"Wir arbeiten nach dem Zufallsprinzip"

2. November 2010, 21:21
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Eine Runde hochdekorierter Experten machte sich auf Servus TV Gedanken zu Zustand und Zukunft des österreichischen Eishockeys. Eine Nachlese

Zum „EBEL Reality Check" (Moderator Andreas Gröbl) lud der Sender Servus TV am Montagabend eine prominent besetzte Runde in seine Sendung „Sport und Talk" im Hangar 7 am Salzburger Flughafen.

Themenverfehlung
Ein TV-Sender kündigt eine Diskussion zur „Zwischenbilanz der laufenden Saison in der EBEL" an (siehe Homepage zur Sendung), nach wenigen Sätzen gelangt die Expertenrunde zu einem gänzlich anderen Thema und bleibt für die restliche anberaumte Dreiviertelstunde auch bei diesem. Trotzdem hat Servus TV und im besonderen Moderator Andreas Gröbl alles richtig gemacht, denn die Sendung „Sport und Talk" lieferte über weite Strecken einen erfrischend offenen Diskurs zu den grundlegenden Problemen im österreichischen Eishockey, wie er im medialen Rampenlicht viel zu selten geführt wird. Zwar blieben die obligatorischen inhaltsschwachen Phrasen nicht gänzlich aus, vielfach wurde jedoch kontroversiell über die Schwächen des nationalen Eishockeys diskutiert, wobei EBEL-Manager Christian Feichtinger recht zu geben ist, wenn er die Unterscheidung der Entwicklung der Liga von jener des österreichischen Eishockeys generell einforderte.

Nationaltrainer geht in die Offensive
Als äußerst angriffslustig präsentierte sich Nationaltrainer Bill Gilligan, der schon eingangs mit der Mär des in Pressekonferenzen und -aussendungen vielfach verwendeten Stehsätzchens des „erneut gestiegenen Niveaus der EBEL" aufräumte und ganz richtig anmerkte, dass nicht die Klasse sondern lediglich die Ausgeglichenheit innerhalb der Liga eine größere geworden ist. Auch seiner Grundeinschätzung, dass Österreich in Bezug aufs Eishockey „nicht das Land der Konzepte" sei und hierzulande vielerorts „nach dem Zufallsprinzip" gearbeitet werde, ist wohl uneingeschränkt zuzustimmen. Verbandskapitän Giuseppe Mion entgegnete, dass ein solches Programm sehr wohl existiere und spielte dabei auf die von Gilligans Vorgänger Lars Bergström entwickelte „Vision 2014" an.
Dass diese auch zwei Jahre nach der Implementierung noch in weiten Teilen ihrer Umsetzung harrt, ist schwer wegzudiskutieren. Bei den Nachwuchsnationalteams zeigt die Tendenz eher nach unten, das von Salzburg-Coach Pierre G. Pagé identifizierte „Loch" bei den nachrückenden Jahrgängen 1993 bis 1995 verschärft die Situation zusätzlich. Der nötige umfassende Reformprozess bleibt in Österreich jedoch im Regelfall im Netz der Interessenskonflikte zwischen Liga, Verband und Vereinen stecken, wobei bei letzteren zunehmend zwischen den sechs EBEL-Klubs und dem Rest unterschieden werden muss. Während sich Pagé und Capitals-Vizepräsident Martin Platzer „eine starke Person" wünschen, die den „verfahrenen Karren" (Zitat Giuseppe Mion) wieder auf Kurs bringt, kann sich Mion vorstellen, „eine vereinsunabhängige Person oder Personengruppe von außen" ins Boot zu holen. Zu hoffen bleibt, dass sich die Entscheidungsträger im ÖEHV diesem konstruktiven Lösungsansatz des Verbandskapitäns nicht verschließen.

Unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten
Während sich die EBEL strukturell von Jahr zu Jahr weiterentwickelt, herrscht in weiten Teilen der restlichen österreichischen Hockeylandschaft eher Stillstand. Daraus resultiert eine gewisse an ökonomische und organisatorische Faktoren gebundene Abgehobenheit der Liga, nie in den mehr als zehn Jahren seit dem Ligacrash des Jahres 2000 war es illusorischer, dass eine weitere österreichische Mannschaft den Einstieg in die EBEL wagt als zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
Doch ein wesentlicher Anteil der für das Nationalteam mittel- und langfristig wichtigen Nachwuchsarbeit geschieht bei Vereinen, deren Kampfmannschaft nicht in der EBEL spielt. Umso wichtiger wird dieser Unterbau, berücksichtigt man etwa den Umstand, dass zwei der sechs österreichischen Erstligaklubs (trotz anderslautender Verpflichtungen in den Durchführungsbestimmungen der österreichischen Nachwuchsmeisterschaften) keine Teams in der höchsten Spielklasse der Jugendmeisterschaft (U20) stellen. Ligamanager Christian Feichtinger ortet dennoch „keine Probleme in der Nachwuchsarbeit" der österreichischen EBEL-Klubs.

Eisflächen und Trainerausbildung
Als zentrales Manko orteten alle bei „Sport und Talk" diskutierenden Experten die vergleichsweise geringe Anzahl an überdachten Eisflächen in Österreich. Mindestens ebenso wichtig und vor allem kurzfristiger und mit geringerem finanziellen Aufwand verbunden wäre eine „Traineroffensive", wie sie von den beiden Coaches in der Runde eingefordert wurde. Nationaltrainer Gilligan wünscht sich professionellere Trainer, Salzburg-Headcoach Pagé regt an „Trainern mehr zu bezahlen oder mehr Trainer zu bezahlen" - beide sprechen dabei vom Nachwuchsbereich, wo in Österreich in der Tat viel zu häufig ehemalige Profis, die teilweise nicht mehr als ihre eigene Erfahrung als Spieler einbringen können, eingesetzt werden. Die unverhältnismäßig geringen Aufwandsentschädigungen heben deren Motivation, zusätzliche Zeit in ihre sportwissenschaftliche und pädagogische Aus- und Weiterbildung zu investieren, auch nicht gerade.

Der Reformstau im nationalen Eishockey ist erheblich und dem Ziel der Etablierung als A-Gruppen-Nation sehr hinderlich. Die knapp einstündige Diskussion am Montagabend auf Servus TV hat daran wenig überraschend nichts geändert, doch sie kann als erster Schritt betrachtet werden, da einige der eklatantesten Probleme deutlich und öffentlich angesprochen wurden.

  • Teamtrainer Bill Gilligan (re) ging vom Flügel aus zum Angriff über.
    foto: servus tv

    Teamtrainer Bill Gilligan (re) ging vom Flügel aus zum Angriff über.

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