Mit einem griechischen Laufzettel ins Nichts

2. November 2010, 19:35
43 Postings

Am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros wurden Gendarme der EU-Grenztruppe Frontex stationiert. Was sie dort tun sollen, ist unklar

Bis dahin hat eigentlich alles geklappt. 21 Tage vom Osten Afghanistans zu Fuß, in Kleinbussen und auf Lastwagen bis nach Europa, bis zur türkisch-griechischen Grenze. Die jungen Männer sind schnell vorangekommen. Auch den Evros haben sie überquert, im Schlauchboot wie alle anderen, haben sich auf der anderen Seite des Grenzflusses von der griechischen Polizei einsammeln lassen und waren nach vier Tagen schon wieder frei. Eine Sturmfahrt ins neue Leben.

Und jetzt das: Die zehn Männer kauern in der Dunkelheit am Straßenrand auf dem Boden. Sie finden den Bahnhof nicht. Seit Stunden sind sie im Kreis über Felder und Schnellstraßen gelaufen in ihren schwarzen Hosen und Pullis, Plastiktaschen in der Hand. Einer hat seine Schuhe ausgezogen. Es gibt keinen Bahnhof hier, haben die Griechen gesagt. Es stimmt nicht. Der nächste ist praktisch um die Ecke in Feres, eine der Kleinstädte im Grenzgebiet. Aber der letzte Zug nach Athen ist längst weg. Sieben Grad zeigt das Thermometer an.

„Ruf eine Nummer in Athen an", bettelt Razul Khan, „es ist ein Freund meines Bruders in London. Sag ihm, ich bin in Griechenland". Khan will nach England und die anderen Männer ebenso. Ein Papier von der griechischen Grenzpolizei hat er auch dabei. Darin steht, er möge Asyl beantragen oder Griechenland binnen 30 Tagen verlassen. Es ist sein Laufzettel ins Nichts, ein absurdes Dokument der europäischen Asylpolitik, die in Griechenland gerade zusammengebrochen ist. Denn im schwächsten Land der EU wird kein Asylantrag mehr bearbeitet, dafür nutzen die Flüchtlinge die Chance zur Weiterreise. Gut möglich also, dass es Khan und seine Freunde bis nach Calais an den Ärmelkanal schaffen. Dann ist Schluss.

Über Bord gegangen

400 Flüchtlinge setzen derzeit jeden Tag über den Evros, so sagen die Griechen - 300 am oberen Flusslauf um Orestiada, der größten Stadt im Grenzgebiet, 100 am unteren Ende im Evros-Delta, einem Naturschutzgebiet. Macht 2800 Menschen in der Woche und 12.000 im Monat. Asylrecht und europäische Menschenrechtskonvention sind längst über Bord gegangen. Razul Khan, der junge Afghane, und seine Gruppe waren in dem Dorf Tihero in einem der kleinen überfüllten Gefängnisse entlang der Grenze in Haft. Die Polizei ließ sie nach vier Tagen frei, um Platz zu machen für die nächste Busladung vom Evros. In Tihero zum Beispiel, so berichteten zwei griechische Rechtsanwältinnen nach einer Tour durch die abgewrackten Gefängnisbauten und umfunktionierten Lagerhallen, werden Frauen und Männer gemeinsam in Zellen gepfercht. Es gibt keine Anhörung der Flüchtlinge, keine Aufklärung über ihre Rechte, keine Übersetzung. Übrigens auch kaum Betten, frische Wäsche, Freigang oder akzeptables Essen. Flüchtlinge aus dem Iran, Syrien oder dem Irak bleiben dort anders als die Afghanen und Pakistani wochen- oder monatelang in Haft. Die Türkei nimmt sie in der Regel wieder zurück und schiebt sie dann ab in die Nachbarländer. Was dort mit ihnen geschieht, bleibt oft im Dunkeln.

Auch den Evros sieht man die meiste Zeit nicht leicht. Verborgen hinter hohen Pappeln und Weiden schlängelt er sich vom bulgarisch-griechisch-türkischen Länderdreieck, 130 Kilometer bis hinunter zur Ägäis. Der Großteil des Flusses ist Sperrgebiet. Die Minen aus der Zeit mit der Türkei soll die griechische Armee mittlerweile geräumt haben; die Anwohner glauben das nicht. Zumindest die kleinen roten Warndreiecke mit den Totenköpfen sind an den Grenzzäunen geblieben. 1000 Dollar kostet der nächtliche Weg vom Sammelpunkt Istanbul bis zum Fluss, so berichten Flüchtlinge; Iraker und Iraner zahlen mehr. Keine zehn Minuten dauert die Überfahrt im Boot, in das die Flüchtlinge von ihren Schleppern gesetzt werden. Ungefährlich ist die Fahrt keineswegs. Viele können nicht schwimmen. Kippt das Boot in der Strömung, ertrinken sie.

Land ohne Asyl

Was die 175 Gendarme der EU-Grenztruppe Frontex machen sollen, die seit Wochenbeginn auf der griechischen Seite des Evros stationiert werden, ist nicht wirklich klar. Durchs Fernglas schauen und Protokoll führen? Die Flüchtlinge zurück in die Türkei treiben? Sie verhaften? Das erlaubt nicht ihr Mandat, und die Flucht endet sowieso in Griechenland: In Nea Vissa, einem langgezogenem Dorf, dessen Felder bis zum Grenzzaun reichen, warten die „Illegalen" frühmorgens schon auf die Polizei. Es sind dieses Mal nur an die 20 Flüchtlinge, die ein einzelner Polizist mit einem Bus abholt, - Männer, Frauen, auch mit kleinen Kindern. Müde Gesichter blicken durch die Fensterscheiben, benommen von der Nacht ohne Schlaf und der Kälte. Wieder beginnt ein erster Tag im Land ohne Asyl. (Markus Bernath aus Orestiada/DER STANDARD - Printausgabe, 3.11.2010)

  • Artikelbild
    foto: derstandard/markus bernath
Share if you care.