"Lebenschancen werden sozial vererbt"

11. November 2010, 17:02
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Kinder aus bescheidenen Verhältnissen wie die TV-Figur Lisa Simpson haben trotz Fleiß und Leistung geringere Karriereaussichten, sagt der Soziologe Ingolf Erler

Christoph Wirl ist jung, erfolgreich - und Sohn einer ebenso erfolgreichen Mutter. Als Geschäftsführer des Verlages Wirl, der unter anderem das "Magazin Training" herausgibt, übernimmt der 29-Jährige nach und nach die Agenden seiner Mutter, die den Verlag vor rund 14 Jahren gründete. Die Frage, ob es Menschen mit stabilem familiären Background im Berufsleben leichter haben, beantwortet er eindeutig mit Ja. "Wenn Kinder schon von klein auf mitbekommen, dass man für Geld arbeiten muss, beziehungsweise dass man mehr Geld hat, wenn man fleißig arbeitet, dann prägt das. Wenn hingegen die Eltern arbeitslos sind und die Kinder bemerken, dass das Geld auch kommt wenn man den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt, prägt auch das."

Mehr Bildung für Akademikerkinder 

Tatsache ist, dass in Österreich ein Kind aus einer Akademikerfamilie eher ein Studium beginnt, als jenes aus einer Arbeiterfamilie. Die Daten der letzten Volkszählung 2001 zeigen, dass 90 Prozent der Akademikerkinder die Matura machen, im Gegensatz dazu entscheiden sich 50 Prozent der Arbeiterkinder für eine Lehre. Es stellt sich also die Frage: Ist Karriere erblich bedingt? Können sich junge Menschen aus beruflich erfolgreichen Familien im Berufsleben besser bewähren als andere?

Der deutsche Soziologe Michael Hartmann ist davon überzeugt, dass vor allem die soziale Herkunft und das Auftreten über die berufliche Karriere entscheiden. Die Leistung hingegen zähle weitaus weniger als fortlaufend betont, Chancengleichheit ist für ihn eine Illusion. Hartmann hat vor mehreren Jahren für eine Studie 6.500 Lebensläufe von Akademikern untersucht und Folgendes herausgefunden: Bei gleichem Bildungsabschluss entscheidet die soziale Herkunft darüber, wer einen Posten als Manager oder Geschäftsführer bekommt - und wer leer ausgeht. Ein Promovierter aus einer Familie von leitenden Angestellten hat eine zehnmal höhere Chance als ein Gleichqualifizierter, der aus einer Arbeiterfamilie kommt. Ein Kind von Geschäftsführern erhält - trotz gleicher Qualifizierung - siebzehnmal eher einen hohen Posten als ein Arbeiterkind.

Von Kontakten der Mutter profitiert

Geschäftsführer Wirl ist selbst kein Akademikerkind, er hat von seiner Mutter gelernt, dass man auch ohne Uni-Abschluss erfolgreich sein kann. Studieren wollte er trotzdem. Von seinem Elternhaus bestand kein Druck, sondern die Botschaft das zu tun, was er gerne mache. Auch dass man hart arbeiten müsse, um erfolgreich zu sein, habe er von zu Hause mitbekommen. "Meine Mutter war sich nie für irgendeine Arbeit zu gut, sie hat beispielsweise, als mein Bruder und ich klein waren, bei einem Bäcker Teilzeit Gebäck verkauft." Der 29-Jährige glaubt, dass der Weg zum Erfolg zum allergrößten Teil von interpersonellen Kompetenzen abhängt und davon, mit seinen Mitmenschen respektvoll umzugehen. Natürlich habe er auch stark von den Kontakten seiner Mutter profitiert. "Ich bin regelmäßig zu Terminen und Veranstaltungen mitgegangen und habe so mein Netzwerk in sehr kurzer Zeit stark erweitern können."

Nur wenige Arbeiterkinder studieren

Soziale Herkunft, Chancengleichheit, beruflicher Werdegang - was hat das alles mit der TV-Comicfigur Lisa Simpson zu tun? Das kleine Mädchen mit der gelben Sternfrisur ist hochbegabt und fleißig. Ihre Chancen auf eine berufliche Karriere wären in Österreich dennoch gering, wie es der Soziologe Ingolf Erler in seinem 2007 erschienenen Sammelband "Keine Chance für Lisa Simpson? Soziale Ungleichheit im Bildungssystem" beschreibt: Lisas Vater Homer ist Arbeiter, hat nur einen Pflichtschulabschluss, ihre Mutter nur einen mittleren Reifeabschluss, die Familie lebt in einer Kleinstadt. In Österreich schaffen nur sechs bis acht Prozent aller Personen mit ähnlichen Voraussetzungen einen akademischen Abschluss.

