Lautverzückungen eines dichtenden Griesgrams

3. November 2010, 14:01
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Mit seiner intermedialen Ausstellung "Die Ernst Jandl Show" huldigt das Wien Museum dem größten Lautanarchisten, den Nachkriegsösterrreich hervorgebracht hat: vor allem ein Ohrenschmaus

Wien - Als zentrale Instanz in Lautgebungsfragen besaß der Wiener Dichter Ernst Jandl (1925- 2000) das Prestige eines Musikers: Und so ist auch die als Sonderschau des Wien Museums angelaufene "Ernst Jandl Show" vor allem ein elektrisierendes akustisches Wechselbad.

In zahlreichen Klangwolken umschmeichelt den Besucher Jandls sonores Pädagogenorgan. Obzwar er zeitlebens dem Ideal der Jazz-Improvisation verpflichtet war, flackert in Jandls zum Brüllen komischen Artikulationsübungen der Ungeist einer überwundenen Epoche auf.

Jandl, der Jahrhundertautor von Lautgedichten wie "schtzngrmm" und "ottos mops", hatte Grammatik und Tongebung der Unmenschen genauestens studiert. War es deren unausgesprochenes Ziel, die "deutschen Volksgenossen" niederzubrüllen, um sie möglichst gefügig zu machen, so entdeckte Jandl in der Schärfe der freien Artikulation das Moment der Freiheit. Der Lautdichter Jandl ist ein Prophet der von der Last verhängnisvoller Autoritäten befreiten menschlichen Stimme.

Klangerregungsspuren

So konnte Wien-Museum-Direktor Wolfgang Kos im Verein mit den Kuratoren Bernhard Fetz und Hannes Schweiger vom Anrichten einer "Jandl-Suppe" erzählen: Die Auswertung des 170 Umzugskartons umfassenden Jandl-Nachlasses - der Dichter hatte ihn noch zu Lebzeiten dem Österreichischen Literaturarchiv vermacht - förderte Partituren, Notate, Stimmführungsprotokolle und allerlei Tondokumente zutage. Jandls Stimme, schrieb der Schweizer Jürg Laederach, gleiche "mehreren noch zu erfindenden Instrumenten".

Die Ausstellung, ein Gemeinschaftsprojekt des Wien Museums mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Theorie der Biografie in Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek, präsentiert ein leitmotivisch gegliedertes Sammelsurium. Jandls triumphales Arbeitsversprechen "ich schreie mich frei" markiert den Bruch mit herkömmlichen Strukturen sprachlicher Sinngebung. Wer "jandelt", der "sein sprachenkunstler". Mit Recht spricht Kos von der Einführung des Verbums "jandeln" in den allgemeinen Sprachgebrauch, analog zu dem allerdings stumpf gewordenen Adjektiv "kafkaesk".

"jazz me if you can": Im Rundgang zwischen Pressholzplatten, schwach vergilbten Schriftzeugnissen und schwarz-weiß flackernden Video-Einspielungen tauchen die Alter Ego einer zerrissenen Persönlichkeit auf. Da gibt es Jandl, den bürokratisch korrekten Englischprofessor, der im Tweedsakko auf die Wahrung bürgerlicher Umgangsformen achtet. Den Literaturfunktionär, der 1971 in einem Brief an den damaligen Bundeskanzler Kreisky um die Inaussichtstellung einer größeren Wohnung bittet (Kreisky zeigt in seinem Antwortschreiben "vollstes Verständnis").

Und da gibt es die aufflackernde Dämonie eines Performers, dessen Lautzerlegungen Großauditorien in rasende Verzückung versetzen konnten. So geschehen in der Londoner Royal Albert Hall 1965, als Jandl dem Beat-Poeten Allen Ginsberg die Show stahl.

Bleibt noch der Sammler: Plattencover, auf dem Boden zum Mosaik zusammengelegt, verdeutlichen die wahren Quellfluten des akustischen Entzückens: Archie Shepp, Cecil Taylor, Gato Barbieri ... (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2010)

"Die Ernst Jandl Show" - von  4. November bis 13. Februar 2011 im Wien Museum am Karlsplatz

  • Der Dichter als gleichrangiger Lebenspartner einer ingeniösen Poetin: Ernst Jandl mit seinem Lebensmenschen, der Autorin Friederike Mayröcker.
 
    foto: wien museum

    Der Dichter als gleichrangiger Lebenspartner einer ingeniösen Poetin: Ernst Jandl mit seinem Lebensmenschen, der Autorin Friederike Mayröcker.

     

  • Ernst Jandl 1997 bei einem Auftritt in Darmstadt
    foto: wien museum / copyright: matthias creutziger

    Ernst Jandl 1997 bei einem Auftritt in Darmstadt

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