Das tägliche Bangen im Integrationshaus

2. November 2010, 20:02
6 Postings

Ein Drittel der Bewohner fürchtet sich vor Abschiebung - "Das gab es früher nicht"

Wien - An der Wand im Arbeitszimmer von Andrea Eraslan-Weninger hängen lachende wie ernste Gesichter. Fotos von Familien aus Afghanistan, ein junges indisches Mädchen im dunkelgrünen Sari, das Porträt eines alten Mannes aus Nordafrika, der in die Kamera lächelt.

Sie alle waren Bewohner des Integrationshauses in der Leopoldstadt. Eraslan-Weniger ist seit der Gründung 1994 die Geschäftsführerin der Einrichtung. In dieser Zeit hat sie viele Flüchtlinge, Asylwerber und Migranten dabei unterstützt, sich in Österreich ein neues Leben aufzubauen. "13 Jahre lang ist es uns gelungen, dass kein Bewohner das Land verlassen musste - das hat sich vor zwei Jahren geändert", sagt sie. Aktuell bange ein Drittel der Schutzbedürftigen um den Aufenthalt. "Das hat es vorher nicht gegeben", meint Eraslan-Weninger.

Mehr als 1400 Personen werden derzeit ambulant betreut. Sie wohnen privat, kommen aber regelmäßig zur Beratungsstelle. Meistens geht es um Rechtsfragen oder psychologische Unterstützung. Viele sind traumatisiert, die oft jahrelangen Asylverfahren gehen an die Substanz.

Großer Andrang

Der Andrang der Hilfesuchenden in der Rechtsberatung ist über die Jahre besonders groß geworden. Immer häufiger geht es um den Einsatz des humanitären Bleiberechts. Weil das Innenministerium fast alle Finanzmittel für unabhängige Rechtsberatung gestrichen hat, finanziert sie sich mittlerweile aus Spendengeldern.

Im Haus selbst leben 24 Nationen unter einem Dach: Menschen aus dem Kosovo, Nigeria, Armenien, Tschetschenien - die Liste der Länder ist lang, in denen die Menschenrechte nicht den höchsten Stellenwert genießen. 110 Wohnplätze gibt es insgesamt in der Engerthstraße, die größten sind 60 m² groß, die kleinsten gerade einmal 20. Den Familien steht eine möblierte Wohneinheit mit Kochnische zur Verfügung, Toiletten und Duschen befinden sich am Gang und werden gemeinsam genutzt. Die Bewohner verharren lang in dieser Heimsituation, meist leben sie drei bis fünf Jahre im Integrationshaus - ohne Tagesstruktur. Bis auf "Erntearbeit" sind sie vom Arbeitsmarkt so gut wie ausgeschlossen.

Werden sie als Flüchtling anerkannt, folgt der Anspruch auf Grundversorgung - und der obligate Umzug in eine "Finalwohnung", falls eine leistbare gefunden werden kann. Meist kommt es jedoch zu diversen Wechseln zwischen Übergangsquartieren. "Die Umstellung erfordert viel Selbstständigkeit und ist emotional belastend", erklärt Lydia Krob, die Psychologin im Integrationshaus. (Julia Herrnböck/DER STANDARD - Printausgabe, 3.11.2010)

  • Die aktuelle Werbekampagne des Intergrationshaus bringt Alltagsprobleme auf den Punkt. Viele Bewohner im Haus in der Wiener Leopoldstadt sind vom Arbeitsmarkt so gut wie ausgeschlossen.
    foto: screenshot/www.integrationshaus.at

    Die aktuelle Werbekampagne des Intergrationshaus bringt Alltagsprobleme auf den Punkt. Viele Bewohner im Haus in der Wiener Leopoldstadt sind vom Arbeitsmarkt so gut wie ausgeschlossen.

Share if you care.