Schon bei der Geburt steht späterer Status fest

In allen Gesellschaften sei ein Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lebensperspektive nachweisbar, sagt Erler. "Entscheidend ist die Größe des Einflusses und ob etwas dagegen gemacht wird." In Österreich sei dieses Zusammenspiel sehr ausgeprägt: Schon bei der Geburt eines Kindes könne man aufgrund weniger Variablen sehr gut abschätzen, welche soziale Position es als Erwachsener einnehmen wird. "In diesem Sinn werden Lebenschancen hierzulande sozial vererbt", konstatiert der Soziologe. "Natürlich spielt es eine Rolle, welche Ressourcen jemand von zu Hause mitbekommt und im Laufe des Lebens zusätzlich erwerben kann. Wobei hier der Matthäus Effekt gilt: ‚Wer hat, dem wird gegeben.‘"

Weltreise, um sich selbst zu finden

Bevor sich Wirl dazu entschloss, Geschäftsführer im Verlag seiner Mutter zu werden, machte er eine eineinhalbjährige Weltreise, und zwar bewusst ohne finanzielle Hilfe. Er jobbte als Tourguide auf Hawaii, in Hostels auf der ganzen Welt und als Tauchlehrer auf den Malediven. "Nach all den Erfahrungen wusste ich die Chance, die ich als 'berühmter Sohn' habe, viel mehr zu schätzen. Diese Zeit im Ausland war für mich unglaublich wertvoll und ich kann das nur jedem Sohn und jeder Tochter empfehlen. Einfach auch deshalb, um sich selbst zu zeigen: Ich bin nicht NUR Sohn."

Das Wissen, niemals alles zu verlieren

Der 29-Jährige finanzierte sich seine Weltreise also selbst, ging aber immerhin mit dem Gewissen fort, im Notfall und bei seiner Rückkehr nicht alleine dazustehen. "Pierre Bourdieu hat einmal gesagt, das Risiko bei dem Versuch alles zu gewinnen oder alles zu verlieren, geht man nur dann ein, wenn man sicher ist, niemals alles zu verlieren", sagt der Soziologe Erler. Wer von früh auf mit dem Wissen aufwächst später eine bestimmte Bildungs- und Berufslaufbahn einzuschlagen, mache sich mit einem anderen Verständnis und anderen Strategien auf den Weg. "Wer noch dazu von früh an, beispielsweise über die Familie und Umwelt, Personen in bestimmten Berufs- und Bildungspositionen kennt, hat weitaus bessere Einstiegsvoraussetzungen." Hinzu komme auch, dass man sich in einer vertrauten Welt wohler fühle und selbstbewusster agiere.

Wirl stört es keineswegs, von anderen als Sohn einer erfolgreichen Frau angesehen zu werden. "Ich habe es nie gesehen als 'Ich bin NUR Sohn', sondern ich BIN Sohn der Mutter. Es ist keine Schande. Ich habe nicht das Gefühl mehr leisten zu müssen, sondern einfach Gutes zu leisten. Unsere Kunden kaufen ja schließlich nicht meine Mutter oder mich, sondern unser Produkt." (Maria Kapeller, derStandard.at, 11.11.2010)

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    Ist Karriere erblich bedingt? Die TV-Comicfamilie Simpson lebt in einer Kleinstadt, die Eltern haben einen eher geringen Bildungsstand. In Österreich schaffen nur sechs bis acht Prozent aller Personen mit ähnlichen Voraussetzungen einen akademischen Abschluss.

  • Christoph Wirl, 29, Geschäftsführer im Verlag seiner Mutter, ist davon überzeugt, dass ein stabiler familiärer Background wie er ihn hatte die späteren Berufschancen erhöht. Fleiß und harte Arbeit seien aber trotzdem nötig.
    foto: christa fuchs

    Christoph Wirl, 29, Geschäftsführer im Verlag seiner Mutter, ist davon überzeugt, dass ein stabiler familiärer Background wie er ihn hatte die späteren Berufschancen erhöht. Fleiß und harte Arbeit seien aber trotzdem nötig.

  • Soziologe Ingolf Erler: "Schon bei der Geburt eines Kindes kann man aufgrund weniger Variablen sehr gut abschätzen, welche soziale Position es als Erwachsener einnehmen wird."
    foto: leonidas adaktylos

    Soziologe Ingolf Erler: "Schon bei der Geburt eines Kindes kann man aufgrund weniger Variablen sehr gut abschätzen, welche soziale Position es als Erwachsener einnehmen wird."

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