureingriff zuerst die Bevölkerung befragen. Seither liegt das Projekt "Kraftwerk Graz" auf Eis. Die Energie Steiermark AG sah sich gezwungen, die Projektarbeiten vorerst einzustellen. Bis Klarheit herrscht, ob das Kraftwerk realisierbar ist. Nagl sagte, wenn die Mehrheit der Bevölkerung das Projekt ablehnt, "werden wir es nicht mit Gewalt durchziehen".

Der Konzern befürchtet nun, dass ein Nein zum Grazer Projekt auch ein Präjudiz für die anderen vier rund um Graz projektierten Kraftwerksvorhaben sein könnte.

Auch wenn die Animationsbilder der Kraftwerksbauer wie hier im Fall Gössendorf bei Graz einen freundlichen Eindruck hinterlassen, die Gegner geißeln die Pläne als "Flusszerstörungsbaustelle". (Walter Müller, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 5.11.2010)

  • Auch wenn die Animationsbilder der Kraftwerksbauer wie hier im Fall Gössendorf bei Graz einen freundlichen Eindruck hinterlassen, die Gegner geißeln die Pläne als "Flusszerstörungsbaustelle.
    foto: energie stmk.

    Auch wenn die Animationsbilder der Kraftwerksbauer wie hier im Fall Gössendorf bei Graz einen freundlichen Eindruck hinterlassen, die Gegner geißeln die Pläne als "Flusszerstörungsbaustelle.

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