Cinemascope aus dem Laptop

4. November 2010, 17:24
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Einer der großen Visionäre des Pop veröffentlicht ein neues Album - Der britische Starproduzent Brian Eno lustwandelt durch ein spannendes Instrumentalwerk

Der Meister schweigt. Das ist schade. Denn auch wenn er oft beteuert hat, seine eigene Stimme gefalle ihm nicht besonders, zählen doch jene Arbeit zu den schönsten, für die Brian Eno seine helle Stimme ertönen ließ. Eine klare, oft distanziert positionierte Gesangslinie, die mit zarter Nuancierung beträchtliche Emotionen freisetzen konnte. Belegt hat er das durch prächtige Pop-Alben wie Wrong Way Up - eine Kollaboration mit John Cale - ebenso wie durch sein Frühwerk, das er nach dem Abgang von Roxy Music in den 1970ern in Angriff genommen hat. Darunter waren Meisterwerke wie Another Green World oder Before and After Science.

Nun gibt es ein neues Eno-Album - mit ohne Gesang. Small Craft On A Milk Sea ist auf Warp Records erschienen. Das wirkt wie eine Heimkehr. Das britische Label gilt seit über 20 Jahren als kreativer Vulkan in der elektronischen Musik. Im Avantgarde-Feld ebenso wie in der Anbindung zur Popwelt - sogar konventionelle Combos wie Maximo Park werden bei Laune veröffentlicht. Sein Erfolg gibt dem Verlag Recht. Dennoch ist Warp überwiegend für seinen elektronischen Output ein Player. Insofern passt Eno als Pionier elektronischer Musik bestens dorthin.

Wobei Eno nie bloß Handwerker war, der per Zufall und dem Jugend-forscht-Prinzip Neues entdeckt oder erfunden hätte. Eno war stets ein Vordenker mit der Fähigkeit, seinen Gedanken Taten folgen zu lassen. Heute gilt er gemeinhin als Vater der Ambient Music. Einem fixen Bestandteil der elektronischen Musik, die leider oft und gerne dann bemüht wird, wenn gerade keine knackige Idee greifbar ist.

Das Atmosphärische des Ambient ist in vielen Eno-Arbeiten präsent. Small Craft On A Milk Sea eröffnet mit so einem Instrumentalstück, das an Filmscores oder akustische Installationen erinnert. Emerald And Lime heißt es, und der Titel ist ein bisserl wurscht. Schließlich sind Titelvorschläge bei Instrumentalstücken nicht mehr als ein Angebot an die Hörer - eine von unendlich vielen Assoziationsmöglichkeiten, für die die eigene Fantasie ebenso taugt.

Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, der wegen seiner kommerziell erfolgreichen Produktionsarbeiten für U2, Coldplay und viele andere als vielbeschäftigter Privatier durchs Leben geht, bricht seine cinemascopischen Etüden aber immer wieder auf. Unterstützt wird er dabei von zwei britischen Kollegen, den Musikern und Produzenten Jon Hopkins und Leo Abrahams. Stellenweise schlägt ein gewisser Jez Wiles extra Trommeln.

Nachdem es im Titelstück schon bedrohlich wummert und unterschwellig Veränderung angedeutet wird, erhöhen Stück vier und fünf die Dramatik nach dem Eingangsspaziergang in den Sonnenuntergang beträchtlich. Gleichzeitig grazil wie deftige Percussions böllern nebst launigem Raumschiff-Enterprise-Beam-me-up-Scotty-Geflirre. Eno laptopisiert sich hier einen ab, wie man in der Musikschule sagt, Abrahams darf später gar die Gitarre würgen. Dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte klingt dann schon ziemlich scharf und lässig. Stellenweise fühlt man sich an jene Musik erinnert, die der US-Regisseur John Carpenter für seine Filmen komponiert und eingespielt hat.

Entstanden ist das Album in einem inszenierten Live-Improvisations-Szenario. All zu oft trauten sich Abrahams und Hopkins jedoch nicht auszuscheren. Gegen Ende überführt Eno das Album wieder in ruhige Gefilde. Dort versandet es in Schönheit, die ein bisserl austauschbar wirkt. Die Tracks im Mittelteil ehren den Meister und seine Mitstreiter allemal. Und besser als seine letzten Alben, auf denen er in manchen Stücken sogar gesungen hat, ist Small Craft On Milk Sea auch. (Karl Fluch, RONO/DER STANDARD, Printausgabe, 5. November 2010)

Brian Eno: Small Craft On Milk Sea (Warp)

  • Brian Eno, Pop-Denker und Musiker, veröffentlicht sein erstes Album für das britische Label Warp.
    foto: warp

    Brian Eno, Pop-Denker und Musiker, veröffentlicht sein erstes Album für das britische Label Warp.

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