US-Armee verteidigt Einsatz der irakischen Sicherheitskräfte in einer Kirche in Bagdad - Opferzahlen strittig
Bagdad/Wien - Die jüngste Anschlagserie in Bagdad hat nach offiziellen Angaben 64 Menschen das Leben gekostet. Gesundheitsminister Salih al-Hasnawi sagte, 360 Menschen seien verletzt worden, als in der irakischen Hauptstadt am Dienstagabend kurz hintereinander 15 Autobomben und fünf kleinere Sprengsätze detonierten.
Einige irakische Beobachter zweifelten die offiziellen Opferzahlen an und erklärten, es seien mindestens 100 Menschen getötet worden. Die Anschläge konzentrierten sich diesmal auf Stadtbezirke, in denen vornehmlich Schiiten leben.
Erst am Sonntag waren in Bagdad 58 Menschen bei einer Geiselnahme in einer syrisch-katholischen Kirche in Bagdad getötet worden. Zudem gab es 70 Verletzte. Neue Berichte bestätigen das Bild von primitiven Angreifern und überforderten Sicherheitskräften. Von zehn Terroristen sollen fünf tot sein, die anderen in Haft. Nach Augenzeugenberichten hatte ein Terrorist nach Erstürmung der Kirche, die mit der Zündung einer Autobombe begann, einen Priester aufgefordert, den Vatikan anzurufen, damit dieser die Freilassung von zwei muslimischen Frauen veranlasse, die von Kopten in Ägypten festgehalten würden. Als der Priester sagte, das gehe nicht, wurde er erschossen - wie auch die Menschen in der ersten Kirchenbank. Pater Boutros wurde noch aufgefordert, zum Islam zu konvertieren, bevor er in den Kopf geschossen wurde.
Die Sicherheitskräfte stürmten das finstere Gebäude drei Stunden später, nachdem sie den Strom abgedreht hatten. Die Gläubigen wurden von den Sicherheitskräften aufgefordert, aufzustehen und sich ruhig zu verhalten. Mindestens ein Attentäter sprengte sich daraufhin in die Luft, andere schossen um sich. Ein Sprecher der US-Special Forces im Irak rechtfertigte die Intervention. Damit sei noch Schlimmeres verhindert worden, denn es seien immer wieder Schüsse aus der Kirche zu hören gewesen.
In Ägypten wurden nach dem Überfall in Bagdad die Sicherheitsvorkehrungen vor den Kirchen erhöht. Der Fall, auf den die Terroristen anspielten, betrifft zwei Frauen von koptischen Priestern: Laut der koptischen Kirche wurden sie von Islamisten entführt und zum Islam zwangskonvertiert, von den Kopten zurückgeholt und sind nun in einem Kloster versteckt. Die Gegenseite behauptet, die Frauen seien freiwillig zum Islam übergetreten und würden jetzt von Kopten gegen ihren Willen festgehalten.
Fall Aziz geht in die Berufung
Die Anwälte des zum Tod verurteilten Vizepremiers des Saddam-Regimes, Tarik Aziz, gehen in die Berufung. Außer dem Vatikan und Russland setzt sich auch die italienische Regierung für eine Begnadigung des chaldäischen Christen ein. Bagdad dementiert berichte, wonach Aziz nach einem Hungerstreik im Koma liege. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2010)